"Die sächsische Landeskirche - irgendwann vielleicht weniger homophob"

Tanners Interview mit dem Schriftsteller und Allrounder Fabian W. Williges

Tanner trifft Williges. Mindestens einmal im Jahr entern sie gemeinsam eine Bühne und unterhalten Menschen und versuchen die Fackel der Vernunft weiterzureichen. Das macht ihnen Spaß und den meisten anderen im Raum auch. Da Williges aber auch Bücher schreibt, fragte Tanner ein bisschen an ihm rum.
Artikelserie "Tanners Interview" - Teil 307 von 339

Guten Tag Fabian W. Williges. Wofür steht denn das W?

Manchmal steht es für wichtig, weise oder witzig, manchmal auch für weinerlich. Meistens steht es aber für den Erzbischof Willigis, der im 11. Jahrhundert am 23. Februar starb. Das ist genau ein Tag vor meinem Geburtstag. Ich mag die Vorstellung, eventuell mit ihm verwandt zu sein.

Wir lümmeln hier gerade so entspannt beim Jobclub des Jobcenters Leipzig herum, wo Du gleich beim Poetry Slam als musikalischer Sidekick fungieren wirst. Nun weiß ich aber, dass da auch ein neues Buch geboren wurde. Lucias Aufbrüche – im charmanten J.F.Steinkopf Verlag. Diesmal keine Gedichte, sondern eine Erzählung. Wer ist denn diese aufbrechende Lucia?

Sie ist ein 14-jähriges Mädchen, das gerade seine Konfirmation erlebt. Ich sehe Lucia als eine ernsthafte Person und gute Schülerin. Manchmal ist sie vielleicht ein wenig zu korrekt und überspannt. Es macht ihr Spaß, alles absolut richtig zu machen. Dabei isoliert sie sich aber. Lucia nimmt auch den Glauben sehr ernst und hat sich bewusst zur Konfirmation entschieden. Hinzu kommt, dass die Gethsemanekirche, in der sie konfirmiert wird, gerade drei Jahre lang restauriert wurde, wobei alte Malereien entdeckt wurden. Diese bekommen für Lucia eine besondere Bedeutung.

Im Klappentext steht, dass sich Lucia übergibt. Aha! Warum denn dies?

Oh, das hat viele Gründe. Zum Beispiel der Sekt mit Orangensaft, den sie zur Feier des Tages getrunken hat. Sie ist als ein anständiges Mädchen mit 14 den Alkohol ja nicht gewohnt. Dann die gesamte Aufregung, einen ganzen Tag im Mittelpunkt des kirchlichen und familiären Geschehens zu stehen. Und dann ist da natürlich noch der Essigreiniger, der ihr zu dem Zeitpunkt in die Nase sticht. Aber ich möchte jetzt auch nicht zu viel verraten.

Was hat Dich denn ins Kirchliche getrieben?

Man sieht es mir vielleicht nicht gleich an, aber ich bin ein durchaus religiöser Mensch. Mein Vater ist Pastor in der Hannoverschen Landeskirche. 1992 bin ich nach Leipzig gezogen, um auch selbst Theologie zu studieren. Doch die Universität konnte mich nicht halten. Stattdessen habe ich dann erstmal in einer Punkband gesungen. Mit dem fortschreitenden Alter bin ich aber ruhiger geworden. Mittlerweile bin ich zweifacher Patenonkel. Eines meiner Patenkinder hatte Anfang dieses Jahres Konfirmation. Mein Patenkind ist nicht Lucia. Aber ich habe ihm die Erzählung gewidmet – als ein ganz persönliches Konfirmationsgeschenk.

Du kannst ja die unterschiedlichen Ausrichtungen der evangelischen Kirchen in Ost und West bestens beurteilen. Was ist denn da Deine Sicht für eine? Gibt’s da noch Unterschiede? Ist da zusammengewachsen, was sich Jahrzehnte unterschiedlich entwickelte? Wie ist der Stand?

