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Leipziger Romantik im Krankenhaus. Diagnose: Alle gesund

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    Donnerstag, 26. Mai: Im Mediziner-Hörsaal nahmen 50 Orchestermusiker und eine Mezzosopranistin Platz, das Thema: "Leipziger Romantik“, Axel Thielmann erklärte und David Timm dirigierte unter grell-kaltem Licht. Akustisch war das kein Problem, auch der kräftige Schlussapplaus ließ sich gut hören, und der Blick aus dem Fenster ging ins Grün an der Liebigstraße in der Abenddämmerung.

    So romantisch gesehen und geschehen Donnerstagabend auf Initiative der Richard Wagner Gesellschaft Leipzig 2013 e.V. Es war kein Konzert der universitären Mediziner oder des Klinikums. Sondern in bester Leipziger Tradition eine Bürger- bzw. Vereinsinitiative.

    Schon voriges Jahr war aus der Wagner-Würdigung die ganze Leipziger Romantik zum Programm geworden, und nun an einem Abend mit Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und auch wieder mit Richard. Nein, es ging nicht um Leiden, Diagnosen, Krankenakten, Anwendungen, wir waren nicht auf Station und nicht im OP. Zu hören war vornehmlich Musik. Mit Vorlesung zwischendurch. Im Saal sah man die Leipziger Wagnerexpertin-Opernsängerin Sigrid Kehl, den Operetten-Stardirigent Roland Seiffarth, die Wagner-in-Sachsen-Publizistin Ursula Oehme, Eberhard Friedrich war da, ein Inventar des Leipziger Publikums.

    Um das Pult des Dozenten herum war das Orchester platziert. Vielleicht erstmalig so in diesem Saal, möglicherweise auch wieder einmal, „wenn es am Augustusplatz noch etwas dauern sollte.“ Dort nämlich warten auch Universitätsmusikdirektor David Timm und die Universitätsklangkörper schon lange darauf, diese Räume mit Ideen zu füllen. So finden die nun eben, seit Jahren, anderswo Raum und Atmosphäre, die so nicht gewollt war aber doch interessant ist.

    Ecce homo lipsiensis

    Sag mir, wo Romantik ist? – Kalenderblatt vom 26. Mai 2016: In Japan gehen 60 Menschen gegen den G 7-Gipfel auf die Straße, das ist eine Sensation sagt die Radiokorrespondentin, denn in Japan gibt es keine Protestkultur, man ist normalerweise nicht gegen irgend etwas, schon gar nicht, dass man dafür oder dagegen öffentlich lauthals demonstriert. Richard Wagner hat es mit revolutionären Umtrieben bis zur steckbrieflichen Suche gebracht, und konnte flüchten, fand Fluchthelfer und Asylgeber.

    Andere Nachrichten: In Mitteldeutschland fehlen der Gastronomie tausende Beschäftigte. Beißen sich da die Katzen namens Preise, Arbeitszeit, Löhne selbst oder gegenseitig in die Schwänze?

    In Leipzig ist katholischer Kirchentag, wo vier Prozent der Einwohner ihre Kirchensteuer dem Papst widmen. Alles in allem sind keine 20 Prozent der Leipziger religiös. Und im Radio weist man darauf hin, dass der Katholikentag eine Veranstaltung der Laien, nicht der Amtskirche sei. Wer mag allerdings diese Mitteilung ausgesandt haben?

    „Christen jammern nicht, Christen beten“, verkündet der Bundespräsident. Zur Zeit seiner Kindheit in Mecklenburg kannte er keine Pizza, sagt er. „Und heute gehört sie zu meinem Leben.“ Auch Christian Wulff spricht auf dem Podium, Annette Schavan machte eine Bibelarbeit und findet Leipzig als Stadt der mutigen Menschen von 1989 interessant. Während ein Ort, wo alle schon katholisch sind, „nicht so aufregend“ sei. In der Radioumfrage sagt eine Dame, dass den Einheimischen die ganze Veranstaltung vielleicht Anregung sei, „mal in eine Kirche zu gehen.“

    Es soll ein klimaneutraler Kirchentag sein, den CO2-Ausstoß hat man mit 4.000 Tonnen Kohlendioxid bemessen, eine aus München angereiste vierköpfige Familie stößt CO2 im Umfang von 13 Euro aus, zu berechnen auf www.katholikentag.de/Klimarechner. Wer klimaneutral Buße tun will, kann auf das Kirchentagskonto und das Projekt „Solarlampen für Indien“ spenden. Eine wahrhafte Erleuchtung.

