Festivaltagebuch

DOK Leipzig, Tag 3: Monster, die durch Wälder sägen

Für alle LeserBeim DOK Leipzig fühlte man sich am dritten Festivaltag an den Hambacher Forst erinnert. „The Time of Forests“ thematisiert das Abholzen riesiger Wälder, interessiert sich dabei aber vor allem für den Gegensatz von klassischem Handwerk und industrieller Massenabfertigung. Außerdem: In „Women with Gunpowder Earrings“ begleitet die Kamera eine Journalistin in den Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Dabei wird diese schnell selbst zur Aktivistin.

Die 61. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK, bleibt auch am dritten Tag relevant für das tagespolitische Geschehen in Deutschland. Und wieder einmal handelt es sich dabei wohl eher um einen Zufall. Kaum ein anderes Thema dominierte in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen so stark wie die Konfrontation im Hambacher Forst.

Während der Energiekonzern RWE weitere Teile des kleinen Rests roden wollte, besetzten Aktivisten den Wald. Die Polizei holte sie von den Bäumen; dann entschied ein Gericht, dass die Geräte vorerst stillstehen müssen. Der Kampf um den Hambacher Forst wurde zu einem Symbol für Umweltaktivismus, Klimawandel und die Frage, was mit unzähligen Arbeitsplätzen in einem klassischen Bereich geschehen soll.

Daran muss man denken, wenn man die französische Dokumentation The Time of Forests gesehen hat. Diese thematisiert das Handwerk traditioneller Holzfäller und die in Zeiten der ungehemmten Globalisierung voranschreitende Technologisierung. Wenn riesige Maschinen mit ihren gewaltigen Greifarmen gnadenlos die Bäume umknicken, erinnert das an fürchterliche Monster aus Science-Fiction-Blockbustern.

Leblose Wälder entstehen

Fürchterlich ist aber vor allem das, was rund um diese massenhafte Abholzung geschieht: Leblose Wälder ohne Tiere und Geräusche entstehen am Reißbrett, um Jahrzehnte später wieder vernichtet zu werden. Nebenbei sterben auch traditionelle Wälder.

Regisseur François-Xavier Drouet lässt traditionelle Förster, Mitarbeiter von kleinen Sägewerken und die Natur liebende Holzfäller ebenso zu Wort kommen wie Vertreter der großen Industrie, die einen Wald lediglich als Investition betrachten – in die Zukunft des eigenen Unternehmens. Der Film bleibt dabei lange Zeit neutral, erst am Ende schlägt er sich auf die Seite der sogenannten kleinen Leute.

Von Distanz oder vielmehr davon, wie schnell man diese aufgeben kann, handelt auch die Doku Women with Gunpowder Earrings. Diese begleitet eine Journalistin im Kampf der irakischen Armee gegen den „Islamischen Staat“. Zunächst nimmt sie die klassische Rolle als Beobachterin ein, doch schon nach wenigen Filmminuten ist davon nichts mehr zu sehen. Sie wird zur Helferin und kümmert sich vor allem um die Kinder in den Flüchtlingslagern – und übertritt dabei auch klare Grenzen, etwa wenn sie andere Frauen belästigt, um Antworten auf ihre Fragen zu erhalten.

Bilder wiederholen sich

Es mag zynisch klingen, doch das, was dieser Film zeigt, hat man in den vergangenen Jahren zur Genüge gesehen: leere Kinderaugen und tote Menschen. Die blutigsten Kriege seit langer Zeit dauern immer noch an. Hin und wieder findet man Berichte in Zeitungen oder Nachrichtensendungen, aber grundsätzlich haben sich große Teile der Weltbevölkerung daran gewöhnt.

Weswegen es selbstverständlich gut ist, dass „Women with Gunpowder Earrings“ diese Bilder einmal mehr zeigt und der Gewöhnung entgegentritt. Letztlich macht es auch keinen Unterschied, ob man zum ersten oder zum hundertsten Mal sehen muss, wie ein Kind davon berichtet, die Ermordung der eigenen Mutter erlebt zu haben. Es ist jedes Mal unerträglich.

Leider wirkt der Film lediglich wie eine eher willkürliche Abfolge von Szenen. Eine stärkere Dramaturgie wäre wünschenswert gewesen. Der starke Fokus auf die Journalistin, die durchweg zu sehen ist, erscheint in diesem Zusammenhang zwar sinnvoll, ist an manchen Stellen jedoch fragwürdig. Wenn nach einem Anschlag zahlreiche Menschen gestorben sind und sie in diesem Moment eher eine Randfigur darstellen sollte, fühlt es sich fast so an, als sei ihr Leid in diesem Moment wichtiger als beispielsweise das der Schwerverletzten.

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