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Ernst Ulrich von Weizsäcker und der ökologische Wandel: Was große Autos mit falscher Wirtschaftstheorie zu tun haben

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    Für einen Physiker wie Ernst Ulrich von Weizsäcker ist das klar: Energiepolitik ist Wirtschaftspolitik. Und man muss sie marktwirtschaftlich betrachten. Wie es die üblichen Marktwirtschaftler, die in den letzten 20 Jahren immer wieder Deregulierung gepredigt haben, eben nicht tun. "So steht das bei Adam Smith eben nicht", sagt von Weizsäcker am 14. November in der Volkshochschule in Leipzig.

    Auch die Ahnengalerie der modernen Wirtschaftstheorie hat er mitgebracht. Vier Namen: Thomas Hobbes, Adam Smith, Herbert Spencer und Milton Friedman. Mit Spencer wurde die Wirtschaftstheorie von Adam Smith amputiert. Auch wenn das Zeitgenossen vielleicht als Bereicherung empfunden haben, als der Engländer die biologische Evolutionstheorie von Charles Darwin mit der Wirtschaftstheorie von Adam Smith verband. Das Ergebnis war eine Art Wirtschaftstheorie der absoluten Freiheit – auf dem Markt überlebt nur, wer sich am besten anpassen und die Konkurrenz vom Felde beißen kann. Es war eine Frühform des Sozialdarwinismus.

    Doch sie ist Grundlage der meisten Wirtschaftstheorien, die heute im Westen gelehrt werden – und lange Zeit regelmäßig mit Wirtschaftsnobelpreisen ausgezeichnet wurden. Der Mann, der die Theorie endgültig auch politisch praktikabel machte, war der Chicagoer Wirtschaftsprofessor Milton Friedman, dessen „Chicago Boys“ ab den 1970er Jahren praktisch bei allen politischen Umstürzen dabei waren, bei der es am Ende um die Installation der so genannten freien Marktwirtschaft und jener Rest-Demokratie ging, die übrig bleibt, wenn man die Handlungsfähigkeiten des Staates amputiert. „Schlanker Staat“ ist so ein Schlagwort aus dieser Welt. Deregulation ist ein anderes, Privatisierung das nächste, Globalisierung gehört auch dazu.

    Doch nicht nur Ulrich von Weizsäcker zweifelt daran, dass „der Markt“ irgendetwas nachhaltig zustande bringt. Das gelingt nur in einem Gleichgewicht, wie es Adam Smith formulierte – mit einem starken Staat, der in der Lage ist, gleiche Spielregeln für alle durchzusetzen.

    Sonst herrscht wirklich das Gesetz des Dschungels und die gierigste Bestie gewinnt, nicht die Vernunft.In der Energiepolitik wird das sichtbar. Die moderne, globalisierte Wirtschaft ist auf billigem Öl aufgebaut. Klassisches Beispiel aus von Weizsäckers Wuppertal-Institut: der Joghurtbecher, der schon 8.000 Kilometer Reise quer durch Europa hinter sich hat, bevor er zu Hause auf dem Frühstückstisch steht. Der Grund ist simpel: Wenn Logistik billig ist – und zwar so billig, dass man die billigen Arbeitsressourcen am Ende des Kontinents nutzen kann – dann wäre jeder Unternehmer dumm, der seinen Joghurt in der Region produziert und nicht lieber mit Lkw durch die Welt kutschiert.

    Falsche Marktbedingungen sorgen für eine irrsinnige Art Wirtschaft. Der Grund: Die demontierten Eingreifmöglichkeiten der Staaten. Sie können nicht mehr regulieren. Wer reguliert, vermindert auf so einem Markt die Wettbewerbschancen seiner eigenen Unternehmen.

    Der mögliche Ausweg: Energie teurer machen. Und zwar gekoppelt mit den Effizienzgewinnen. „Unsere Stärke ist die Technologie“, sagt von Weizsäcker. Und verweist auf all die bekannten Beispiele, die längst verwirklichbar sind – aber nur deshalb nicht umgesetzt werden, weil sich der Energiepreis in den letzten 20 Jahren völlig von der technologischen Entwicklung gelöst hat. Vom 1,5-Liter-Auto (VW-Konstrukteure sprechen sogar schon vom 0,8-Liter-Auto) bis zum Null-Energie-Haus. „Ich wohne in so einem Haus, und ich kann Ihnen sagen: Die Energiepreisentwicklung interessiert mich nicht mehr die Bohne“, sagt von Weizsäcker.Natürlich ist es teurer, so zu bauen. Aber Häuser stehen Jahrzehnte. Die eingesparten Energiekosten sorgen binnen weniger Jahre dafür, dass sich die Investition rechnet.

    Dass das Umdenken mit den US-Amerikanern nicht funktioniert, ist für von Weizsäcker längst Fakt. „Ich war selber lange genug in den USA“, sagt er. „Die sind noch lange nicht so weit.“

    Aber die Europäer sollten auch endlich aufhören, sich wie Marionetten der Amerikaner zu benehmen. Europa könnte durchaus das Labor für einen anderen Umgang mit Ressourcen und Energie werden. „Und Sie können sicher sein: Wir wären der beste Partner für die Chinesen und die anderen. Wir brauchen eine Allianz der Gewinnerländer.“

    Und das würden all die sein, die ihre Energiebasis jetzt umbauen. Die das Thema Effizienz wieder ernst nehmen. Denn über 100 Jahre war es Triebkraft der technologischen Entwicklung – der steigende Preis für Energie hat Ingenieure und Unternehmen permanent dazu gezwungen, sich was einfallen zu lassen, um Energie und auch Material einzusparen. Technologie sei ja nun ausgerechnet Deutschlands Stärke, sagt von Weizsäcker.

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    Sein Buch, in dem er das Modell dafür schildert, wie man mit dem Einsatz neuer Technologien sogar Wohlstand und Lebensqualität wachsen lassen kann, wird an diesem Abend natürlich auch erwähnt. „Faktor Fünf“ heißt es und liegt mittlerweile auch auf Chinesisch vor. Und das sollte in Mitteleuropa ein kleines Warnzeichen sein. Denn wenn die Chinesen sich für ein Thema erst einmal begeistert haben, dann warten sie nicht mehr, bis in Texas jemand begriffen hat, worum es geht. Dann legen sie los.

    Eindeutige Botschaft: Wenn man die richtigen Anreize setzt, ist die „Energiewende“ weltweit machbar. Und verschafft den Ländern, die mehr Energieeffizienz und CO2-Einsparung zum Arbeitsziel gemacht haben, Wettbewerbsvorteile und Wohlstandsgewinn.

    Der Artikel auf Welt-Online – unübersehbar aus Agenturmaterial zusammengebaut wie praktisch alle Beiträge zu diesem Thema am 12. November, findet sich hier. Man darf der euphorischen Einschätzung, fossile Energiequellen würden jetzt auf einmal wieder Furore machen, also durchaus misstrauen:

    www.welt.de/wirtschaft/article110927242/USA-steigen-zum-groessten-Oelproduzenten-der-Welt-auf.html

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