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Tanners Jahreswechsel-Interview mit dem Moderator, Sprecher, Poetry-Slam-Boy und Sonettenschreiber Jan Lindner

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    Zum Jahreswechsel sollte Zeit und Muße sein, zurückzublicken und in sich zu gehen, die Gedanken auf Reisen zu schicken und vielleicht auch eigene Sichten zu hinterfragen. Um dann ausgeruht und gestärkt weiterzumachen. Oder etwas zu ändern. Tanner fragte bei Menschen nach und ließ sie reden, frei nach Heinrich Böll (im Aufsatz "Die humane Kamera" 1964) "...dass die Menschen nicht überall gleich, sondern überall Menschen sind, deren Menschwerdung gerade erst begonnen hat."

    2015 bimselt ja gerade aus. Welches Thema hat Dich denn in diesem Jahr besonders bewegt und warum?

    Hin und wieder rührt auch mich ein Weltgeschehen an. Allerdings möchte ich es uns allen ersparen, diese Plattform zu nutzen, um meine Meinung durchzudrücken.

    Und von Deinen ganz persönlichen Erlebnissen. Welches war das Einschneidenste?

    Ich finde es momentan spannend, den Doku-Onkel zu spielen. 2015 sind eine handvoll Dokumentationen entstanden, denen ich meine Stimme leihen durfte und die auf Leipzig Fernsehen und Info TV liefen oder immer noch laufen. Es macht großen Spaß, einen fremden Text emotional zu erfassen und dann mit der Stimme versuchen, entsprechend zu transportieren. Und es ist natürlich ein willkommener Ausgleich zum Texten und zum Bühnenauftritt, wo die Uhren ja ganz anders ticken. Man ist weniger gezwungen selbst zu glänzen, sondern vielmehr Unterstützer von Bildern und Musik.

    Zum Leben gehört ja auch Entwicklung, wenn’s gut geht, sogar Geistige. Befindest Du Dich da gerade auf einem Weg? Besonders, da zwischen den Tagen und im Jahresumbruch ja gerne auch Zeit ist für Tiefgang? Berausch uns bitte mit Deiner Sicht der Dinge.

    Ich habe mir mein alltägliches Leben so aufgebaut, dass ich nicht den Jahresumbruch herbeisehnen muss, um in mich zu gehen und über mich und meine Welt nachzudenken. Im Grunde ficht es mich nicht allzu sehr an, ob nun Sommer oder Winter ist, ob nun der Jahreswechsel oder mein Geburtstag vor der Tür steht. Obgleich ich zugeben muss, dass ich mich im Speziellen immer auf Silvester als Großereignis freue. Das kollektive Bewusstsein von Jahreswechsel und damit einhergehender Feierei ist dann doch etwas, das auch bis zu mir vorgedrungen ist und auf dessen Welle ich gerne mitreite. Aber weniger ist es eben der Anlass als vielmehr das befreite Aufspielen der Menschen um einen herum. Letztes Silvester hat ein sonst ziemlich introvertierter Freund von mir mehr oder weniger ziellos auf der Straße Frauen angesprochen, ob sie nicht einfach Lust hätten, zu knutschen. Nur so aus Spaß und weil Silvester ist. In den meisten Fällen hat das dann auch geklappt. Schließlich stecken wir an solchen Tagen doch irgendwie alle unter einer Decke und da ist die Hemmschwelle weitaus geringer, etwas zu tun, das sonst vielleicht undenkbar wäre. Ein bisschen ist es, als öffne sich Silvester ein Spalt zu einer Parallelwelt – einer irgendwie empathischeren.

    Aber jetzt habe ich ein bisschen abgelenkt. Du fragtest nach meiner geistigen Entwicklung und ob ich mich gerade auf einem Weg befände. Nun ja, ich denke, ich lerne gerade immer mehr damit umzugehen, dass ich eben etwas kauzig bin und eher zurückgezogen lebe. Wenn man diesen Weg der Selbstakzeptanz gehen möchte, ist es sicherlich hilfreich, liebe Menschen zu haben, die sich nicht angegriffen fühlen oder beleidigt sind, wenn man sich mal eine zeitlang etwas rarer macht. Das befreit ein bisschen von dem Gefühl, selbst eben abnorm und irgendwie „fehlerhaft“ im Kontext zu anderen zu sein. Ich glaube, es gibt da zwei Extreme: Entweder man versucht, es allen irgendwie recht zu machen und verzweifelt an der damit einhergehenden Verleugnung seiner selbst. Oder man stößt andere vor den Kopf, indem man versucht zu sein, wie man eben ist und verzweifelt dann am Schuldgefühl. Ich versuche da irgendwie einen gesunden Mittelweg zu finden.

