Ihr Körper ist ein verhärteter Muskel. Feuchtigkeit verklebt ihre Handflächen, die Stoffhose ist zu schwach für den Schweiß. Sie rutscht auf der harten Holzbank hin und her. Verschwinden möchte sie, unsichtbar sein. Pupillen klammern sich an ihren Nacken. Ihn ansehen will sie nicht und weiß, dass sie muss. Sie kennt sein Gesicht. Durch ihre Träume jagt es sie. Edward mit den Schattenhänden war er genannt worden, weil er einem folgte, man seinen langen, groben Fingern nie entkam. Nur wenigen gelang es, indem sie sich in den Stacheldraht stürzten, sich dem rettenden Strom ergaben.

Er weicht allen Blicken aus; ein Kind, das Verstecken spielt, indem es die Augen verschließt. Ohne Regung sitzt er neben seinem Verteidiger wie ein zufällig an diesen Ort Geratener, auf das Ende der seltsamen Veranstaltung wartend. Nur wenn ihm eine Frage gestellt wird, strafft sich seine Haltung und er antwortet in die Luft hinein, als spräche er zu sich selbst, mit dem Leben, einer unsichtbaren Instanz.

Die Verhandlung zieht an ihr vorbei. Wer den Angeklagten angezeigt hat, weiß sie nicht. Wörter liegen wie ein verästeltes Labyrinth in ihrem Kopf. Sie findet den Ausweg nicht. Seit Jahren sucht sie schon danach und geht jedes Mal aufs Neue verloren. Bald muss sie an der Reihe sein. Viel zu lange schon ist sie in diesem Raum. Tage sind verstrichen oder Stunden. Nie gezähmte Sicherheit ist ihr abhandengekommen. Kann sie mit absoluter Gewissheit sagen, dass es sich auf diese Weise ereignet hat? Die Spiele ihres Geistes kennt sie, der zu gerne glauben möchte, dass es sich nie zugetragen hat, jede Erinnerung ihm selbst entsprungen ist. Irgendwo zwischen den Perspektiven lauert die Wahrheit.

Beim Betreten des Lagers durch das unscheinbare Tor wusste sie nicht, was sie erwartete. Arbeit macht frei, stand dort. Gearbeitet hatte sie noch nie mit ihren neun Jahren, aber frei sein wollte sie unbedingt. Sie hörte die Beschwichtigungen der Erwachsenen, die darin schwingende Anspannung. So übel kann es nicht werden. Wir haben Schlimmeres überlebt. Es dauert nicht mehr lang. Bald ist es vorbei.

Nach der Ankunft wurden sie in einen großen Raum getrieben, wo sie sich ihrer Kleider sowie Habseligkeiten zu entledigen hatten. Für sie, die in ihren jungen Jahren noch Respekt vor Erwachsenen empfand, war dies der quälendste Anblick gewesen, zerschmetternder als alles danach: ihre Eltern, deren Freunde, Bekannte in ihrer nackten Scham zu sehen, während Beschimpfungen und Schreie durch die Luft peitschten. Vor ihren Augen verwandelten sich Menschen mit Besitz, Vergangenheit, Persönlichkeit in Nummern, noch bevor diese vergeben wurden. Länger als notwendig dauerte die Prozedur, die Ausführenden fanden sichtlich Gefallen daran.

Im nächsten Raum wurde ihr Schädel rasiert. Ihre Eltern hatte sie aus den Augen verloren, flehte in stummer Suche nach ihnen. Das stumpfe Rasiermesser bestrafte ihre unbedachten Kopfbewegungen. Durch einen Stoß von hinten stolperte sie in kochend heißes Duschwasser, das ihr die Haut verbrühte und Feuer in die frischen Schnitte goss. Kratzige Kleidung schabte über ihren Körper.

