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Theaterbrief aus Potsdam: Oper wie beim alten Fritzen. Neues Heckentheater in Sanssouci für „Piramus und Tisbe“

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    Ausgeheckt. Eine Tragödie mit Waldluft in Friedrichs Originaltheatern. Dieser Tage zu erleben in Potsdam-Sanssouci. Friedrich der Große soll an der Orchesterschranke gestanden oder in Reihe drei gesessen haben, in seinem Theater im Neuen Palais. Erlebt hat er zum Beispiel dasselbe Dramma die Musica", wie wir heute.

    Theater wie beim Alten Fritzen

    Fast alles im Theater mit den roten., samtbezogenen Bänken, den Putten an der Rang-Kolonnade und den vergoldeten Palmen am Bühnenportal soll noch so erhalten sein, wie es 1768 eingeweiht wurde. Nur die barocke Bühnentechnik wurde 1929 wegmodernisiert.

    Wie mag das auf der Bühne ausgesehen haben mit Kulissen-Gassen im Schein der Öl-Lampen, die man von Tag- zu Nachtstimmungen verdrehen konnte? Welches Funzellicht erhellte die Partituren im Orchestergraben? Und wie war das draußen, abends im Heckentheater? Wie irrten die Akteure hinter den Blätterwäldern zu ihren Auftritten, um ja nicht entdeckt zu werden. Und stolperten dabei über die Kollegen. Das Heckentheater gibt es jetzt auch wieder. „Letzten November wurde das ausgegraben“, sagt der Theater-Techniker, der vor der Vorstellung die aufgebaute Technik unserer Zeit bewacht und schon ängstlich zum Himmel schaut. Doch was ist Zeit, wenn es die Potsdamer Musikfestspiele sind.

    Friederisko 2012: Rührt euch!

    Am originalen Ort, in echt-alter Kulisse gibt es was für Auge und Ohr. „Friederisiko“ steht als Titel über diesem Sommer von Ausstellungen, Aufführungen und Konzerten. Dazu noch das Motto: „Rührt euch!“ Gemeint ist weniger die preußische Disziplin, sondern das Herz! Man kann sich auch ein selbiges Herz-Abzeichen über das eigene Herz pinnen.

    Verfeindete Familien, verliebte Kinder

    Drinnen im Hause laufen für die 226 Zuschauer der italienischen Fassung sogar deutsche Übertitel über das Bühnenportal zu Johann Adolph Hasses (1699-1783), Intermezzo tragico (1768) auf ein Libretto von Marco Coltellini (1719-1777). Seit Ovids Metamorphosen ist der kriminelle Vorgang bekannt: Kinder befeindeter Familien lieben sich, flüchten jeder allein in den Wald, verfehlen sich, stürzen sich in den Dolch, bevor es dann auch dem wütenden Vater das weiche Herz zerbricht. Aber in der Inszenierung von 2012 bleibt der einfach stehen, wenn der Vorhang fällt. Zwischendrin lauert immer mal Moral. Dass man das Gute schützen soll, weil das Böse sowieso zu schnell dazu kommt usw.
    Lebendiges Musiktheater

    Für die 19 Musiker von B’ROCK Belgian Baroque Orchestra Ghent unter Andrea Marchiol wird es eng im Orchestergraben. Auf der Bühne haben die drei Solisten bequem viel Platz. Die junge Béneédicte Tauran als Thisbe, der junge Countertenor David Hansen als Piramo und im väterlichen alter Carlo Vincenzo Allemano als, na klar, der Vater. Regisseur Igor Folwill findet allerhand zu Erspielendes in den Bühnenbildern von Manfred Kaderk. Zunächst im Ankleide- und Frisier-Salon großherrschaftlicher Bauart, dann am Grabmal im Walde.

    Ute Frühling hat den jungen Leuten zeitlich, wie jahreszeitlich luftig Kostüme gegeben, der Vater kommt im grauen Zwirn unserer Tage und führt das Familienleben wie ein Geschäft. Piramo steckt eine Hand in die Tasche und singt sich brillant die längeren Arien seines Seelenschmerzes aus dem Leib. Wenn er durch den Zuschauerraum auftritt und sich Tisbe entgegen singt, spürt man, was da für eine Kraft in der Stimme ist. Und in die Stimme von Tisbe musste er sich einfach verlieben!

    Und dann sind da noch Haus-, Garten-, und Waldgeister, die immer mal durch die Räume wuseln, sieben Pantomimen. In der Pause zwischen den Akten begegnen sie uns draußen im sogenannten Gartensalon aus großem Gitterzaun und zwischen Brötchen-, Brezel-, Sekt-, und Weinverkauf als Artisten und Gaukler auf Stelzen, Seiltänzer, Gewichthebern und ähnlichem wieder.

    Zwar hat das Heckentheater seine neue Premiere erlebt, doch am zweiten Vorstellungstag wird der zweite Akt wieder ins Schlosstheater verlegt. Zu graue Wolken ziehen auf und bedrohen die Musikinstrumente.

    Schon vor der Vorstellung schauten sich neugierige Besucher im Heckentheater um, in dem mit Gartenstühlen das ovale Rund des Saales auf die Sitzplatznummer genau nachgestellt wurde.
    Meinungen:

    „Wunderbar!“ – „Das hat den hohen Preis voll gerechtfertigt!“
    „Akustisch war es ja sicher besser als draußen.“ – „Mit den Geistern war es ein herrlich lebendiges Bühnenbild!“

    Nächste Vorstellungen: 21., 22., 23. Juni 2012

    Noch mehr Theater: Europäische Route „Historische Theater“ mit den deutschen Stationen

    Putbus, Neubrandenburg, Potsdam, Bad Lauchstädt, Großkochberg, Gotha, Meiningen, Bayreuth, Ludwigsburg, Schwetzingen, Hanau, Koblenz. www.perspectiv-online.org

    Literatur: Jung, Carsten: „Historische Theater in Deutschland, Österreich und der Schweiz“

    Noch mehr Friedrich: www.friederisko.de

    1742 verfasste er das Theaterstück „Le Singe de la Mode“. Darin soll ein modesüchtiger Marquis von seinem Onkel wieder zur Vernunft gebracht werden. Aber der „Modeaffe“ sucht weiter nach den ultimativen Modeerscheinungen und berührt dabei Architektur, Mätressenwesen, Kleidung und Philosophie. Figurinen und Accessoires der Theaterstück-Ausstellung wurden neu geschaffen von der Belgierin Isabelle de Borchgrave aus formvollendet geknittertem und bemalten Papier.

    www.musikfestspiele-potsdam.de

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