Die Akten in der Runden Ecke vergilben, die Fotos verbleichen - mittlerweile ist die Friedliche Revolution fast 24 Jahre her und eine ganze Generation ist aufgewachsen, welche die DDR nur aus Erzählungen kennt. Wie also der Digitalen Generation die bewegenden Einzelschicksale aus jenen Tagen nahebringen, das dürften sich die Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gefragt haben. Und ihre Antwort lautet: Geo-Caching.

Bei diesem schlecht übersetzbaren Begriff handelt es sich um eine virtuelle Schnitzeljagd. Man bekommt die geografischen Daten eines Ortes, findet meist mittels Internet heraus, wo er ist, geht hin und versucht dort Hinweise zu finden auf den Schatz, den man sucht.

Wenn es um die Stasi-Unterlagen geht, sind die Geschichten die Schätze. Denn sie berichten von den persönlichen Herausforderungen, die jeder Einzelne in Angriff nehmen musste, der sich damals auf die Straße getraut hat. Es sind Geschichten wie die des Störers am Brühl: Dieser war Straßenbahnfahrer und am 2. Oktober 1989 am Brühl im Einsatz, als sich dort Montagsdemonstranten und Polizisten in zwei Reihen gegenüberstanden. Die Demonstranten öffneten ihre Reihe, um die Straßenbahn durchzulassen. Die Polizei tat es Ihnen nach, doch der Fahrer trat auf die Bremse und hielt so mit seiner Bahn die Polizeireihe geöffnet, so dass die Demonstranten durch den Bahnwagen hindurch laufen und hinter die Polizisten gelangen konnten.
Dies war heute die erste Episode der nicht erzählten Geschichten – der sogenannten Untold Stories – die mittels Schnitzeljagd eröffnet wurde. Weitere sogenannte Caches sollen folgen, bis zum 7. Oktober nächsten Jahres. Wenn das 25. Jubiläum der Friedlichen Revolution gefeiert wird sollen es 15 Caches sein, in ganz Sachsen verteilt.

Heute also der Auftakt für die Aktion, um für Teilnehmer im nächsten Sommer zu werben. Diese sollen in Workshops die unerzählten Geschichten, welche die Stasi-Akten noch zuhauf bergen, umsetzen zum Beispiel in ein Graffiti oder ein Hörspiel oder Radiofeature. “Die Workshops stehen jedem offen, der mindestens 15 Jahre alt ist”, erklärt die zuständige Projektmitarbeiterin Franziska Scheffler. Eine Grenze nach oben gibt es nicht, nach unten eben schon. “Wir haben das Alter so gewählt, damit man davon ausgehen kann, dass man sich schon mit dem Thema befasst hat”, so Scheffler. Auch Zeitzeugen werden noch gesucht. Eine Vorauswahl an Geschichten ist bereits getroffen worden. “Wir kontaktieren in diesen Tagen Zeitzeugen und freuen uns, dass zum Beispiel schon einer sich bereit erklärt hat. Er ist Fotograf und würde wunderbar passen, wenn er dann einen Foto-Workshop zu seiner Akte und seiner Geschichte leiten könnte”, erklärt Scheffler.
Auffindbar werden die Caches dann im kommenden Jahr, ab dem 7. Oktober 2014, sein. Dann wird also jeder auf virtuelle Schnitzeljagd gehen können. Und das Projekt ist auch dann nicht abgeschlossen. “Es ist erweiterbar”, so Scheffler. Schließlich lagern noch unzählige nicht gehobene Geschichtsschätze in den Säcken mit zerrissenen Akten. Für kommende Geo-Caches gibt es also Stoff und Stöffer.

Webseite des Projekts:
www.untoldstories.de

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