Ich kann natürlich weder über die gesamte Kirche im Westen noch die im Osten urteilen. Aber ich habe doch einiges gesehen und erlebt. Mein Vater war mit Pastor Christian Führer befreundet. Wir haben in den 70er Jahren unseren Familienurlaub in der DDR gemacht. Ich glaube, da war Führer Pastor in Colditz. Und später hat er auch uns im Westen besucht. Dieser Aufbruch durch die Nikolaikirche ist einer der Gründe, warum ich nach meinem Abitur sofort nach Leipzig gezogen bin. Die Hannoversche Landeskirche habe ich in einigen Gemeinden und in der übergemeindlichen Arbeit immer als menschenoffen, lebensbejahend und links von der Mitte erlebt. In Leipzig spüre ich diesen Geist im kirchlichen Gemeindeleben auch.

Die sächsische Landeskirche erinnert mich allerdings eher an die katholische Kirche im Rheinland in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als ein aufrechter Heinrich Böll um das Gelingen der Entnazifizierung bangte. Aber wie die katholische Kirche 2013 nach Papst Benedikt einen Papst Franziskus bekam, wird auch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen nach Carsten Rentzing weitere Landesbischöfe haben. Und einige davon werden sicherlich auch weniger homophob sein.

Angenehmerweise lässt Du Dich nicht auf ein kulturelles Genre festlegen. Du bist Fotograf, Musiker, Literat, Übersetzer, Projektkünstler und Dozent. Was dozierst Du denn?

Wenn du das so aufzählst, klingt das wirklich eher nach einem Gemischtwarenladen. Aber mir gefallen so viele Techniken, Gattungen und Genre, dass eine Konzentration auf nur ein Gebiet der glatte Horror für mich wäre. Meine Tätigkeit als Dozent spaltet sich auch schon wieder auf in mehrere Bereiche. Ich bin seit meiner Zeit als Geschäftsführer im Werk II Ausbilder für Veranstaltungskaufleute. Bei einem privaten Bildungsträger besorge ich die überbetriebliche Ausbildung. Außerdem unterrichte ich an der Volkshochschule Websitegestaltung. Das ist wieder etwas kreativer. Mein Lieblingsfach bleibt aber die Finanzbuchhaltung. Da ist alles so schön klar und einfach. Das sehen meine Schüler meistens erstmal anders. Aber am Ende steht doch der Erfolg einer bestandenen Prüfung.

Gibt es eigentlich zu Lucias Aufbrüche auch Lesungen? Und wenn ja, wo?

Ich hoffe, dass ich noch dazu komme, Interessierten aus diesem Buch vorzulesen. Ich bin aber noch ein wenig unerfahren in diesem Kultursegment. Es ist ja doch länger und vielleicht auch thematisch ein wenig anders gelagert als die Texte zu einem Poetry Slam wie heute Abend. Aber ich bin jederzeit bereit, ob in Buchhandlungen, Cafés, Bibliotheken oder Kirchengemeinden zu lesen und mit den Gästen über Glauben, Sekt mit Orangensaft und Kirchenmalerei zu diskutieren. Genaueres muss ich zum Jahresanfang in Angriff nehmen. In diesen Tagen steht ja erstmal das Weihnachtsfest im Vordergrund.

Wie kommt das interessierte Lesevolk denn aber nun an Dein Buch heran? Liegst du bei den großen Playern im Schaufenster oder ist es die Direktvermarktung über Verlag und Autor?

Ein eigenes Schaufenster – das wäre schön! Aber soweit ist es wohl noch nicht. Lucias Aufbrüche ist aber ganz regulär über den Buchhandel zu beziehen. Der Verlag hat auch eine eigene Website, über den der Erwerb möglich ist. Und ich persönlich habe ebenso noch einige Exemplare vorrätig. Und wer das Buch über mich bezieht, erhält noch eine Signatur.

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