Das Grassi-Museum für Völkerkunde feiert im Herbst 150 Jahre

Für alle LeserClara Schumann hat es ja am Ende doch noch geschafft, einen ordentlichen Veranstaltungsreigen im Leipziger Jubiläumsjahr 2019 zu bekommen. Die Leipziger Disputation, die sich zum 500. Mal jährt, war schon vorher bedacht, der 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution auch. Für Carl Heine wurde es am Ende knapp. Und nun stellt die Linke fest: Da fehlt doch noch was. Wo ist denn der Geburtstag des Völkerkundemuseums?

Auch wenn das Museum für Völkerkunde heute eine Landessammlung ist, ging es genauso wie das Bildermuseum aus einer Leipziger Bürgersammlung hervor. „1869 wurde das Museum von der Leipziger Bürgerschaft gegründet“, kann man auf der Homepage des Museums lesen.

„Durch zahlreiche Schenkungen, Ankäufe und Zuwendungen aus aller Welt konnte der Sammlungsbestand in den darauffolgenden Jahren beträchtlich erweitert werden. Viele seiner kostbaren Bestände verdankt das Museum Freunden des Hauses, Mäzenen und Förderern. Berühmte Persönlichkeiten wie Heinrich Schliemann, der Entdecker von Troja, die Verlegerdynastien Brockhaus und Meyer, zu denen auch der Afrika-Forscher und Erstbesteiger des Kilimanjaro Hans Meyer zählt, waren seinerzeit dem Museum eng verbunden.“

1896 wurde die Sammlung erstmals im (alten) Grassi-Museum am heutigen Wilhelm-Leuschner-Platz (der heutigen Stadtbibliothek) zugänglich gemacht, 1920 zog die Sammlung mit der Kunstgewerbe-Sammlung um in das neu gebaute Grassi-Museum am Johannisplatz.

Es kommt also ein richtig dickes Jubiläum auf das Museum zu: 150 Jahre Sammlungsbestand.

Aber weit und breit hat der Landtagsabgeordnete Franz Sodann (Die Linke) keinen Hinweis darauf finden können, dass das Museum ein solches Jubiläum feiert. Also hat er beim zuständigen Land angefragt und die zuständige Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) hat ihm geantwortet.

„Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) werden zum Ende des Jahres 2019, insbesondere im Monat November, das Gründungsjubiläum des Grassi-Museums für Völkerkunde Leipzig im Grassi-Museum begehen. Die in diesem Jahr begonnenen Vorbereitungen sehen eine historische Präsentation in der ständigen Ausstellung und ein Festprogramm mit Konzerten, Diskussionsforen etc. vor, welches die Museumsgeschichte im Dialog mit den Besuchern vermitteln soll“, teilt sie ihm mit. „Die bisherigen Vorschläge werden nach dem Dienstbeginn am 01.02.2019 der neuen Direktorin, Frau Meijer-van Mensch, weiterentwickelt und abschließend festgelegt.“

Augenscheinlich hat nur der Wechsel in der Museumsleitung eine größere Werbeaktion bis jetzt ausgebremst.

Und Extra-Geld, um richtig zu feiern, gibt es erst einmal nicht, so Stange: „Die notwendigen finanziellen Mittel werden den Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen (SES) mit dem Grundbedarf des Museums für das Jubiläumsjahr zur Verfügung gestellt.“ Man muss also mit dem üblichen Budget auskommen. Die Fach-Expertinnen im Museum sind schon in der Konzeption, teilt die Ministerin mit. Aber was am Ende wirklich passiert, wird erst die neue Direktorin festlegen.

Megalopolis. Foto: Mo Zaboli

Megalopolis. Foto: Mo Zaboli

Wobei man nicht warten muss bis zum Jubiläum. Große Themen hat das Museum im Grassi-Komplex schon lange im Repertoire. Seit Dezember ist die eindrucksvolle Sonderausstellung „Megalopolis – Stimmen aus Kinshasa“ zu sehen. Sie zeigt nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart der Völkerkunde.

Das Grassi-Museum für Völkerkunde zu Leipzig hat ein Kollektiv unterschiedlichster Künstler aus Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, eingeladen. Mittels Musik, Film, Performances, Installationen, Skulpturen, Malerei und noch vielem mehr soll die Megastadt Kinshasa von ihnen präsentiert werden.

Das Künstlerkollektiv hat dabei freie Hand. Das Prinzip der „Carte Blanche“ ändert die Spielregeln des ethnologischen Museums. Dieses Mal ist es keine Ausstellung durch die Augen eines europäischen Akademikers, sondern es sind die Einwohner Kinshasas selbst, die ihre Stadt ohne Filter an die Museumsbesucherinnen und -besucher vermitteln.

Anlässlich der Ausstellung werden in der Präsentation „Raus aus den Schränken!“ Objekte, die vor mehr als hundert Jahren im Kongo gesammelt wurden, sowie Fotografien aus dem Museumsarchiv gezeigt. Sie geben einen Einblick in die Sammlungsbestände aus dem Kongo und die Geschichte des Museums.

Zu sehen ist diese Ausstellung bis zum 31. März.

Zwei Termintipps in der nächsten Woche:

Mittwoch, 23. Januar, 19 Uhr: „Salam Deutschland: Salongespräch“ – „Wir haben unsere Revolution schon gehabt“ – Junge Straßenverkäufer in Algier im Gespräch mit der Islamwissenschaftlerin Britta Elena Hecking. Kein anderer Ort verkörpert die umkämpfte Geschichte der algerischen Hauptstadt so exemplarisch wie der Märtyrer-Platz. Er war die erste städtebauliche Intervention zu Beginn der französischen Kolonialzeit und wurde zu Ehren der algerischen Unabhängigkeitskämpfer in den 1960er Jahren in „Märtyrer-Platz“ umbenannt.

Heute ist der Ort nicht nur Schauplatz politischer Kämpfe, sondern selbst eine umkämpfte Ressource zwischen den Akteuren ambitionierter Stadtentwicklungsprojekte und den Nutzungsinteressen junger Straßenverkäufer. Letztere „navigieren“ in den Straßen rund um den Platz zwischen Alltagsbewältigung und Zukunftsplänen.

Donnerstag, 24. Januar, 17 Uhr: Kurzführung „Voyage rapide“ – Kinshasa Edition! Eine schnelle spannende Tour mit kleiner Diskussion im Anschluss. Mit wechselnden ethnologischen Schwerpunkten bieten wir Besucher*innen eine Möglichkeit, uns besser kennenzulernen.

Jubiläum
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