    Vielleicht sind ja auch die Begriffe von Pflichten und Rechten eines guten Kaufmanns, wie sie im Mittelalter mit der Buchhaltung und Buchführung aufkamen, letztlich Romantik. Von Glaube und Macht sind Aberglaube und Ohnmacht nicht weit entfernt. An der Thomaskirche, Richard Wagners Taufkirche, inzwischen mit Mendelssohnportal und Denkmal des einstigen Gewandhauskapellmeisters dekoriert, laufen nachts Doppelposten um Zelte mit kirchlichen Drucksachen. Und im Veranstaltungsprogramm des 100. Katholischen Kirchentages war auch das Hörsaalkonzert „Lectio – Ecce homo lipsiensis“ erwähnt.

    Power Point zwischen der Musik

    Kunst-Einführungen, Vermittlungen und Anstrengungen, Konsumenten Gebrauchsanweisungen überzuhelfen, gibt es überall. Da ist Axel Thielmann als Erklärbär noch ein exzellenter Power-Point für sich, im Hörsaal, vor der weißen Wand ohne Bilder. Mit seinem Tonfall aus der früheren Radio-Quiz-Sendung und den durchaus sanglichen Variationen in der Schauspielerstimme von Regers Oberpfälzer Slang bis zu traumtänzerischen Wesendonck-Versen. Mezzosopranistin Carolin Masur erweckt die Lieder mit David Timm und seinem Orchester zu außerordentlichem Leben in dieser Aula.

    Beide waren mit den Liedern auch schon anderswo werktätig, mit Liedbegleitung am Flügel in einer Aufstellung in den Salles de Pologne oder im nordsächsischen Schloss Thammenhain. Hier trifft ein Werk in seiner Absonderlichkeit auf Interpreten, die es absolut ernst nehmen. Man stelle sich das einstige Privatkonzert vor, in den palastartigen Räumen der Villa des Seidenhändlers Otto Wesendonck, als der von ihm verehrte Komponist und Untermieter aus dem Gärtnerhaus des gleichen Grundstücks, die Poesie von Mathilde Wesendonck erklingen ließ.

    Gewiss nicht im Schlafzimmer, dessen hölzerne Bettgestelle vor Jahren beim Konzert im Leipziger Hotel de Pologne anwesend waren und sogar in den „Wagnerwelten“ im Museum der bildenden Künste inmitten von Gräsern, Kräutern und Sträuchern standen. Eine Form von Romantik, die der Mediziner-Hörsaal freilich jetzt nicht bieten konnte.

    Leipziger Romantik im Hörsaal an der Liebigstraße. David Timm dirigierte das Mendelssohnorchester. Carolin Masur als Gesangssolistin der Wesendonck-Lieder. Foto: Karsten Pietsch
    Leipziger Romantik im Hörsaal an der Liebigstraße. David Timm dirigierte das Mendelssohnorchester. Carolin Masur als Gesangssolistin der Wesendonck-Lieder.
    Foto: Karsten Pietsch

    Per Brief an Felix Mendelssohn lästerte Robert Schumann über die Kompositionen Richard Wagners. Eine bezaubernde – Leipziger – Quelle zur Interpretation, vergleichbar mit Röntgenbildern und Gehirnstromkurven?

    Geht es noch romantischer?

    „Wagner im Krankenhaus“ war der Flyer des Konzerts überschrieben, das mit Felix Mendelssohn Bartholdys Konzertouvertüre „Die Hebriden in der Fingalshöhle“ eine aus dem Tertiär stammende Basaltformation malerisch beschreibt, Spuren des Tertiär in der Leipziger Tieflandsbucht konnte der Komponist noch nicht kennen. Selbst gemalt hat er den Blick aus seiner Wohnung an Lurgensteins Steg über den Pleißemühlgraben auf die Thomaskirche. „Geht es noch romantischer?“, fragt Axel Thielmann als Dozent dieser Vorlesung: „Ja mit dem Musikkritiker und Komponisten Schumann!“

    Robert Schumanns Oper „Genoveva“ wurde einst in Leipzig uraufgeführt, vor ein paar Jahren erst in Inszenierung, Bühnen- und Kostümbild von Achim Freyer wiederbelebt, um nach wenigen Vorstellungen wieder aus dem Spielplan zu verschwinden. Nun erklang die „Genoveva“-Ouvertüre an der Liebigstraße. Und im dritten Konzertteil gab es Richard Wagners Vertonung der Fünf Gedichte Mathilde Wesendoncks, geschrieben für Klavierbegleitung, in der Fassung für Singstimme und Orchester von Felix Mottl, der verarbeitete, dass Wagner eine Version für Violine und Orchester geschaffen hatte.

