Tanners Jahresabschluss-Interview mit dem Musiker und Sänger Kai Niemann

Zum Jahreswechsel sollte Zeit und Muße sein, zurückzublicken und in sich zu gehen, die Gedanken auf Reisen zu schicken und vielleicht auch eigene Sichten zu hinterfragen. Um dann ausgeruht und gestärkt weiterzumachen. Oder etwas zu ändern. Tanner fragte bei Menschen nach und ließ sie reden, frei nach Heinrich Böll (im Aufsatz "Die humane Kamera" 1964) "...dass die Menschen nicht überall gleich, sondern überall Menschen sind, deren Menschwerdung gerade erst begonnen hat."

2015 bimselt ja gerade aus. Welches Thema hat Dich denn in diesem Jahr besonders bewegt und warum?

2015 war ein krasses Jahr. Hauptthema war und ist für mich die Musik. Ich hab mit meiner neuen Band „108 Fahrenheit“ unser erstes Album aufgenommen, in Dresden. Wir haben gemeinsam die Arrangements erarbeitet und immer neue Ideen gehabt. Jeden Tag kamen Musiker ins Studio, keiner hat nach Geld gefragt, alle haben erstmal gespielt. So sind immer mehr Instrumente hinzugekommen…Geigen, Cello, Trompete, Posaune…Mit Marco Pfennig, unserem Banjo-Mann, und meinem Kontrabassisten Adrian konnten wir so einen Sound erschaffen, den es mit deutscher Musik so noch nicht gibt. Das war ein Traum und der hat sich dieses Jahr erfüllt.

Dann haben wir das Album bei Master-Legende Bob Katz in den USA mastern lassen. Das war tatsächlich bezahlbar und hat uns alle sehr stolz gemacht. Das erleben zu dürfen, wie Lieder, die zuerst nur in Deinem Kopf sind, Wirklichkeit werden, ist echt ein Privileg. Es gibt für mich nichts, was da rankommt. Und meine Dresdner Musiker sind echt ein Beispiel dafür, dass in Dresden nicht nur frustrierte „Wutbürger“ wohnen. Dieser ganze PEGIDA-Mist war natürlich auch immer Thema. Und dass diese Schwachmaten eine Bühne geboten haben für krasse Typen, um die man auf der Straße einen Bogen machen würde. Die haben Dresden so sehr geschadet, ich glaube, das ist denen gar nicht bewusst.

Und von Deinen ganz persönlichen Erlebnissen. Welches war das Einschneidenste?

Ganz persönlich lief es dieses Jahr nicht so gut. Ich habe mein ganzes Vertrauen in jemanden gelegt und wurde schwer enttäuscht. Dann hab ich jemanden verloren, der mir sehr wichtig war. Das ist nicht leicht zu verkraften. Aber Gott sei Dank gibt es Freunde, die das abfedern können. Und meine Musik.

Dann war für mich das Thema Kindesmisshandlung 2015 ein wichtiges. Ich habe von Alice Miller „Das Drama des begabten Kindes“ gelesen, das hat mich sehr zum Nachdenken bewegt. Ich hatte eine Unterhaltung mit einem Freund, der mir gesagt hat „Mir ist bei meiner Tochter auch schon die Hand ausgerutscht, ich hab mich aber hinterher entschuldigt.“ Und ich war fassungslos. Ich sagte ihm, mir würde bei ihm doch auch nicht die Hand ausrutschen: „Stell Dir vor, Du unterhältst Dich mit jemandem und sagst, ja, ich hab gestern Kai getroffen. Gut, ihm ist mal die Hand ausgerutscht, aber ich war auch frech und außerdem hat er sich entschuldigt“. So etwas passiert nur, weil die Eltern Macht über die Kinder haben und Kinder wehrlos sind. Und gerade das macht die Sache noch viel schlimmer.