Unecht kommt ihr der ritualisierte Ablauf der Gerichtsverhandlung vor, ein dilettantisches, mit seiner Thematik überfordertes Schauspiel. Jeder Sprechende demonstriert sein Wissen um die Brisanz ihres Zusammenkommens durch einen getragenen, priesterlichen Tonfall. Der Saal ist von Menschen überschwemmt, Kameras zeichnen das Geschehen auf. Die Presse stürzt sich auf jede Einzelheit, das Geräusch der Aufnahmegeräte durchbricht das Schweigen der Zuhörer, das wie eine sich langsam bindende Soße dichter und zähflüssiger wird, je weiter der Prozess voranschreitet.

Sie betrachtet den Gerichtssaal um sich herum. Ihr Blick saugt jedes Detail auf. Mit seiner majestätischen Erhabenheit rückt der Ort die Versammelten in eine unterwürfige Position. Suum cuique steht an der Decke. Die sich selbst tragende Glaskuppel, die die Hilfe der korinthischen Säulen nicht bräuchte, wirft Oberlicht auf Geschworene und Richterin. Getäfeltes Holz erhöht die Recht Sprechenden. Mit etwas Umgestaltung, ästhetischer Rekontextualisierung, Kollare für die Roben wähnte man sich in einer Kirche. Risse im Stein bezeugen das Alter des Gebäudes. Die Architektur hat die Jahre überdauert, nur die Gesetze haben sich geändert. Eine klug platzierte Marke, die Verpackung bleibt, der Inhalt passt sich dem Zeitgeist an.

Als sie das erste Mal ins Krankenrevier gebracht wurde, hielt ihre Blase der Angst nicht stand. Nass klebte die zu weite Hose an ihren Oberschenkeln. Der Aufseher schimpfte, doch der Arzt wies den Wütenden zurecht und tröstete sie wie eine ängstliche Patientin. Alle Besuche im Labor, wie sie es nannte, fusionierten zu einer einzigen Glut in ihren Gefäßen. Fetzen aus Schmerz und Fieber mischten sich mit dem grünen Grasgeruch der Wiesen. Je stärker ihr Leib bekriegt wurde, desto enger schmiegte sich das Zuhause ihrer Kindheit an sie, ihre Begeisterung über die wachsenden Schneehüte der Berge, das sommerkühle Wasser des Schwansees.

Die Verhandlung wird unterbrochen. Eine Frau ist nach vorne gestürmt und hat den Angeklagten bespuckt. Sicherheitsmänner zerren die sich Wehrende nach draußen vor die schweren, ihre Schreie verschluckenden Holztüren. Raunen im Publikum. Mit einer langsamen Handbewegung wischt sich der Angeklagte die Spucke von der Wange. Nur seine Finger verraten ein Zittern.

Diese Hände vergisst sie nie. Ein eigenes Wesen lebte in ihnen, wenn sie den Kolben der Spritze hinunterdrückten in einer routinierten, tausend Mal geübten Bewegung. Welche Flüssigkeit sich durch ihre Adern fraß, weiß sie bis heute nicht – ein Medikament oder die Krankheit selbst. Das Meerwasser als einziges Nahrungsmittel hatte die meisten der anderen Versuchspersonen von innen verätzt, dahingerafft. Auch an ihr wurde erforscht, wie über dem Meer abgeschossene Piloten der Luftwaffe mit Trinkwasser versorgt und vor dem sicheren Tod bewahrt werden könnten. Nicht mehr lange, dann löste sie sich in der Trockenheit auf.

Krämpfe stachen in ihre Glieder. Nur noch Durst war sie, ihr Mund Sandpapier. Ihr Geist erlahmte und ergab sich, floh zur stillen Weisheit der Berge zu Hause. Häufiger, langandauernder überflog sie die Schlösser zwischen den Wipfeln, das gelbe und das weiße, bis zum Bullachberg. Sie besuchte Hansi, das Kalb, das jeden Sonntag ein Stück wuchs, und die Kiste mit Geheimnissen, die sie mit ihrer besten Freundin Edda in der Nähe seiner Umzäunung verbuddelt hatte.

In diesem Delirium schien sie den Arzt zu langweilen, als Versuchsobjekt uninteressant geworden zu sein. Vielleicht zeigte er aber auch einen Akt von Menschlichkeit an einem unmenschlichen Ort. Seine Hände rissen den unteren Teil ihres Abzeichens ab, das sie außerhalb des Krankenreviers als Flüchtige markierte, schubsten sie hinaus in einen anderen Bereich des Lagers. Niemand scherte sich darum. Nicht nur ob sie lebte, war gleichgültig, sondern auch, ob sie starb.

