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Lydia Dahers poetisch-lapidare Sicht auf eine heile Welt, die grade auseinanderfällt

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    Für FreikäuferNatürlich ist es besser, die ganzen Waschzetteltexte nicht zu lesen. Und die ganzen Texte von Musikkritikern, die alles so schön in Schubladen packen. Und die kleinen Jubelarien von Leuten, die ihre Bonbons gnädig unter die Künstler verteilen. Lydia Daher ist. Sie ist einfach. Auch wenn sie manchmal sagt und singt, dass sie sich nicht so recht da fühlt. Und nicht weiß, wohin das führt.

    Oder geführt haben könnte, wenn man nur gewusst hätte, wo der Weg ist. Man lauscht und fühlt sich erinnert. Und da und dort klingt da so etwas an. Wie in der herrlich melancholischen Musik von „Gripsholm“. Diesem wehmütigen Tucholsky-Film, in dem Jasmin Tabatanai die Tucholsky-Zeilen singt vom Tamerlan. Ist das jetzt falsch gedacht? Wahrscheinlich nicht. Denn tatsächlich berührt sich da etwas. Nicht nur, weil Lydia Daher eine Berlinerin ist, eine vielbegabte. Lyrikerin, Sängerin, Komponistin. Gitarre spielt sie auch noch. Manche Menschen haben den ganzen Reichtum der Welt in sich – und sind trotzdem traurig.

    Das merkt man schon, wenn man ihre wie hingetupften Gedichte liest. Halb hingehaucht, offen. Nur so beiläufig erwähnt: Das kann nicht jede. Und jeder schon gar nicht: Merken, wann Sätze schon mehr sagen als die Worte, die dastehen.

    Tucholsky war einer der wenigen Dichter, die das zumindest ahnten. Auch wenn man meist nicht die Ruhe hat, es wirklich einzufangen, dieses Gefühl: Jetzt ist das Gesagte so stark. Da setzt man einen Punkt. Erich Fried war so einer. Bei Daher ist das allgegenwärtig. Da fragt man sich eher: Wie kann man das in diesem riesigen lauten Berlin so schreiben? Aber vielleicht gerade da. In dieser riesigen Stadt, die viel zu groß ist, als dass man da Leute kennen könnte. Die meisten Bekanntschaften sind kurz, irrlichternd, oberflächlich. Das Berlin von heute ähnelt in gewisser Weise schon wieder dem von Tucholsky. Es ist genauso rastlos. So von Ängsten durchwebt. Wer mit offenen Sinnen darin herumläuft, spürt, dass alles fragil ist und wie ein Tanz auf einem Vulkan.

    Ich bin mir gar nicht so sicher, dass das „total bankrotte“ Land, an dessen Küste sich die Sängerin unbedingt mit jemandem küssen möchte, nicht zufällig mitten in Europa liegt. Denn der Bankrott beginnt mit unseren Gefühlen. Und unserer Gefühllosigkeit. Und mit der Ahnung, dass wir all die Schäden, die wir angerichtet haben, nicht wieder gutmachen können.

    Das schwebt bei ihr – logischerweise. Denn (vielleicht ist es nur Frauen tatsächlich so präsent): Es gibt tatsächlich kein richtiges Leben im falschen. Und das hat nichts mit den ganzen dummdreisten Erklärungen der Westmondgesichter über Ostmondgesichter und der Sieger der Geschichte und ihren Müllmännern zu tun. Sondern mit jeder Gesellschaft. Und die unsere ist eine von Talmi und Flitter durchsetzte. Auf Hochglanz poliert. Und eine ohne Zukunft.

    Wer’s nicht gemerkt hat, muss blind sein. Alles rennt und rast und tut beschäftigt. Aber da hinten ist kein Licht. Kein Ziel. Kein Traum. Auch keine Straße. Man sagt nur, da sei eine. Aber eigentlich geht es fast allen so wie dieser einfühlsamen Dichterin: Man möchte den Weg schon gern finden. Aber er ist nicht greifbar. „da ist kein Weg / doch ich beschreibe ihn“.

    Tatsächlich erfüllt uns ein ganz anderes Gefühl: Eines des Hamsters im Laufrad. „Ich komme hier nicht weg“, heißt gleich das zweite Lied auf dieser Scheibe, das so leicht wirkt, so beschwingt. Als wäre das alles nicht schlimm. Ist es auch nicht. Aber es wird uns trotzdem zur Hölle, weil wir früh lernen, dass wir Großes vorhaben sollen. Aber alle die Großen Projekte sind in der Regel nur stinklangweilige Karrieren, Geldscheffeln, Gier und Hamsterrad. Und darüber geht das verloren, was uns ins Gleichgewicht bringt. Was die meisten nie erleben, weil ihnen eingeimpft ist, dass sie viel haben müssen, um viel zu sein. Oder überhaupt zu sein. Egal, was.

    Sie kennen das Glück nicht, mit wenig auszukommen. Und dafür sich selbst ernst zu nehmen, seine Gefühle und seine Träume. Wozu man irgendwann einmal herunterkommen muss. Dichterinnen wie Lydia Daher wissen das. Sie hat sich geerdet. Sehr fraulich, sehr konsequent. Sehr abgebrüht klingt das, wenn sie der vorwurfsvollen Frage „Ja, gibt es denn überhaupt Liebe?“ fast schnippisch antwortet: Natürlich. Kurz war sie da. Aber wurde wohl nicht lange geliebt, die Liebe. Da hat einer sich nicht wirklich drauf eingelassen. Es gibt ja eine Menge Leute, die halten Sex für Liebe und Frauen für Betthäschen. Nicht für Menschen mit allen Gefühlen und vor allem diesem ernsthaften Hang, ihre Beziehungen abzuklopfen darauf, ob sie auch ernst gemeint sind. Und den nächsten Wind aushalten.