Alice Miller war der Ansicht, dass die Gewalt an Kindern für alles Übel in der Welt verantwortlich ist. Und ich glaube, sie hatte Recht. Die Eltern haben keine Ahnung, was sie da anrichten und wie tief sich diese Gewalt in die Seele der Kinder schneidet. Und die gesellschaftliche Tendenz geht leider dahin, das zu verharmlosen, weil es etabliert ist. Und weil viele verdrängen wollen. Dabei kann schon eine Ohrfeige ein Kind versauen und dazu führen, dass es später selbst ein gewalttätiger Mensch wird. Viele Menschen sind leider zu doof, das zu begreifen.

Zum Leben gehört ja auch Entwicklung, wenn’s gut geht, sogar Geistige. Befindest Du Dich da gerade auf einem Weg? Besonders, da zwischen den Tagen und im Jahresumbruch ja gerne auch Zeit ist für Tiefgang? Berausch uns bitte mit Deiner Sicht der Dinge.

Oohps, da hab ich wohl eben schon etwas vorgegriffen.

Was wünschst Du Dir von Deinen Mitmenschen im neuen Jahr und warum?

Ich wünsche mir, dass Menschen zu dem stehen, was sie sagen, so dass Reden wieder einen Sinn hat. Im Kleinen wie im Großen. Wenn ich zu jemandem sage: „Ich ruf Dich diese Woche an“, dann tu ich es. Wenn ich zu jemandem sage: „Ich liebe Dich“, dann meine ich es. Es wird so viel geredet, ohne dass es eine Bedeutung hat. Gerade in der Musikbranche hab ich diese Erfahrung gemacht. Was mir da schon versprochen wurde. Was Leute zu mir gesagt haben, als ich sehr erfolgreich war. Wenn die sich alle dran gehalten hätten, wäre ich jetzt reich.

Gott sei Dank habe ich schon früh die Erfahrung gemacht, dass man das meiste, was Menschen sagen, durch 10 teilen muss. Trotzdem passiert es mir ab und zu, dass ich darauf reinfalle. Und die machen das eben, weil sie nur an sich und meistens alle sehr kurzfristig denken. Jeder von denen kann mich echt am Arsch lecken. Ich kenne nicht viele, die auch machen, anstatt nur zu quatschen. Leider.

Ich las gerade folgenden weisen Satz: „Dick macht nicht, was man von Weihnachten bis Neujahr isst, sondern was man von Neujahr bis Weihnachten isst.“ Da sind wir beim Genusse. Wie ist’s mit dem Speisen und Trinken bei Dir an den Tagen? Was gab es auf die Teller? Besonderheiten?

Früher hab ich an Weihnachten für Freunde Gänse- oder Entenbraten gemacht. Da ich aber schon länger kein Fleisch und keine Wurst mehr kaufe, hat sich das erledigt. Ich bin da sehr untraditionell geworden und in den letzten Jahren, so auch dieses, bin ich Weihnachten immer verreist. Schon früher, als ich noch in einer WG gewohnt hab, haben wir uns Heilig-Abend dann immer alle getroffen und uns gemeinsam betrunken. Das war schön. Vielleicht wird das wieder etwas anders, wenn ich eine eigene Familie haben sollte. Ansonsten bin ich generell nicht so für Völlerei und neige nicht dazu, mich an bestimmten Tagen so voll zu fressen, dass ich nicht mehr laufen kann. Ab Mitte Dreißig muss man ja auch aufpassen, dass man nicht fett wird. Ist bei mir leider auch so und daher halte ich gern Maß.

Und welche Wünsche möchtest Du Dir selber 2016 erfüllen?

Für 2016 habe ich einige Wünsche. Wir haben jetzt zum Jahresende endlich eine Plattenfirma für unser Album gefunden und es wird am 18. März erscheinen. Natürlich wünsche ich mir, dass es uns gelingt, ein paar Medien von uns zu überzeugen und es so schaffen, als „108 Fahrenheit“ etwas bekannter zu werden. Ende März/Anfang April gehen wir dann auf Tour und werden unter anderem in Halle, Erfurt, Chemnitz und auch wieder in Leipzig spielen, in der Moritzbastei.