Kaum hatte sie die Baracke erreicht, stürzte sie zu Boden, stieß einen Wischenden zur Seite und presste ihre Zunge auf die feuchten Dielen, machtlos gegen ihr inneres Brennen. Die Schläge des Aufsehers spürte sie kaum. Dem Meerwasser war sie entronnen, ab jetzt sah sie die Toten nur noch von Weitem; bis zur Bläue Gefrorene, Ausgemergelte, Versengte, Ausgetrocknete.

Kurz danach war der Arzt verschwunden. Sein Nachfolger war gnadenloser. Mehr Bahren als je zuvor wurden herausgetragen. Auch die Appelle fanden häufiger statt. Sträfling um Sträfling wurde nackt über einen Holzbock gespannt und ausgepeitscht, bis rubinrotes Blut in den Sandboden sickerte. Sie fühlte sich, als hätte sie dies ausgelöst, trüge Verantwortung dafür.

Seit der Unterbrechung durch die randalierende Frau zermartert sie sich das Gehirn über ihre eigene Aussage. Wird eine gute Tat edler, wenn sie in der Umklammerung tausender schlechter daherkommt, von denen sie sich umso schillernder abgrenzen kann? Den Angeklagten will sie sich nicht als Menschen vorstellen. Eine Geschichte mit Ursachen und Wirkungen, ein Kontext, erschwert ihr Urteil. Eine merkwürdige Spiegelung der Nummerierung, deren Zweck nicht nur darin lag, ihren Willen zu brechen, sondern auch den des anderen zu erhalten. Warum sie, das hat sie sich oft gefragt, warum hat sie überlebt und nicht ein anderer, sich selbst eine wackelige Antwort gebend: Als Kind unter Erwachsenen verschwand sie nicht hinter ihrer Nummer, sondern blieb menschlich.

Trotz ihrer Angst zwingt sie sich dazu, den Angeklagten anzusehen. Jeder Psychologe, der zu belegen versucht, an der Physiognomie eines Menschen ließen sich die in ihm angelegten Möglichkeiten zur Grausamkeit erkennen, wird hier widerlegt. Zwar ist dessen Gesicht von mehr Linien durchzogen als früher, doch in seiner Symmetrie noch immer makellos.

Diese Perfektion ist für sie das Unfasslichste. An ihm zelebriert die Schöpfung ihren eigenwilligen Humor, Inneres und Äußeres einer Person fröhlich auszuwürfeln. Oder war der Angeklagte anders angelegt gewesen und hatte aufgrund der Umstände eine falsche Entscheidung getroffen, die ihn zu weiteren zwang? Hat er deswegen sein Gesicht bewahrt?

Niemals vergisst sie den Augenblick, als sie nach all den Jahren die Hände wiedersah. Im Gegensatz zur Seele vergisst der Körper vergangenen Schmerz und empfindet den akuten als den quälendsten. Eine stählerne Presszange zerquetschte ihre Eingeweide. Für die Ärzte war ein Kaiserschnitt ein Routineeingriff. Sie glaubte, sie würde sterben. Mitten auf der Straße war sie zusammengesackt, Passanten hatten den Notruf alarmiert.

Sie hatte extra das Land verlassen, das offene, weite Europa genutzt, aber plötzlich war Europa ganz eng. Von den Schwestern wurde sie in ihrem Bett durch die Krankenhausgänge geschoben. Die Hand des behandelnden Arztes legte sich zu ihrer Beruhigung auf ihren Oberarm. Als sie den Kopf wandte, die Finger nahe ihrer Schulter erspähte, wurde sie wie in einer Zentrifuge an den Rand ihrer Welt geschleudert. Die Schattenhände hatten sie aufgespürt.

