Erinnerungen sind etwas Wundervolles. Volly Tanner in seiner Badewanne, damals in der Hähnelstraße, das upsetter-Fanzine in der Hand und lachend seiner jetzigen Gattin durch die Wohnung entgegen rufend: „Anke, komm mal her, das muss ich Dir vorlesen“. Neulich traf Tanner Matti, den Mann hinter dem Zine, auf dem Lindenauer Markt und fragte ihn aus. Schließlich steht nach langer Zeit eine glorreiche Neuauflage mit einer Nummer 10 in den Startlöchern.

Hallo Matti. Endlich kommt – nach einer wirklich dunklen Zeit des Darbens – die Nummer 10 des legendären „upsetter“. Für die wenigen Menschen, die bis jetzt noch nicht in den Genuss kamen, dieses faszinierende Druckwerk zu lesen, was war, ist und wird denn der upsetter (sein)?

Der „upsetter“ entstand damals aus dem Wunsch heraus, die handzahme Printmedienlandschaft von Leipzig ein bisschen aufzumischen. Was es da zu lesen gab, war entweder bieder, neutral-informativ oder langweilig. Und schon gar nicht lustig. Als ich dann zum ersten Mal das Vice-Magazine in den Händen hielt und sah, wie ungeniert da Gonzo-Journalismus betrieben wurde, wollte ich genauso etwas machen, nur eben für meine Heimatstadt.

Gonzo bedeutet ja nichts anderes, als dass der Autor sich selbst in den Text mit einbindet, anstatt wie gewohnt neutral zu beobachten. Er darf schimpfen, seinen privaten Senf dazugeben und jede althergebrachte Regel des Journalismus getrost missachten, solange sein Text Biss hat. So entstand dann ein Fanzine im weitesten Sinne, das sich anfangs hauptsächlich damit beschäftigte, meine zahlreichen Feinbilder in Grund und Boden zu diffamieren.

Etwa LVB-Maskottchen, schlechte Bands oder Nazis. Grundsätzlich bestand immer der Anspruch, den Leser zum Schmunzeln zu bringen, also gab es dann auch Foto-Stories, herrlich absurde Kolumnen, Horoskope, Todesanzeigen oder Reiseberichte aus den finstersten Ecken Europas. Am besten schienen allerdings die Kneipen-Berichte anzukommen, weswegen sich das irgendwann zum Steckenpferd des upsetters entwickelte: Wir gingen in Kneipen, in die sich nie ein Mensch trauen würde und pressten die skurrilen Erfahrungen in Texte. Für die neue Ausgabe wird dieser Kurs wohl zunächst beibehalten werden, obwohl wir da schon Pläne haben, uns aus dem muffigen, regionalen Eckkneipen-Dunst herauszuschreiben.

Das neue Heft machst Du ja nicht alleine. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Max Beckmann?

Ich kenne Max von zahlreichen Lesungen, als Leser wie als Hörer, und war von seinen Texten schon immer beeindruckt. Der Mann haut Sätze wie Kinnhaken raus. Außerdem bin ich großer Fan der „Fettliebe“, einer Zeitschrift, die er als Autor und Redakteur mit betreibt und die ich jedem nur wärmstens ans Herz legen kann, der mal was Frisches lesen will. Aus zwei Gründen hätte ich ihn gern bei der Nummer 10 des upsetters dabei. Erstens erzählt er dir nicht bloß, dass er was machen wird, sondern macht es auch. Und zweitens kannst du mit ihm prima Bier trinken.

Und dann auch noch erstmals mit Vierfarb-Cover. Hast Du keine Angst, dass Dich jetzt die Marktwirtschaft auffrisst?