    Für Frauen ist es augenscheinlich selbstverständlich, die Beziehungen zu ihren Lieben in eins zu setzen mit ihrer Beziehung zur Welt. Männer werden gern darauf konditioniert, das zu trennen. Und Frauen deshalb nicht nur nicht ernst zu nehmen, sondern auch wie Objekte zu betrachten. Ihnen ist das, was Frauen von und mit ihnen wollen, zu klein. Nicht groß genug. Das Große, das Frauen sich wünschen, ist etwa anderes als das, was Männer glauben, erreichen zu müssen.

    Deswegen ist die Welt auch so kaputt.

    Die meisten Männer begreifen nicht mal, was Liebe ist. Sie trauen sich nicht mal, Liebe zuzulassen. Denn was man liebt, zerstört man nicht, verkauft man nicht, sperrt man nicht ein oder aus.

    Gehe ich jetzt zu weit, wenn ich das in diese liebevoll musikumspielten Zeilen hineindeute?

    Aus fraulicher Sicht vielleicht. Ich versuche es ja schon wieder rational zu beschreiben. Greifbar zu machen, weil die Vorwürfe an das Du in ihren Liedern ja zutreffen. Alles schon erlebt. Und ratlos dabeigestanden. Nicht weil es nicht zu fassen wäre. Der Riss geht mitten durch die Welt. Und es ist schwer auszuhalten, wenn das weibliche Wesen neben einem derart konsequent Gefühle einfordert. Und selbst mit sich hadert. Ist ja nicht so, dass Frauen schon glücklich sind, nur weil sie alles emotionaler aufnehmen – und viel nüchterner als Männer.

    Nur neigen sie dann nicht zum Herumalbern und Drüberwegtändeln wie die Männer. Etwa über diesen ganzen beklemmenden Momenten, wenn man spürt, dass man völlig zerrissen ist und neben sich steht. Nicht allein ist, wie Lydia Daher singt, weil sie immer neben sich steht. Das kennen auch Männer. Zumindest die aufmerksameren. Die sich noch nicht endgültig eingeredet haben, dass man nur den Ratschlägen der anderen folgen muss. Irgendwo ist da schon ein Weg.

    Dumm nur, wenn man ihn nicht findet. Oder wenn man dabei merkt, wie man sich selbst völlig preisgibt. Preisgeben muss.

    Eine ganze Gesellschaft verliert ihren Weg, wenn der Imperativ der großen Selbstvermarktung gilt. Wenn nicht-angestellt sein zum Makel wird und die Hamster im Laufrad mit Verachtung auf alle herniederschauen, die sich die Freiheit herausnehmen, dieses Rennen nicht mitmachen zu wollen. Diese Zerstörung der Welt nicht für wünschenswert zu halten.

    Ist das jetzt zu weit gedacht? Will diese hauchende, abgeklärte Sängerin tatsächlich solche Aussagen? Oder geht es ihr nur um das Kleine: das Ich und das Du und das nicht gelingende Wir? Das Gemeintseinwollen in all der Oberflächlichkeit? „Ich mach’ die Augen auf und kann / nicht verlangen dass jemand / nach mir sucht …“

    Das klingt so erwachsen, so spröde. Und so unromantisch. Was Männer meistens erst merken, wenn sie aus allen Wolken fallen, weil die Musik wie hingetupft und hingezupft wirkt. Weggleitend, als würde man einfach mal beiläufig den Sender wechseln. So, wie das früher mit Radios noch ging. Die Poesie ruht in den Anklängen. Das ist eigentlich kein Pop, auch kein Schlager (auch wenn Cherié merkt, dass alles vorbei ist), dafür ein sinnliches Stück Weltmusik. „Wir hatten Großes vor“ überschreiet Grenzen, weil es vom ganz kleinen Menschlichen erzählt. Und ahnen lässt, wie sehr das, was die großen Clowns der Zeit als Lösung aller Lösungen propagieren, gegen unser Menschsein wirkt. „Wir sind für alles viel zu langsam. Oder geht alles zu schnell?“

    An solchen Stellen merkt man, dass diese junge Dame aus Berlin eigentlich die ganze Zeit davon erzählt, wie es sich anfühlt, in einer Welt zu leben, in der gerade ein paar große Knalltüten alles kaputt machen, was ein menschliches Leben mit Sinn erfüllen kann. Wir sind alle außer uns und stehen neben uns. Und wenn wir noch so sensibel und wach sind wie diese ernsthafte Musikerin, dann schauen wir mit Wehmut auf das, was da um uns und mit uns passiert. Vielleicht werden wir ja so langsam tatsächlich mehr, die das merken, dass die „heile Welt“, in der viele glauben, endlich in Sicherheit zu sein, kaputtgeht. Manchmal begegnen sie uns ja direkt mit ihren Illusionen, mit ihrer frappierenden Überzeugtheit, sie wüssten ganz genau, wie alles richtig zu machen wäre.

    Und dann rennt ihnen die Braut vom Traualter weg, weil sie endlich begriffen hat, wie entsetzlich diese Vorstellung ist: „Und sei drauf eingestellt, dass deine heile Welt, an der du festhältst, wie alles um uns rum auseinanderfällt“.

    Sie kennen dieses Gefühl des Zerbröselns? Dann sind sie hier richtig. Dieser Sound wird Ihnen gefallen. Und sehr vertraut vorkommen.

    Lydia Daher „Wir hatten Großes vor“, Trikont, München 2017,US-0488

    Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

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