Gerade erst erschien ein neuer, satirischer Beitrag des Kollegen Holger Witzel beim Stern. Unter dem seit Jahren ausgestoßenen Aufruf "Schnauze Wessi" geht der Leipziger Journalist erneut gekonnt durch die vorrangig westdeutschen Befindlichkeiten zum gerade sanft verstorbenen Leipziger "Einheits- und Freiheitsdenkmal". Und stellt die Frage nach dem Willen und Werden der "Eingeborenen" in Leipzig. Wer dies eine rückwärtsgewandte, zu vernachlässigende Sicht nennt, darf sich schon auf den entschlossenen Widerstand der 80-prozentig ungläubigen Leipziger gegen eine Zahlung von einer Million Euro Steuergeld für den "Katholikentag" einrichten.

Offenbar halten einige Kreise, nicht unbedingt mit wenig Macht versehen, die Leipziger immer noch für so dumm, dass es nur andauernder Erklärungen oder besser Indoktrinationen bei gewissen Themen bedarf, um dem Pöbel das Abgelehnte, Ungerechte oder vollkommen Sinnfreie klarzuziehen. Der Leipziger jedoch ist anders, er verhält sich eher wie eine Stromleitung: Je mehr Energie durchfließt, umso höher wird der (ohmsche) Widerstand. Denn eines ist vor allem im kollektiven Gedächtnis von 1989 geblieben – ohne Menschen funktioniert keine Gesellschaft, kein System und auch kein Machtanspruch einzelner.

Wer also versucht, den Leipzigern nur lang genug einzutrichtern, es bräuchte dringend ein Erinnerungsdenkmal “nationaler Größe”, ohne sie zu fragen ob dem wirklich so ist, wird scheitern. Wie am 16. Juli 2014 in der Stadtratssitzung endgültig von den Stadträten eingestanden. Der Leipziger, will er sich erinnern, wird also weiter zu seiner Nikolaikirche schlappen und sich angesichts dieser wirklich wichtigen evangelischen Wendestatt fragen, was der jahrelange Budenzauber rings um die letztlich als Platzbebauung avisierte Gedenkware aus Nah-West auf dem Wihelm-Leuschner-Platz eigentlich sollte.

Wer den Zinnober veranstaltet hat, weiß der Leipziger sehr genau. Es kam irgendwie “von oben herab” und zudem seitlich aus eben jenen muffigen Ecken geweht, wo man selbst dem von den Nazis ermordeten Antifaschisten Wilhelm Leuschner (SPD) seinen, von der Zeit 89 weitgehend unberührten, Platz offenbar gern wieder wegnehmen und in “Königs-Platz” rückbenennen würde.

Hätte man die Bewohner der alten Handels- und Universitätsstadt gefragt, was mit 6,5 Millionen anzustellen sei, was hätte er vermutlich gesagt? Wahrscheinlich eher, steckt die Kohle in etwas Sinnvolles: Schulen, Kitas und mehr Lehrer wären nicht schlecht. Das gleiche dürfte nun dem “Katholikentag” 2016 blühen, nimmt man die ersten Reaktionen dazu nicht ernst und versucht erneut, den Leipzigern die Wichtigkeit der Veranstaltung von oben herab einzubimsen. Es könnte bei diesem Vorgang noch weit deftiger zugehen, denn diesmal soll dem Leipziger Steuerzahler kein Millionenbetrag von seinem Geld geschenkt und unschön verbaut, sondern eine Million Euro aus dem Stadtsäckel genommen werden. Mittels einer angeblichen Wirtschaftlichkeitsberechnung, die derzeit nur vom Milchmädchen abgesegnet wurde, um irgendwie tragfähig auszusehen.

Man wird es den Leipziger Stadträten wohl nochmals genauer vorrechnen müssen, denn sie folgen damit nur der Richtung, welche die Kirche selbst in ihren Anpreisungen der Wichtigkeit des Katholikentages für Handel und Ruf der Stadt Leipzig gewiesen hat. Eine eigentlich vollkommen unnötige fiskalische Vermessung eines wichtigen deutschen Glaubensfestes. Erzwungen jedoch durch die Beantragung einer nachweislich reichen Institution, aus einer dauerklammen Kommunalkasse eine Million und von einem dauersparenden Freistaat 3 Millionen zu erhalten.

Wobei der finanzielle Part der Causa Katholikentag 2016 ganz sicher nicht der einzige Grund für die Räte der Stadt Leipzig war, in der gleichen Sitzung der Denkmalsabsage auch die Vertagung der 1-Million-Euro-Zusage mit großer Mehrheit zu beschließen.