Nein. Hier geht’s ja nicht um Geld. Wenn sich die Ausgaben für den Druck mit den Einnahmen decken, haben wir schon mehr erreicht, als wir uns vorstellen. Selbst wenn wir drauflegen, sind wir zufrieden, dass wir unsere Texte an den Mann bringen können. Das bunte Cover ist eine Huldigung an das Medium selbst und ne kleine Belohnung, 10 Ausgaben zustande gebracht zu haben. Nach so langer Auszeit wieder dieses Ding in den Händen zu halten, ist mir jede extra Mark wert. Außerdem wäre mir das neue Cover in schwarzweiß nicht sexy genug.

Gibt es schon etwas zu den Themen zu sagen?

Es wird wieder viel Vertrautes wie die Kneipenberichte geben, denn bei aller Gentrifizierung wollen diese herrlich tragischen, dunklen und verrauchten Orte der Geselligkeit einfach nicht aussterben. Solange es einen gastronomischen Abgrund in Leipzig gibt, wird der upsetter dort sein, um dir davon zu berichten. Allerdings haben wir schon angedacht, das Spektrum dessen etwas auszuweiten, um von ganzen Stadtteilen zu berichten, von denen noch kein Schwein gehört hat, oder von vergessenen Dörfern am Rande, in denen zahnlose alte Herren Skat im „Gasthof 3 Linden“ spielen.

Bisher sind das nur Ideen. Ich möchte zudem etwas mehr über die Musikszene von Leipzig bringen, denn ich bin viel auf Konzerten, die in Läden stattfinden, die noch nicht mal einen Namen haben oder innerhalb von zwei Monaten wieder verschwunden sind. Es gibt sehr gute, unbekannte Bands und Projekte im Westen, denen einfach ausgiebiger gehuldigt werden sollte. Der literarische Teil des upsetters soll auch etwas größer werden, da neben Max Beckmann auch andere Autoren mit dabei sind. Mehr soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden.

Neben Deiner Herausgeberschaft – was machst Du denn noch so den ganzen Tag?

Im Moment habe ich alle Hände voll zu tun, der Schiedsrichter zwischen meiner Prokrastination und meiner Bachelorarbeit zu sein. Außerdem bin ich Vater einer wunderbaren kleinen Tochter, die mir Löcher in den Bauch fragt und besser singt als ich. Ein paar mal die Woche schenke ich zudem als Barkeeper Drinks an die Hipster, Künstler, Banker und Punker von Plagwitz aus. Und wenn ich Zeit habe, schreibe ich Songs für meine kleine, aber laute Rockband „Spontaneous Fame“, die nach dem Prinzip „eine Probe, ein Konzert“ funktioniert.

Du bist ja auch irgendwie mit dem Kloster Posa verbandelt – liege ich da richtig? Kannst Du uns darüber etwas erzählen?

Da liegst du richtig. Posa ist ein kleines Fleckchen ganz in der Nähe von Zeitz. Da steht ein uraltes Kloster auf einem Weinberg, das sich Freunde von mir unter den Nagel gerissen haben. Seit sie dort sind, ist es ganz schön lebendig auf dem Lande geworden und es wimmelt nur so von Menschen. Es gibt Konzerte und Ausstellungen. Es gibt ein Café und eine Kneipe, einen Hofladen, der eigene und regionale Produkte anbietet. Geplant ist außerdem eine Herberge und zahlreiche Werkstätten, in denen man sich austoben kann. Ich kann nur empfehlen, mal einen Ausflug dorthin zu machen. Infos gibt´s unter www.kloster-posa.de

Schlussendlich: wie kommt das interessierte und ausgehungerte Lesevolk denn dann an den upsetter heran???

Wie gewohnt wird man den upsetter in ausgewählten Kneipen und Cafés in Plagwitz, Lindenau und Schleußig für schnöde 2 Mark (da sind wir aber gespannt, wie der Abverkauf funktionieren soll – Anm. der Red.) erstehen können. Außerdem habe ich vor, zahlreiche Lesungen zum Release und auch später zu machen, da es ja hoffentlich nicht die letzte Ausgabe sein wird. Da werde ich dann mit meinem Bauchladen herumlaufen und euch das Ding marktschreierisch unterjubeln.

Danke, Matti – und viel Spaß beim Machen.

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