Im Moment sind wir dabei, so viele Gastmusiker wie möglich aufzutreiben und ich freue mich natürlich sehr, wenn viele Leute zu den Konzerten kommen. Wir haben etwas zu sagen und musikalisch wirklich etwas zu bieten, was es so nicht so oft gibt. Privat wünsche ich mir, dass ich es schaffe, wieder Vertrauen zu fassen und die Verletzungen zu verarbeiten, die ich erlitten habe. Und von zwei Schachteln Zigaretten wieder auf eine pro Tag runterzukommen. Aber da bin ich dabei. Ganz aufzuhören hab ich mir noch nie vorgenommen. Und ich wünsche mir für alle, dass „Gutmensch“ zu sein nichts Verwerfliches ist, sondern etwas Erstrebenswertes. Unfassbar, dass mir schon mal jemand das als Schimpfwort an den Kopf geknallt hat. Die Dummheit der Menschen geht mir wirklich auf den Sack!

Bist Du glücklich? Fühlst Du Dich schön?

Nein, ich bin nicht glücklich. Ich kenne auch niemanden, der es ist, falls er nicht gerade frisch verliebt ist oder im Lotto gewonnen hat. Die meisten Menschen leben sehr oberflächlich, lenken sich permanent ab und täuschen „glücklich sein“ vor, weil es sehr unpopulär ist, es nicht zu sein. Und auch, wenn ich spießig klinge, aber Facebook ist das beste Beispiel dafür. Ich kenne einige, die dort ein Bild von sich zaubern, das mit der Realität nichts zu tun hat. Das ist ekelhaft, aber dieser Zug ist so im Rollen, dass ihn keiner mehr aufhalten kann. Ein anderes Beispiel, das für meine These spricht, ist, dass viele sich jeden Abend die Birne weghämmern um sich zu betäuben. Die tun so, als wäre das normal, aber in Wahrheit halten sie ihr Leben sonst nicht aus. Ich weiß es schon deshalb, weil ich es auch lange gemacht habe.

Inzwischen versuche ich, mit allem ehrlich zu sein: Ja, ich besaufe mich, wenn und weil es mir schlecht geht. Und nein, ich schreibe keine lustigen Lieder, die Welt ist schon lustig genug. Die Leute sehen einen manchmal komisch an, wenn sie fragen, wie es einem geht und man sagt: „Mir geht’s Scheiße.“ In Wahrheit sind viele einsam, unzufrieden und unglücklich. Auch dazu tragen Facebook und Co. bei. Neulich war ich auf einer Geburtstagsfeier. Eine große Familie. Irgendwann ging es um Gewalt an Kindern und es war, als hätte man die Büchse der Pandora geöffnet. Nacheinander kam die halbe Familie mit schauerlichen Geschichten – die Krönung war ein junges Mädchen, die erzählt hat, dass ihre Mutter sich letztes Jahr totgesoffen hat und als der Pfarrer bei der Beerdigung sagte: „Sie war eine gute Mutter…“, haben alle gelacht. Wie gesagt, das war eine große Familienfeier.

Am Schluss haben wir alle einen ordentlichen Dübel geraucht und dann ging es wieder. Und ich weiß, dass jetzt schon wieder einige sagen: „Oh Gott, wie kann man nur so negativ sein“. Dieser allgemeine Tenor zum Lustigsein und die damit verbundene Unehrlichkeit kotzt mich einfach an. Sorry. Glück ist ein biegsamer Begriff. Glück ist schon, wenn man kein Krebs hat, deswegen ist man aber eben noch lange nicht glücklich. Soll ich jetzt trotzdem allen ein glückliches Neues Jahr wünschen? Ok. Ist hiermit geschehen. Und das Thema Schönheit umgehe ich sanft. Das sollen andere beurteilen.

Danke für Deine Antworten.

Um es auf niedersächsisch zu sagen: Da nicht für.

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