Endlich mal aufstehen, wann man will, und die besten Sätze einfangen

Mit Petr Borkovec wurde am Montag der erste Residenzautor aus Tschechien in Leipzig begrüßt

Für alle LeserDas Blitzlichtgewitter war Petr Borkovec sichtlich unangenehm. Petr Borkovec ist Autor, 1970 geboren im mittelböhmischen Louňovice pod Blaníkem. Nach Leipzig verschlug es ihn jetzt im ersten tschechisch-deutschen Residenzprogramm. 2019 ist Tschechien Partnerland der Leipziger Buchmesse. Was natürlich der Anlass dafür war, jetzt mal ein richtiges tschechisch-deutsches Residenzprogramm aufzulegen.

Das ist so etwas Ähnliches wie eine Stadtschreiberstelle – nur dass Schriftsteller, die so eine Stadtschreiber-Zeit ergattern, in der Regel gebeten werden, diese Zeit in der fremden Stadt auch literarisch zu reflektieren. Da kommt in der Regal auch durchaus Spannendes bei heraus, wie die Leipziger Besuche auf Dresdner Stadtschreiber-Stellen gezeigt haben. Und zwar etwas, was man hinterher auch drucken kann.

Leipzig, die alte Ich-war-mal-Buchstadt, hat bis heute keine Stadtschreiberstelle. Aber wie gesagt: Das Residenz-Programm geht schon in die Richtung. Bis Anfang 2019 halten sich fünf Autorinnen und Autoren aus Deutschland in Leipzigs Partnerstadt Brno auf, jeweils einen Monat lang. Und sechs tschechische Autorinnen und Autoren kommen jeweils einen Monat lang nach Leipzig.

Petr Borkovec ist der erste, bekommt also auch die geballte Ladung Aufmerksamkeit.

Denn das Ganze soll ja nicht nur eine Werbeveranstaltung für tschechische Kultur und Literatur sein. Martin Krafl, Programmkoordinator des Gastlands Tschechien, sieht das Ganze auch als wesentlichen Beitrag zur europäischen Verständigung. Und ebenso Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse: „In den kommenden Monaten tauchen Autoren aus Tschechien und Deutschland in die jeweils anderen Kulturen ein. Daraus werden sicherlich zahlreiche spannende Geschichten entstehen, die voneinander mehr erzählen, als eine fiktive Story es jemals leisten kann. Das Residenzprogramm ist das beste Beispiel, um zu zeigen, was mittels Literatur gelingt: neue Einblicke geben, füreinander Verständnis schaffen und letztendlich damit Grenzen überwinden.“

Bei der offiziellen Begrüßung von Petr Borkovec wurde er noch deutlicher, denn in ganz Europa steht derzeit die Demokratie unter Beschuss. Nicht nur in Deutschland. Umso wichtiger ist das Gespräch über das Gemeinsame. Und umso wichtiger sind die Autoren im heutigen Diskurs.

Residenz heißt dann aber gerade für die Autoren in der Regel etwas, was sie in ihrem Alltag selten haben: Ruhe, Zeit und Muße, sich wirklich einmal ganz ihrem Schreiben zu widmen. Das unterscheidet sie von all den Krachmachern da draußen. Deswegen kommt bei guten Autoren am Ende wirklich etwas Faszinierendes heraus. Etwas, was über den Tag hinausweist.

Und so war Krafl auch nicht überrascht, als sich 56 Autorinnen und Autoren aus Deutschland für einen Aufenthalt in Brno beworben haben. Als erste war ja im August Luise Boege dort – hat die Stadt selbst und die Ruhe zum Arbeiten dort augenscheinlich sehr genossen. Auch sie hat an literarischen Projekten weitergearbeitet, die sie schon vorher beschäftigt haben. So ein Monat Residenz in einer anderen Stadt, ohne die täglichen Verpflichtungen, ist oft gerade die nötige Zeit, die man braucht, um ein Werk zu Ende zu bringen.

Petr Borkovec. Foto: Ralf Julke

Petr Borkovec. Foto: Ralf Julke

So sieht es auch Petr Borkovec. Er will in Leipzig seinen Erzählungsband „Niemand liebt einen Mann, der sich in einem Spiegel verbrennt“ beenden. Und er genießt es, dass er in Leipzig keine Verpflichtungen hat – ein Kulturprogramm schon, wie auch Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke betonte. Man sollte die Gaststadt ja zumindest schon mal beschnuppert haben. Die Sonnerei hat er zumindest schon mal kennengelernt. Und in einer LWB-Wohnung in der Reichsstraße ist er mittendrin, könnte, wenn er wollte, auch das Leipziger Nachtleben mitnehmen.

Aber das ist nicht so sein Ding, meint er. Er genieße es viel mehr, dass er schlafen gehen und aufstehen könne, wann er wolle. Und er erwähnt etwas, was phantasievolle Menschen kennen: Oft hat man beim Aufwachen die besten Ideen und kurz danach die besten Formulierungen für die besten Sätze. Und dafür stünde er auch gern drei, vier Mal am Tag auf, sagt Petr Borkovec. Zu Hause würde ihm das seine Ehefrau nie und nimmer erlauben.

Es ist nicht seine erste Residenzerfahrung. Jede Residenz würde sich noch lange danach bemerkbar machen, sagt er.

Und so klingt fast nebenbei etwas an, was die meisten Menschen gar nicht mehr kennen: Dass man zum Nachdenken tatsächlich Zeit braucht und Muße. Ein Wort, das heute fast aus der Mode gekommen ist, weil die meisten Zeitgenossen mit unformatierter Zeit nichts mehr anfangen können. Dann werden sie regelrecht panisch, stürzen sich in die wilde Suppe der Medien und lassen ihr gestresstes Gehirn erst recht verglühen.

Aber zum Denken, Durchdenken und Klarwerden im Kopf braucht man Zeit, freie Zeit. Für Borkovec ist das erlebbare Freiheit, ein süßes Geschenk, wie er sagt.

Weil er weiß, dass man nur so zu guten Sätzen und klaren Gedanken kommt, dass sich nur so das Gehirn unabgelenkt der Arbeit widmet, an deren Ende dann gute Erzählungen stehen. Oder Gedichte. Eine kleine Lanze für die tschechische Lyrik brach er auch gleich noch.

Sein 2017 erschienenes Buch „Lido di Dante“ wird übrigens noch im Herbst auf deutsch in der Edition Korrespondenzen erscheinen.

Aus Tschechien hatten sich übrigens, so Martin Krafl, 29 Autorinnen und Autoren für eine Residenz in Leipzig beworben. Er äußerte berechtigterweise gleich die Hoffnung, dass Leipzig dieses literarische Austauschprogramm auch nach Ende der ersten Etappe weiterführt. Das wichtigste sei die bereitgestellte Wohnung. In Brno sei die entsprechende Wohnung schon längerfristig gesichert, man würde sich also von tschechischer Seite gewaltig freuen, wenn die Partneraktion von Leipzig und Brno einfach fortgesetzt wird.

Das tschechisch-deutsche Residenzprogramm wird veranstaltet von der Mährischen Landesbibliothek, der Leipziger Buchmesse, den Partnerstädten Leipzig und Brünn, dem Goethe-Institut Prag und der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft mbH. Medienpartner ist die Leipziger Volkszeitung.

Tschechien startet im August das tschechisch-deutsche Residenzprogramm als Partnerland der Buchmesse

Tschechien
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