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Besuch im Tierheim Leipzig: Meine Mitarbeiter tragen ihre Knochen für 7 Euro brutto zum Markt

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    Obwohl sie hoheitliche Aufgaben für die Stadt Leipzig übernehmen, sind die Mitarbeiter des Tierheims Leipzig laut dem Geschäftsführer des Tierheims unterbezahlt. 7 Euro brutto bekommen die Tierpfleger in Breitenfeld pro Stunde. Es gibt einige Mitarbeiter, die deshalb Hartz IV beantragt haben.

    Tierheimleiter Michael Sperlich schämt sich dafür, dass er Angestellte so beschäftigen muss. Aber der Bedarf an Mitarbeitern und die gleichzeitig dürftigen Zahlungen von der Stadt geben ihm keine andere Möglichkeit.

    10 Uhr morgens in Leipzig-Breitenfeld. Es ist einiges los im und am Leipziger Tierheim. Tiere kommen und gehen, am Empfangstresen steht das Telefon kaum still und auch bei Tierheim-Leiter Michael Sperlich klingelt immer wieder das Handy. „In der Sommerpause entdecken die Medien das Tierheim“, sagt der Geschäftsführer und gleichzeitige Vorsitzende des Ersten Leipziger Tierschutzvereins leicht enttäuscht. Geschichten über volle Hütten und herzlose Tierhalter bringt dann fast jedes Medium, ohne über die eigentlichen Probleme des Tierheims zu berichten und davon gibt es viele. Zuvorderst die Bezahlung.
    „Meine Mitarbeiter tragen hier täglich ihre Knochen für sieben Euro brutto zum Markt und das im Schichtdienst“, so Sperlich, der 20 hauptamtliche Mitarbeiter inklusive Azubis beschäftigt, die von 90 Ehrenamtlichen unterstützt werden. Die überwiegende Mehrheit an Tierpflegern sind Frauen. „Viele mussten noch Hartz IV beantragen. Das ist unglaublich, wenn man bedenkt, dass der Beruf des Tierpflegers von der Berufsgenossenschaft die dritthöchste Einstufung beim Gefahrenrisiko erhält.“

    Bissverletzungen können immer mal passieren. Zudem sind die Mitarbeiter regelmäßig mit dem Veterinäramt auf der Pirsch, wenn Tierhalter ihre Tiere nicht artgerecht halten und diese deshalb abgeben sollen. Nicht jeder gibt sie aber freiwillig ab. Dass Mitarbeiter dann bedroht werden, sei laut Sperlich keine Seltenheit.

    Weil es keine ausreichende Regelung gäbe, inwieweit die Stadt das Tierheim finanziell unterstützen müsse, zahle die Stadt unregelmäßig und in der Höhe willkürlich, „und dabei haben wir so viele Pflichtaufgaben“. Zu fast 90 % seien dies Aufgaben für die Stadt, für Gerichtsvollzieher und die Staatsanwaltschaft.
    Für Sperlich ist auch klar, warum dieser Zustand seit langem so ist und womöglich noch lange so sein wird. „Mit Tierschutz kannst du als Politiker nicht punkten und deshalb fehlt uns auch eine politische Lobby.“ Er fährt regelmäßig zum Landtag nach Dresden, um Lobbyarbeit zu betreiben. „Unser Landesverband schläft in dieser Beziehung noch. Ich habe den Eindruck, manche wollen gar nichts ändern, weil sie dann nicht mehr so gut jammern können.“

    Derzeit setzt sich das Budget des Tierheims aus Zahlungen der öffentlichen Hand, Spenden, Eigenleistungen – also Vermittlung von Tieren – und Erbschaften zusammen. „Ganz ehrlich: Wenn wir nicht regelmäßig etwas erben würden, hätten wir schon längst Insolvenz anmelden müssen.“ Von vielen Erblassern hört das Tierheim erst durch das das Nachlassgericht. Der Anteil der Stadt am 600.000-Euro-Budget beträgt laut Sperlich zwischen 45 und 50 %. „Verglichen mit dem Anteil an Aufgaben, die wir für die Stadt erledigen, ist das ein Witz.“

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    Der 45-jährige Sperlich ist seit fünf Jahren hauptamtlicher Geschäftsführer des Heimes. Angefangen hat er vor zwölf Jahren als ganz normaler „Gassilatscher“, wie er sagt. „Mein Sohn wollte einen Hund und so ist erst meine Frau mit ihm zum Tierheim und beide zusammen mit verschiedenen Hunden Gassi gegangen. Ich hatte gar keine Zeit.“

    Irgendwann kam auch Sperlich mit, der die meiste Zeit mit seinem Job im Management-Bereich beschäftigt war. Als ein Platz im Vorstand frei wurde, kamen die Vorstandsmitglieder auf den „regelmäßig meckernden Sperlich“, der Verantwortung übernahm und schließlich Geschäftsführer wurde. „Viele haben den Kopf geschüttelt, weil ich meine Management-Position für ein viel niedrigeres Gehalt aufgegeben habe, aber das ist selbst gewähltes Leid. Dass meine Mitarbeiter für diese Bezahlung arbeiten müssen, tut mir mehr weh. Immerhin“, so der Geschäftsführer weiter „haben wir hauptamtliche Mitarbeiter, 90 Prozent davon sind ausgebildete Tierpfleger. Andere Tierheime haben nicht mal das.“

    In Leipzig werden ausgebildete Tierpfleger, die hauptamtlich arbeiten, auch dringend benötigt. „Wir haben derzeit 140 Hunde damit ist diese Kapazität vollkommen ausgeschöpft und wir kriegen auch immer mehr Reptilien.“ Bei den Katzen sieht es dagegen aufgrund der zuletzt harten Winter etwas besser aus. „Und die gehen auch gut wieder raus. Ein alter, gebrechlicher Hund hat dagegen schlechtere Chancen“. Aber das ist ein anderes Problem.

    www.tierheim-leipzig.de

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