    Größe des Orchesters und des Auditoriums, einem Amphitheater näher als einem Konzertsaal, bestärkten die Solistin Carolin Masur darin, auch hier jedem Lied seinen Charakter abzuringen, eine Stimmung zu gestalten. Beim Lied „Treibhaus“ wirkte der Raum wie dasselbe, mit dem Grün draußen vor den großen Fenstern. Wagner selbst bezeichnete die Texte als „Dilettanten-Gedichte“, parierte aber gegenüber der verehrten Mathilde und ihrem spendierfreudigen Gatten mit der Anmerkung „Besseres als diese Lieder habe ich nie gemacht.“

    Der besungene Engel freilich, war nicht achtsam und hilfreich, als eine Violinsolistin nach dem Konzert auf der Treppe stürzte, wohl aber selbst mit dem Schrecken davon kam.

    „Wo beseelt musiziert wird, ist das Abendland nicht untergegangen“, resümiert Axel Thielmann, der bedauert, dass „Jugend weniger auf der Geige kratzt, sondern Nintendo spielt und in kaum einer Kneipe noch ein Klavier steht, weil bei den Bierpreisen auch keiner mehr fröhliche Lieder singt.“

    So viel Wagner war selten

    Um Räume und Atmosphären war die Richard Wagner Gesellschaft Leipzig – 2013 e.V. nie verlegen. Was da 2006 anfing, mit der Idee, Richard Wagners Musik in Leipzig mehr Klang und Anklang zu verschaffen, brachte gewagte Konzerte und Veranstaltungen hervor.  Offensichtlich so gut, dass es Fortsetzungen gab. Wer hätte denn das vorausgesagt, als man erstmals auf den Fockeberg als Leipzigs Grünen Hügel ging, um – mehr oder weniger ernsthaft gemeint und betrieben – ein Festspielhaus zu planen? Dort konnte die Jahre darauf auch Gewitter das neugierige Publikum nicht abhalten, Edelköche kredenzten Wagner-Suppe mit Goldschimmer und Georg Christoph Biller komponierte und dirigierte im Geiste Richard Wagners.

    Längst ist das Richard-Wagner-Jahr 2013 vorbei, statt eines Wagner-Museums gibt es immerhin eine dokumentarische Ausstellung im Keller „seiner“ alten Nikolaischule. So gut Festivals Aufmerksamkeit erregen und Besucher anziehen, so fällt manchem dann auch die Auswahl schwer.

    Diese Woche nun gibt es, ganz ohne Festjahr, Wagners Wesendonck-Lieder auch im Großen Concert des Gewandhausorchesters.

    Opernintendant Ulf Schirmer hat die von der Richard-Wagner-Gesellschaft Leipzig – 2013 ins Leben gerufenen Richard-Wagner-Tage für die Premieren der Teile des „Ring des Nibelungen“ adoptiert. Mal sehen, wie es weitergeht. Zwar stehen die Jugendwerke Richards auf dem Spielplan, doch noch stehen längerfristige Termine nicht fest, teilt Pressesprecherin Bettina Auge mit: „‚Die Feen’ kommen bestimmt wieder, wann kann ich noch nicht sagen, soweit sind wir nicht in der Repetoireplanung. Da die Frühwerke aber unser Alleinstellungsmerkmal sind, können Sie von einem Wiedersehen ausgehen.“ So viel Wagner war selten.

    Zudem hatte der Opernintendant zur letzten Spielzeit-Pressekonferenz offeriert: „Wir werden in absehbarer Zeit das einzige deutsche Opernhaus sein, das alle Werke Richard Wagners im Repertoire hat.“ So eine Auskunft macht stutzig und hoffnungsvoll, denn nach dem plötzlichen Verschwinden der Inszenierungen vom „Holländer“ und der „Meistersinger“, was nur publik wurde, als die Kostüme beim Tag der offenen Tür verkauft wurden, fehlen da einige Werke.

    Es ist müßig, aufzulisten und zu diskutieren, wann wie viel Wagner in Leipzig inszeniert und im Repertoire aufgeführt wurde. Schön ist, dass es von Zeit zu Zeit immer Neuankömmlinge gab, denen es im Moment zu wenig war. Viele Ideen und Pläne gingen auf, manches blieb stecken.

    Blamabel ist jedoch, wenn vorgebildete und neugierige Touristen mit dem Plan der „Notenspur“ in der Hand ausgerechnet den Ort von Wagners Geburtshaus oder gar das neue Wagner-Denkmal aufsuchen wollen, denn der „Notenspur“-Verein wehrt sich, seine Route und seine Wanderkarte um ein paar Linien zu ergänzen.

    Richard wurde als Knabe in Leipzig zum Komponisten, und seine Rittertragödie von „Leubald und Adelaide“ wollte er zur Oper machen. Dazu kam es dann doch nicht, aber auch das wäre, in welcher Form auch immer, noch eine Idee für die Leipziger Romantik.

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