Sie wollte sich wehren, etwas sagen, aber ihr Körper verweigerte sich. Die Sedierung setzte ein. Das Gesicht über ihr zerfloss. Wie wässrige Aquarellfarben verliefen die Konturen ineinander. Die den goldenen Schnitt ehrende aristokratische Nase rann in das Ocker der Gipsfaserplatten an der Decke des Operationssaals. Nur die Schattenhände blieben klar umrissen, die Hände lösten sich nicht auf.

Die Nachuntersuchungen erlebte sie im Fieber. Bestimmt verwechselte sie ihn, brauchte diese Verwechslung des Hünen, der hoch über ihr hinauf bis in den Himmel und in die Hölle ragte. Kein Anzeichen von Reue, nichts Geläutertes verriet dessen Miene. Er erledigte seine Arbeit, wie er stets seine Arbeit erledigt hatte; rettete ihr das Leben und das ihres Kindes.

Nachts träumte sie, der Arzt käme zu ihr ans Klinikbett. Am Tag weigerte sie sich, diesen Begriff zu verwenden, obwohl der andere das war – ein Arzt, jemand, dem man Vertrauen entgegenbrachte, seine Sorgen anvertraute, vor dem man sich entkleidete und seine Intimitäten preisgab. Nachts kehrte sie ins Lager, ins Labor zurück, wie schon so oft in ihren Träumen und doch anders diesmal: ein Traum, der wusste, dass er keiner war.

Barfuß lief sie aufs Neue den kilometerlangen Kiesweg entlang, von dessen rauchendem Ende niemand zurückkehrte. Eiswind rüttelte an ihrer Kleidung, aschiger Regen peitschte ihre Wangen aus. Der Bach vor den Schornsteinen zog die letzte Grenze. Den Bach durfte sie nicht überschreiten. In ihrem Schlaf erwürgte der Arzt sie, um einer Verhaftung zu entgehen. Am Tag wurde deutlich: er hatte sie nicht erkannt.

Wie er zur Schuldfrage stehe, will die Richterin vom Angeklagten wissen. Dieser verteidigt sich und besteht auf der Trennung von rechtlicher und menschlicher Schuld. Nicht er trage die rechtliche Verantwortung, sondern der Staat, der solch politische Entscheidungen treffe, für die Erteilung dieser Befehle sorge. Er habe getan, was von ihm verlangt wurde. Die Richterin fällt ihm ins Wort, spricht von dem Lager als rechtsfreien Raum – im Gegensatz zur Rechtsordnung außerhalb davon. Sie wiederum versteht diese Abgrenzung nicht, als ob dort tatsächlich Recht gegolten hätte. Vielleicht ist sie deshalb Architektin geworden, aus einem sich der erlebten Willkür widersetzenden Glauben an die Ordnung der Dinge.

Ein Zeuge beschreibt seine Erfahrungen. An seinen hinter dem Rücken verbundenen Händen war er aufgehängt worden, sodass seine Schultern sich auskugelten, er zum Invaliden wurde. Im Ofen vor ihm brannte sein Kamerad. Der Zeuge überlebte, weil Besucher im Lager sich Musik und einen Klavierspieler wünschten. Mit berstenden Schultern und hämmernden Rippen spielte er um sein Leben. Der Geruch von versengtem Menschenfleisch diffundierte mit hellen Durakkorden. Dies deckt sich mit den Erzählungen anderer ehemaliger Häftlinge, die ihr auf seltsame Art vertraut sind mit ihrem sichtbaren Aufbegehren gegen die eigene Erinnerung.

Mit halbem Ohr hört sie hin, distanziert sich davon; unendliches Wachstum gibt es nicht. In ihrer Brutalität zersetzen sich die Berichte der Zeugen gegenseitig. Je mehr das Grauen sich häuft, zu einer Masse verdickt, in der der einzelne ertrinkt, desto weniger empfindet sie. Sie zieht sich heraus, schwebt über allem.