Wer den Katholikentag als religiöses Massenereignis zur Bindungsstärkung der katholischen Kirche kennt, wird nicht bestreiten können, dass es sich in erster Linie um eine gigantische PR-Veranstaltung für eben diese katholische Kirche handelt. Was abseits von Umwegrenditen und Umsatzsteigerungen für angeblich alle Leipziger in den fünf dollen Tagen im Mai 2016 eine andere Frage aufwirft. Die nach der Moral, der Gerechtigkeit und des Anstandes auf Seiten der katholischen Kirche, wenn sie ganz traditionsbewusst nun nach 99 anderen Katholikentagen an die Pforten Leipzigs klopft und im Schritt 1 dabei 4 Millionen Euro Steuergelder bei Land und Stadt beantragt.

Entgegen der angeblich neuen Transparenzfreude ohne genaue Verwendungsplanung zur Einsicht für die Öffentlichkeit. In jedem Fall nicht die Art Vorgehen, wie es an der Spitze des Vatikans längst angemahnt wird.

Betrachtet man die vergangenen Jahre der Rückschläge und ebenfalls noch höflich formuliert, Katastrophen rings um kircheninternen Kindesmissbrauch, der ausufernden Bauwut eines immer leicht abseitig wirkenden Bischofs und die katholischen Thesen zu Kindesabtreibung und Kondomverbot noch in den ärmsten Ländern dieser Welt, ist die nachfolgende Frage auf einmal keine mehr. Warum das Jahr 2013 mit 178.805 Austritten (lt. der Deutschen Bischofskonferenz, siehe Link am Schluss) ein weiterer Höhepunkt beim Niedergang der katholischen Kirche in Deutschland war, liegt auf der Hand. Nach 2010 (rund 181.000 Austritte nach den Kindesmissbrauchsskandalen) ein weiteres Rekordjahr der entnervten Abkehr. 2012 waren es “nur” 118.335 Schafe, die die Herde Gottes verließen. Sie fielen dabei nicht etwa vom christlichen Glauben ab, sie ließen vielmehr die selbsternannten, durchweg männlichen Vertreter Gottes auf Erden einfach allein am Altar stehen.

Die katholische Kirche als Institution ist längst in einer halskrausentiefen Rechtfertigungskrise. Auch, weil Medien immer wieder darüber berichteten, wie der christliche Glaube dafür genutzt wurde, in den oft als soziales Engagement gepriesenen katholischen Krankenhäusern, die Angestellten untertariflich zu bezahlen. Dabei ertappt, gab es reuige Blicke und wenig Veränderungen, denn wie jeder andere Krankenhausbetreiber verdienen die kirchlichen Einrichtungen in Deutschland zuerst einmal Geld. Als nach wie vor Großgrundbesitzer zu nennende Eigentümerin von Land auch über diverse Pachtverträge. Dagegen ist aus weltlicher Sicht nichts zu sagen – doch die moralische Monstranz vorhergehender Jahrhunderte ist mit den Vorgängen der letzten Jahre in einer zunehmend aufgeklärten Gesellschaft weitgehend flöten gegangen.

Dennoch scheint es nach wie vor ein ungebrochen hohes Maß an moralischem Überlegenheitsgefühl in der reichsten Kirche der Welt zu geben. Und statt Demut kommen neue Forderungen zu den uralten dazu.

Denn jährlich fließen bekanntermaßen Zahlungen von 480 Millionen Euro, mit welchen der Staat, also auch die Leipziger und Sachsen mit ihrer Hände und Köpfe Arbeit bis heute die katholische Kirche für die wahrlich historischen Enteignungen vor über 200 Jahren abfinden. Entstanden vor allem durch einst von Frankreich annektierte Gebiete und den Reichsdeputationshauptschluss 1803. Jahr um Jahr finanzieren die Deutschen neben den Kirchensteuern der schwindenden Mitglieder also bereits locker 50 Kirchentage vollständig mit Steuergeldern. Die katholische Kirche könnte allein mit diesen Geldern das gesamte Jahr Wochenende für Wochenende durchfeiern.

Wäre diese institutionalisierte Entschädigungszahlung eine geltende Regelung für wirklich alle, die da vor dem Gesetz gleich sind, es käme zu unvorstellbaren Geldflüssen nach den Vertreibungen und Enteignungen allein der letzten 200 Jahre zwischen allen möglichen Leuten, die beweisen könnten, mal ein Stück Erde besessen zu haben. Irgendwer hat immer irgendwem etwas aus irgendwelchen oft üblen Gründen weggenommen. Ganz Spitzfindige könnten aber auch fragen, wie eigentlich die Aufteilung der Welt von einer Nutzung der Erde hin zu einem Besitz derselben einst vonstatten ging. Da gäbe es auf einmal nur noch Landräuber, welche heute die schönen Adelstitel tragen oder eben über 200 Jahre lang Ausgleichszahlungen erhalten.

Auf allen Ebenen der christlichen Moral, von sozialer Verantwortung über den Schutz des Lebens und der Unversehrtheit Untergebener bis hin zum Umgang mit dem Geld der Bürger steht der Petersdom also längst schief. Was an der Basis, auch hier in Leipzig durch das selbstverständliche Einfordern von weiterem Steuergeld an Verständnis zerstört wird, können auch noch so richtige Reden des neuen Papstes Franziskus über mehr Demut und Hinwendung zu den Armen nicht mehr zusammenflicken.

