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Warum Dr. Marx wieder gelesen wird und eine Reform der Wirtschaftslehrstühle überfällig ist

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    Am 26. Januar erzählte die „Zeit“ eine schöne Geschichte. Sie besuchte einen Lesekreis angehender Volkswirtschaftler an der Uni Münster, wo man nicht die Bibel liest, sondern ein anderes Mammut-Werk: „Das Kapital“ von Karl Marx. Das übrigens in diesem Jahr einen dicken runden Geburtstag feiert: Vor 150 Jahren erschien der erste Band des „Kapital“. Gedruckt in Leipzig. Daran erinnert sogar eine Gedenktafel.

    Otto Wigand druckte diesen ersten Band in seiner Druckerei am Rossplatz 3 b. Er war einer der wichtigsten Verleger für das Junge Deutschland, verlegte Ludwig Feuerbach, Arnold Ruge, Max Stirner. Den dicken ersten Band des „Kapital“ hat Wigand freilich nicht verlegt, sondern nur gedruckt für den Hamburger Verleger Otto Meissner. Was auch völlig egal ist. Oder sogar wichtig an der Stelle.

    Es hat mit der Frage zu tun, warum angehende Wirtschaftswissenschaftler heute wieder Marx lesen. Und zwar in ihrer Freizeit. Denn in ihrem Studium kommt er meist nicht vor – und wenn, dann nur am Rande.

    Das würde sich keine andere Wissenschaft trauen. Das wäre so, als würde die Biologie auf Charles Darwin verzichten und die Physik auf Planck und Einstein. Und alle würden so tun, als wäre das dann trotzdem noch eine Wissenschaft.

    Die „Zeit“ verweist zu Recht darauf, dass es nicht nur an der Uni Münster so ist, dass angehende Wirtschaftswissenschaftler zunehmend gegen das Schmalspurangebot rebellieren, das ihnen als Wirtschaftswissenschaft offeriert wird. Denn nichts anderes bleibt übrig. Meist begegnet man nur noch einer sinnentleerten Formelwelt, die den Markt als einzig gültiges Idealgebilde einer hochtheoretischen Wirtschaft denkt, stark durchsetzt mit neoliberalen Thesen, die einer Prüfung in der realen Welt nicht standhalten.

    Das Problem ist oben benannt: Man operiert nicht wesentliche Teile der eigenen Wissensbasis einfach aus dem Fundament und tut dann so, dass diese Wissenschaft noch etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Was Karl Marx den Apologeten der hochtheoretischen Wirtschaftsphilosophie sogar leicht gemacht hat, weil er fest davon überzeugt war, er müsste auch gleich noch die Rettung der Menschheit und die Machtübernahme des Proletariats verkünden. Gedroht hat er ja den Mächtigen auch oft genug. Was es dann den größten Deppen 1990 regelrecht leicht macht, den Mann auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ zu entsorgen. Was man entsorgt, muss man ja nicht lesen.

    Knapp 3.000 Seiten umfasst das Kapital. Wirklich fertiggestellt hat Marx nur Band 1. Die beiden anderen Bände hat sein Freund Friedrich Engels zusammengestellt aus Artikeln, die Marx zum Thema geschrieben hat. In der lesenswerten Marx-Biografie von Francis Wheen bekommt man ja ein Gefühl dafür, wie sehr sich Dr. Marx nach Veröffentlichung des 1. Bandes regelrecht sträubte, das Werk fortzusetzen. Nicht nur, weil es hochkomplex ist. Wahrscheinlich ahnte der Mann an der Stelle schon, dass er sich da viel zu viel aufgeladen hatte. Eine Aufgabe, um die sich bis heute hunderte Wirtschaftswissenschafts-Lehrstühle herumschwindeln. Denn in dem ganzen „Kapital“ steckt ja die unausweichliche Einsicht, dass der Kapitalismus, wie ihn Marx analysierte, alle, wirklich alle Lebens- und Gesellschaftsbereiche umfasste, durchdrang und korrumpierte.

    Es gibt übrigens kein einziges Buch, das derart deftige Lobgesänge auf die von Kapital getriebene Wirtschaftsentwicklung angestimmt hat. Und wer sich hineinliest in das extrem theoretische, aber sehr blumig und sprachlich mitreißende Werk, der merkt, dass in Band 1 tatsächlich die leichtere Aufgabe stand. Da hat er sich erst mal nur um den Produktionsprozess gekümmert.

    Das Wörtchen „nur“ ist jetzt mal untertrieben. Denn auch da haut er dem Leser einige Erkenntnisse um die Ohren, die man so bei den heutigen Theoretikern nicht mehr findet. Es ist eine enorme Arbeitserleichterung, wenn man „den Markt“ einfach idealisiert und in ein theoretisches Konstrukt verwandelt, in dem lauter rationale Austauschprozesse stattfinden.

    Was aber schon in Band 1 des „Kapital“ zu finden ist, ist die für Marx unübersehbare Tatsache, dass kein einziger Austauschprozess rational abläuft. Dazu gibt es zu viele divergierende Absichten und Handlungszwänge. Aber die jungen Studierenden aus Münster haben schon Recht: Das Buch macht Kopfzerbrechen. Deswegen kommen die meisten nur bis zu Dingen wie Produktionskosten und Warenwert und der ziemlich billigen Einsicht, man müsse die Dinge nur immer billiger herstellen und könne damit die teure Konkurrenz einfach vom Markt fegen.