Da hebt der Angeklagte in einer schreckhaften Bewegung sein Haupt, als habe er ihre Flucht vernommen. Und dann entdeckt er sie, erkennt sie, versteht. Das Treffen ihrer Blicke entspricht nicht dem Moment, den sie all die Jahre imaginiert hat, ist härter und weicher zugleich. Nähme man sie beide aus dieser Situation heraus und stellte sie in eine andere, könnten sie alte Bekannte sein, deren Wege sich zufällig kreuzen – nach einer Zeit der Kontaktlosigkeit, die mit einem Mal fortgeblasen ist. Zwischen ihnen oszilliert eine Intimität, die sich mit niemandem einstellt, den man nicht in seiner Gesamtheit gesehen hat; und sie begreift: Nicht nur sie ist an den Beschuldigten gebunden, sondern auch er an sie sowie an jeden Einzelnen, der unter seinen Händen lag.

Nun weiß sie, was sie zu sagen hat. Wie die Einzelteile des Baukastens, den sie an Sonntagabenden mit ihren Enkeln zu Gebäuden zusammensteckt, sammeln, sortieren, formieren sich die Zeugenaussagen und enthüllen erst zum Schluss in der Verbindung miteinander ihre Funktion innerhalb der Konstruktion. Sie ist eins dieser Holzstäbchen, ihre Geschichte der Leim zwischen sich und seinen Nachbarn.

Sie ist an der Reihe. Ihre Stimme taumelt, aber bricht ihr Schweigen. Die Richterin ermahnt sie: „Sie schwören, dass Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben.“

Schwerfällig erhebt sie sich gegen das Gewicht ihres Leibes, das sie nach unten zieht, und antwortet: „Ich schwöre, Apollon, den Arzt, und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufend, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde.“
Das ist der falsche Text. Sie kann ihren Mund nicht kontrollieren. Die Worte hat sie irgendwo gelesen. Sie spricht den falschen Text.

Die Schwüre hat sie durcheinandergebracht. In letzter Zeit verwechselt sie vieles. Alt ist sie, bettlägerig, verlässt die weißen Laken nicht einmal mehr zum Urinieren. Ihr Tag ist geregelt durch drei Mahlzeiten sowie die Fernsehsendung, in der Teilnehmer ihre Wohnungen verschönern lassen.

Sie denkt an die Gerichtsverhandlung. Ob sie realistisch ist, weiß sie nicht, hat nie einer beigewohnt. Lediglich Ausschnitte hat sie gesehen, von dem Eichmann-Prozess und anderen. So oder so ähnlich könnte es sich abgespielt haben. So oder so ähnlich hätte es ausgehen können. Sie ist die allerletzte Zeugin: Die Rekonstruktion des Ungeschehenen bleibt ihre einzige Tätigkeit, ein Lektorat ihrer Erinnerung. Wie hätte der Arzt als Angeklagter ausgesehen?

Sie malt es sich aus und überzeichnet das Bild: seine schönen Gesichtszüge von Furchen durchkreuzt, die Stirn als Häftling vergangener Handlungen. Vielleicht saß er seine Strafe in seinem eigenen Gedächtnis ab. Hat er versucht, es wiedergutzumachen? Babys gegen Insassen, Kaiserschnitte gegen Meerwasser. Auch ein Urteil der Gerechtigkeit erbrächte nicht sein Schuldeingeständnis. In ihrer Vorstellung genügt das eine nicht ohne das zweite, wobei sie sich nicht zu einer Entscheidung durchringt, keine Priorität bestimmt. Sie findet den Ausweg nicht, das Labyrinth gibt sie nicht frei.

Kurz nach ihrer Flucht aus dem Labor entfloh sie dem Lager. Ihr Ausbruch bestand aus Todesangst. Wie es ihr gelang, bringt sie nicht mehr zusammen. Ihre Eltern ließ sie im Stich, riss aus, als sich die Chance zum Entkommen ergab. Manchmal tröstet sie sich mit der Vorstellung, dass sie doch jemanden gerettet hat. Indem sie ihren Körper zur Verfügung stellte, ist ein anderer nicht gestorben. Forschung hat sie vorangetrieben. Wissen, Schutz und Heilung baut auf ihren Schultern auf, und heutiges Überleben. Ganz sicher ist es so.