Das Fazit kann für einen aufgeklärten Leipziger und eine moderne katholische Kirche eigentlich nur lauten: Die katholische Kirche möchte gern nach Leipzig zum Feiern kommen? Gern, denn die überwiegende Mehrheit der Leipziger ist vor allem eines – tolerant und respektvoll gegenüber allen Religionen. Gerade erst hat das Bürgertum dieser Stadt der Ahmadiyya-Gemeinde bei ihrem Plan eines ausschließlich selbst finanzierten Moscheebaus kraftvoll den Rücken gestärkt und sich dabei auch argumentativ stark in der intellektuellen Auseinandersetzung gezeigt.

Dass die Freiheit des Denkens (und des Glaubens) immer zuerst die Freiheit der Anderen ist, ist überdies auch ein Leipziger Satz, welcher bis heute von vielen vor Ort verteidigt wird.

Also: Herzlich willkommen, liebe Anhänger und Freunde der katholischen Kirche in unserer schönen Stadt. Die Arme sind wie gegenüber so vielen, die Jahr um Jahr Leipzig mit ihren Besuchen und ihrem Ankommen bereichern, weit geöffnet. Aber zeigt uns, dass ihr nach Tebartz-van Elst endlich verstanden habt, warum seit 1990 jedes Jahr durchschnittlich 100.000 Anhänger die katholische Kirche verlassen und zieht die Anträge auf zusätzliches Geld bei Kommune und Freistaat Sachsen zurück. Oder spendet die insgesamt 4,5 Millionen Euro denen, die es wirklich benötigen: soziale Einrichtungen, Obdachlosenhäuser, Kindervereine, Schulen, Kitas oder in die Vereine, welche sich um die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen bemühen. Letzteres einst eines der vornehmsten klerikalen Wirkungsfelder – die Gewährung von Asyl.

All das könnte durchaus den Beifall der unzähligen, sozial engagierten Leipziger finden. Und ein wirkliches Signal wäre es zudem. Um es im Angesicht der schrumpfenden Kirchenmitgliedszahlen mit Kardinal Reinhard Marx zu sagen: “Ich bin nicht entmutigt, sondern sehe die Statistik auch als hilfreichen Weckruf: Die Zahlen rütteln noch einmal auf, danach zu fragen, wie wir uns jetzt und künftig neu aufstellen müssen, damit das Evangelium weiterhin gehört und gelebt werden kann.”

Leipzig im Jahr 2014 wäre so eine Gelegenheit. Ein Verzicht auf den Katholikentag ist dabei nicht notwendig, die durchaus weltlichen Argumente der Kirche für den Ruf der religiösen Toleranz und die angegebene Wirkung für Leipzigs Handel blieben unverändert. Auch wenn es finanziell nicht ganz aufgehen würde, wäre wohl niemand verstimmt.

Richtungweisend für alle noch folgenden Katholikentage wäre dieser Wandel im Wirken und im Ruf der katholischen Kirche in jedem Fall. In ihrem eigenen Interesse. Denn christliche Werte, welche sich auch im liberalen Leben und Leben lassen wiederfinden, wohnen in uns allen. Wenn sie dies nicht tun, sind sie ebensolche Worthülsen, wie die des vorgeblichen bürgerlichen Anstands und der aufgesetzten Moral, wenn man gleichzeitig den Nächsten, meist Ärmeren bestiehlt.

Die Leipziger feiern sicher gern auch in einem kleineren Rahmen den Jubiläums-Katholikentag mit allen Gästen und freuen sich auf die angekündigten Dispute zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Zeit, ein Riesenfest mit Geldern der Steuerzahler zu feiern, ist jedoch vorbei. Die Zeit, ein frohes, religiöses Fest ohne Bekenntniszwang auszurichten, ist hingegen in der weltoffenen Handels-, Universitäts- und Messestadt Leipzig immer. Dabei gilt der alte Grundsatz Leipziger Pfeffersäcke für jeden, ohne Ansehens der Person: Wer die Musik bestellt, bezahlt sie auch. Vor allem dann, wenn er keine Mühe damit hat.

Auch diesbezüglich und angesichts der derzeit gerade mal rund 20.000 Leipziger Katholiken also: Herzlich willkommen!

“Schnauze Wessi”

www.stern.de/politik/deutschland/schnauze-wessi-fuer-kohl-n-appel-und-n-ei-2124783.html

Die Kirchenstatistik 2013 vom Juli 2014

www.dbk.de/presse/details/?presseid=2597&cHash=5f3117e6cc0e4cf9d43531bc5dee0a8e

Zum Einstieg: Wikipedia zum Reichsdeputationshauptschluss

http://de.wikipedia.org/wiki/Reichsdeputationshauptschluss

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