    So ungefähr ist das, was wir heute als Wirtschaftswissenschaft verkauft bekommen. Eine regelrechte Scheuklappenwissenschaft, die auch völlig ignoriert, wie sich das akkumulierte Kapital auch seine politischen Rahmenbedingungen schafft. Ein Biotop, in dem es besonders gut gedeiht. Was übrigens schon in Band 1 in die Kolonisationsphase mündet.

    Der 2. Band ist dann eindeutig der dünnste von den dreien. Es war die „Zirkulationsphase“ des Kapitals, an der Karl Marx vielleicht nicht verzweifelt ist. Aber wohl müde wurde, denn da begegnete er einem Gespenst, das sein bis heute so gefürchtetes „Gespenst des Kommunismus“ regelrecht winzig und lächerlich erscheinen ließ. Denn in seinem ungeheuren Drang, sich immerfort zu vermehren und immer mehr Lebensbereiche restlos zu durchdringen, fegt das geballte Finanzkapital selbst die stursten Diktatoren weg. Meist muss es das nicht mal. Es muss nur eine Bockwurst hinhalten, und die Massenmörder werden zu Kaninchen.

    Möglicherweise ahnte das der Doktor in London, der fortan immer mehr Gründe fand, sein angekündigtes Lebenswerk eben doch nicht zu Ende zu schreiben.

    Darüber kann man grübeln. Vielleicht tauchen auch ein paar Forscher in die Archive ab, um herauszufinden, was ihn zaudern ließ.

    Aber eines ist nicht zu übersehen: Dass Marx für einen Großteil der Wirtschaftswissenschaften steht, die im 19. Jahrhundert begonnen haben, die Ideen eines Adam Smith aus der hohen Theorie in die nachprüfbare Realität zu holen und die Folgen des kapitalgetriebenen Wirtschaftens in allen Lebensbereichen zu erforschen. Denn wer so tut, als hätte das Big Business keinen Einfluss auf Moralvorstellungen, Medien, Politik, Privatleben, Kultur und Politik, der hat nicht begriffen, was für eine Power das entfesselte Kapital tatsächlich hat. Und wie es wirklich alles dienstbar macht, auf alles zugreift, was sich nicht wehren kann. Mit all den verwirrenden Folgen unserer Gegenwart – bis hin zum Ressourcenverbrauch, der Zerstörung der Biodiversität, aber auch unseres demokratischen Selbstverständnisses.

    Auch das findet man da: Das Kapital produziert seine Krisen und Katastrophen sehr systematisch. Und wo Marx noch den Hebel sah, die Krise als Chance zur großen Arbeiterrevolution zu nutzen, muss er zumindest so ab 1871 geahnt haben, dass das Kapital Krisen und Zusammenbrüche sogar regelrecht liebt – denn da lässt sich noch viel schneller noch viel mehr Geld verdienen als in Friedenszeiten.

    Man muss Marx nicht mögen. Aber mit der in Deutschland mal wieder rigorosen Entfernung all dessen, was irgendwie an Marx und seine universale Sicht auf die menschliche Wirtschaftsweise erinnert, aus dem Lehrbetrieb der Hochschulen, hat man eine ganze Wissenschaft amputiert.

    Eigentlich hat man sie zur Nicht-Wissenschaft gemacht. Denn wenn die Ergebnisse dessen, was von den Kathedern verkündet wird, dem Test in der Wirklichkeit nicht standhalten, dann  hat das mit Wissenschaft nichts zu tun. Es sieht nur so aus. Die Formelapparate sind beeindruckend. Und Politiker lassen sich davon gern blenden. Aber was gar nicht mehr vorkommt, ist die permanente Interaktion von Kapital, Markt, Gesellschaft, Denken. Denn der „Fetischcharakter der Ware“ verändert auch permanent das Verhalten der Menschen gegenüber dem mit Bedeutung aufgeladenen Produkt, verwandelt aber auch Dinge, die eigentlich kein Produkt sind, in käufliche Waren. Das alles hat Folgen – bis hin zur kompletten Ratlosigkeit der bis dato regierenden Politiker dem Mythos Markt gegenüber. Das steckt ja hinter Margaret Thatchers „There is no alternative“.

    Was sich bis in die dem Markt unterworfenen Hochschulen fortgesetzt hat. Bologna war nichts anderes als die Anwendung einer Prozessoptimierung auf ein als uneffektiv und anarchisch empfundenes Hochschulsystem.

    Zumindest ein paar hellere Geister haben begriffen, dass das ein Grundfehler war. Denn seinen Saft bekommt der große Kreislauf nicht aus sich selbst. Die wichtigsten Zutaten werden alle außerhalb der Marktkreisläufe geboren – von Kreativität bis zur wissenschaftlichen Bildung, von der Ressource Phantasie bis hin zu den notwendigen (gesellschaftlichen) Infrastrukturen, ohne die die große Maschine nicht läuft.

    Zumindest viele junge Forscher ahnen, dass die Schmalspur-Wirtschaftswissenschaft von heute mit Wissenschaft nicht mehr viel zu tun hat. Sie haben sich im Netzwerk plurale Ökonomik zusammengeschlossen. Darin findet man dutzende Hochschulgruppen, die daran arbeiten, dass wieder eine wissenschaftliche Vielfalt der Forschungs- und Denkansätze in die Lehrstühle einzieht. Denn für Buchhalter mag das, was da derzeit als Wissenschaft verkauft wird, genügen. Zum Erkennen der Welt – und die ist ja kompliziert genug – hilft der ganze Formelkram überhaupt nicht.

    Da sollte man zumindest wissen, worüber Dr. Karl Marx damals alles so gestolpert ist. Und was davon auch heute noch so ist. Und warum. Und was das mit den Problemen unserer Welt zu tun.

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