Nach der Geburt ihres Sohnes hat sie die Schattenhände nie wieder gesehen. Während ihrer Regeneration entschwanden sie in die Dunkelheit. Sie verriet niemandem etwas, zu viele waren noch im Amt. Einmal kehrte sie zurück ins Krankenhaus, doch der Arzt, der dort nach dem Krieg unter falschem Namen gearbeitet hatte, war fort. An dieser Stelle hat sie aufgegeben. Ab diesem Moment hätte es sich anders abspielen, anders ausgehen können. Sie hätte ihn anklagen können. Doch darüber zu sprechen, hätte sie zum Opfer gemacht, das sie nicht sein will. Warum sie so lange geschwiegen hat, hätten sie gefragt, und niemand sollte sich für sein Schweigen rechtfertigen müssen.

Andere sind stärker, lauter gewesen als sie, fast alle sind tot – ein sterbendes Gedächtnis, eine ausgelöschte Zeugenschaft. Im Fernsehen sieht sie eine Reportage. Alles gelogen, sagt ein junger Mann darin, das war alles ganz anders. Ein anderer schimpft auf das Judentum. Wut gelingt ihr nicht immer. Sie war dabei und leugnet trotzdem, was an der Beschaffenheit dieses Schreckens liegt, der an die Grenzen des Verstandes reicht, außerhalb dessen, was jeder in seinem eigenen Inneren für möglich hält.

Oft hat sie sich diese Frage gestellt, vermutlich mehr als die nicht Betroffenen: Wie hätte sie gehandelt, wäre sie an Stelle des Arztes gewesen? Was hätte sie getan? Ihr Verstehen ist ein gewaltiges Schwarzes Loch, das sich selbst frisst und dabei alles mit sich reißt, ein implodierendes Etwas, das formlos bleibt.

Alt ist sie, müde. Die Phasen, in denen sie wach bleibt, verkürzen sich. Ihr Kopf verdrängt, will die Geschehnisse umdeuten. Nach einer Klammer sucht sie, die alles zusammenfasst. Im Schlaf glaubt sie, den Sinn zu erkennen; das kathartische Prinzip, das alle Illusionen nimmt, die Wahrheit offenbart über die Welt, die Mitmenschen, sich selbst. Ist es nicht Liebe, die Wahrheit bringt? Dann wacht sie auf und steht vor der Wirklichkeit. Die Stimmen in ihr streiten miteinander. Sie ist Richterin, Klägerin, Angeklagte, Zeugin zugleich; Justitia, die das Gewicht der Waage nicht halten kann.

Ihre Familie nicht belasten zu wollen, hat diese umso mehr gefährdet. Ihre Angehörigen wissen nichts über ihre Zeit im Lager, nur von ihrer Abneigung gegen Arztbesuche. Hier in der Großstadt hat sie andere Gründe für ihre Einsamkeit gefunden als das Erlebte, das sie von allen trennt, denen es nicht widerfahren ist.

Ihre Knochen begehren gegen die Zeit auf. Bald kommt ihre Familie. Mit Maske und Abstand darf sie sie besuchen, hinter Plexiglas. Vor dem Virus fürchtet sie sich nicht. Aber ihre letzten Kräfte bündelnd wehrt sie sich gegen die Impfung, auch wenn ihre Weigerung unvernünftig ist. Keine Spritze wird ihren Körper mehr berühren und sogleich rechtfertigt sie sich vor sich selbst für diesen Schwur: Ihren erzwungenen Beitrag hat sie bereits geleistet – als Kind im Labor.

***

Die Gewinner*innen des bundesweiten Schreibwettbewerbs „Die Freiheit, die ich meine – Gewissensfreiheit“ wurden am 21. März auf einer Festveranstaltung am Leipziger Standort der Stiftung Forum Recht geehrt. Die LZ sponserte dafür den Schülergewinn. Zudem konnte bis drei Tage vor der Preisverleihung aus den Shortlist-Beiträgen online über den Publikumsliebling abgestimmt werden.

Fast 1.000 Leser*innen haben an dieser Abstimmung teilgenommen. Aus den über 860 Einsendungen verschiedenster literarischer Gattungen schafften es 40 Werke letztendlich auf die Shortlist.

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