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Die andere Seite des Statistik-Direktors Ernst Hasse

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    Am 24. fragte die „Zeit“ online: „Wen wir ehren. In deutschen Städten heißen Straßen immer noch nach Kolonialverbrechern und Sklavenhändlern. Warum?“ Im Beitrag beschäftigte sich Christian Kopp mit den Straßen, die in deutschen Städten noch immer an den deutschen Kolonialismus und seine Hauptakteure erinnern. Das ist auch in Leipzig noch heute der Fall.

    Was man leicht herausfinden kann, wenn man dem Hinweis auf die Website „freedom roads!“ folgt, wo man im Städteverzeichnis die wichtigsten Straßen verzeichnet findet, die noch heute an die unter Kanzler Bismarck eingeleitete deutsche Kolonialpolitik erinnern. Womit schon Kandidat Nr. 1 genannt ist. 1884/1885 hatte Bismarck die europäischen Kolonialmächte zur sogenannten Afrika-Konferenz oder auch Kongo-Konferenz eingeladen, um die kolonialen Interessen in Afrika abzustecken.

    Vorhergegangen war dem 1883 der „Erwerb“ von Gebieten in Südwestafrika durch den deutschen Kaufmann Adolf Lüderitz, mit denen der Auftritt der Kolonialmacht Deutschland in Afrika ins Rollen kam. Man findet aber weder die Bismarckstraße noch die Lüderitzstraße in der Auflistung von „freedom roads!“, weder die ehemalige Bismarckstraße, die heutige Ferdinand-Lassalle-Straße, die von 1873 bis 1945 den Namen Bismarck trug, noch die heutige Bismarckstraße in Großzschocher.

    Auch die Lüderitzstraße findet man nicht, obwohl es in Leipzig eine gab – seit 1914 hieß die heutige Gregor-Fuchs-Straße Lüderitzstraße – benannt nach eben jenem Adolf Lüderitz. Das Benennungsjahr macht schon deutlich, dass mit der Benennung auch schon der Versuch begann, das kurze, blutige Kolonialzeitalter des Deutschen Reiches zu feiern und den Kolonialismus in der Öffentlichkeit wach zu halten. Denn 1914 wurde der beginnende Krieg natürlich auch als Krieg um die Neuaufteilung der Welt begriffen – nur dass der koloniale Spätstarter Deutschland dabei nicht mehr Land einheimsen, sondern alles wieder verlieren würde.

    Ein Jahr vor der Lüderitzstraße bekam Leipzig seinerzeit auch eine Wissmannstraße, benannt nach Hermann Wilhelm Leopold Ludwig Wissmann, dem Gouverneur von Deutsch-Ostafrika. Damals wurde die Alleestraße in Leipzig-Neustadt nach ihm benannt. Das ist die heutige Schulze-Delitzsch-Straße.

    Wissmann wird in der Liste von „freedom roads!“ erwähnt.

    Dafür fehlt eine weitere Straße mit Kolonialbezug: die einstige Windhuker Straße. Diese Straßenbenennung fällt schon in die Zeit nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, als die kolonialistischen Wiedereroberungsträume ins Kraut schossen. 1930 wurde eine Straße in Gohlis nach der Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Südwestafrika benannt – auch wenn es keine deutsche Kolonie mehr war. Seit 1947 trägt die Straße den Namen Segerstraße.

    Aber „freedom roads!“ lenkt den Blick nicht nur auf die Leute, die die deutschen Expansionsbestrebungen in den Kolonien durchsetzten.

    In der Liste taucht auch die Ernst-Hasse-Straße auf. Die heißt seit 1929 so – es ist eine kleine Anliegerstraße in Wahren. Und ohne den Hinweis auf „freedom roads!“ kommt man bei dem Namen eigentlich nicht ins Stutzen. Denn die amtlichen Quellen in Leipzig verweisen nur darauf, dass der Mann ab 1875 Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Leipzig war, dass er ein preisgekröntes Buch „Geschichte der Leipziger Messen“ schrieb und ab 1885 an der Universität Leipzig Vorlesungen über Statistik und Kolonialpolitik hielt.

    Wikipedia wird da deutlich ausführlicher, denn ein harmlos referierender Professor war Hasse nicht. Er gehörte zum Vorstand der Deutschen Kolonialgesellschaft und war von 1893 bis 1908 geschäftsführender Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes. Wikipedia zu diesem Agitationsverband: „Er wurde als eine der lautstärksten und einflussreichsten Organisationen des völkischen Spektrums wahrgenommen. Sein Programm war expansionistisch, pangermanisch, militaristisch, nationalistisch sowie von rassistischen und antisemitischen Denkweisen bestimmt.“

    Und was Hasse hier mit seiner Mitgliedschaft vertrat, vertrat er auch in seinen wichtigsten Schriften.

    „Mit seiner an Heinrich von Treitschkes nationalistischer Weltanschauung orientierten Haltung vertrat er uneingeschränkt völkisch-nationale und imperiale Ziele wie den Erwerb und Ausbau eines deutschen Kolonialreichs, territoriale Ausdehnung des Deutschen Reichs zur Führungsmacht in Europa, Flotten- und Heeresaufrüstung sowie Schutz und Förderung des Deutschtums im Ausland“, heißt es im biografischen Eintrag zu Hasse in der vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V. betreuten „Sächsischen Biografie“. „H. ist in seinen Bestrebungen, Deutschlands Stellung als Weltmacht notfalls auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen und mit seinen programmatischen Schriften zweifellos in die Reihe der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus einzuordnen.“

    In seinen Vorstellungen von der Neuaufteilung der Welt bezog er sich unter anderem auch auf den Geographen Friedrich Ratzel. „Diese Ideen von Ratzel, die später von zahlreichen Geographen weiterentwickelt und von Karl Haushofer instrumentalisiert wurden, gelten als wichtiger Impuls für die ‚Lebensraum‘-Ideologie im Nationalsozialismus“, schreibt Wikipedia zu seiner biologistischen Interpretation der Rolle von Staaten. Folgerichtig war auch der Leipziger Professor Friedrich Ratzel Mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft und im Vorstand der Leipziger Sektion.

    All die Ideen, mit denen ab 1919 die Nationalsozialisten hausieren gingen, waren vorher schon in weiten Teilen des konservativen Bürgertums fest verankert und oft auch mit knallharten wirtschaftlichen Interessen verquickt. Der von Hasse 1878 in Leipzig gegründete „Verein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Ausland“ ging später im Deutschen Kolonialverein auf. Und das Reichskolonialamt, das Hasse forderte, wurde 1907 tatsächlich eingerichtet.

    Und so ist auch in Leipzig der deutsche Kolonialismus mit mindestens drei Straßennamen noch präsent. Und im Fall Hasse wird auch deutlich, wie eng verwoben der alte kolonialistische Geist mit den bis heute grassierenden Vorstellungen einer „Homogenität“ des deutschen Volkes einhergeht. Und mit dem 1895 erschienenen Buch „Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950“ nahm Hasse dann auch einen Großteil der Hitler’schen Eroberungsvisionen vorweg.

    Das ist also kein wirklich friedlicher Statistiker, nach dem die Straße im nördlichen Wahren benannt ist.

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