    Was wünschst Du Dir von Deinen Mitmenschen im neuen Jahr und warum?

    Ach, eigentlich nichts. Zumal das ja ein bisschen auch die Verurteilung anderer impliziert, wenn man auf deren Besserung pocht. Und zunächst einmal möchte ich niemanden verurteilen. Wenn ich aber tatsächlich gezwungen wäre, mir etwas zu wünschen, dann vielleicht, dass man bei Problemen oder auch ganz generell den Fehler erst mal bei sich selbst sucht, bevor man eben zu dem bequemeren Weg der Verurteilung anderer übergeht. Manchmal erwische ich mich bei letzterem und muss mir dann eingestehen, dass ich ja irgendwie nicht ganz unschuldig bin. Man kann auf jeden Fall lernen, sich da entsprechend selbst zu triggern und einen Modus zu entwickeln, das Bewusstsein über die eigenen Schwächen beim Lösen eines Problems erst mal an den Anfang zu stellen. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass jeder eine Chance verdient hat – und dann natürlich auch man selbst.

    Ich las gerade folgenden weisen Satz: „Dick macht nicht, was man von Weihnachten bis Neujahr isst, sondern was man von Neujahr bis Weihnachten isst.“ Da sind wir beim Genusse. Wie ist’s mit dem Speisen und Trinken bei Dir an den Tagen? Was gab es auf die Teller? Besonderheiten?

    Ich versuche, mich momentan etwas spartanischer zu ernähren, um mir für den Zyklus des üppigen Speisens anlässlich der besagten Festivitäten etwas Platz zu schaffen. Dass das nicht immer gelingt, liegt an „Bitte Ausrede Ihrer Wahl hier einfügen“. Auf dem Teller jedenfalls landete Traditionelles: Vom Wesen vielleicht nicht sonderlich spektakulär, aber dafür umso mehr vom Geschmack. Was das Trinken betrifft, steht man dieser Tage ja auch ein bisschen in der Pflicht, wenn man in die Heimat fährt und bedenkt, welch soziale Beziehungen man da so wieder aufzufrischen hat.

    Und welche Wünsche möchtest Du Dir selber 2016 erfüllen?

    Mein aufwendigstes aktuelles Projekt ist sicherlich das Theaterstück, an dem ich gerade schreibe. Es ist mein erstes und wird eine Parodie eines klassischen Textes in durchweg jambischen Reimen. Wenn ich das 2016 abschließen kann, wäre das ein voller Erfolg – gemessen an meinem Arbeitstempo!

    Außerdem will ich mich in der Sprecherei weiterentwickeln und freue mich natürlich auf mein drittes Buch, das am 26.03.16 bei Periplaneta in Berlin erscheinen wird. Mein erster Prosaband mit einigen Kurzgeschichten und einer längeren Erzählung. Ich stelle gerade fest: 2016 könnte wirklich ein ganz gutes Jahr werden.

    Bist Du glücklich? Fühlst Du Dich schön?

    Das sind natürlich sehr sensible Fragen, aber ich finde es gut, dass du die Leute anregst, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ich denke schon, dass ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten, glücklich bin. Ich darf das machen, was mir am meisten Spaß macht und komme mit vielen interessanten Menschen zusammen.

    Ob ich mich schön fühle? Du sprachst den Genuss zur Weihnachtszeit an: Da rollt auf jeden Fall wieder der eine oder andere Happen auf uns zu, der sich wohl nicht gerade unterstützend auf die eigene Stromlinienförmigkeit auswirkend wird. Aber auch das wird wieder besser werden. Passt schon!

    Danke für Deine Antworten.

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