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Tanners Jahreswechsel-Interview mit der Musikerin und Sängerin Le-Than Ho

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    Zum Jahreswechsel sollte Zeit und Muße sein, zurückzublicken und in sich zu gehen, die Gedanken auf Reisen zu schicken und vielleicht auch eigene Sichten zu hinterfragen. Um dann ausgeruht und gestärkt weiterzumachen. Oder etwas zu ändern. Tanner fragte bei Menschen nach und ließ sie reden, frei nach Heinrich Böll (im Aufsatz "Die humane Kamera" 1964) "...dass die Menschen nicht überall gleich, sondern überall Menschen sind, deren Menschwerdung gerade erst begonnen hat."

    2015 bimselt ja gerade aus. Welches Thema hat Dich denn in diesem Jahr besonders bewegt und warum?

    Mich hat die Flüchtlingsthematik sehr bewegt und aufgewühlt. Meine Eltern sind selber Boat People gewesen. In den 70ern sind sie vor dem Vietnamkrieg geflüchtet, in überfüllten kleinen Booten nach monatelanger Reise über Irr- und Umwege in Deutschland gestrandet. Meine Familie ist groß, sie wurde auseinander gerissen und über die ganze Welt verstreut, aber alle haben sie überlebt. Das war, und ist, großes Glück. Das wird absurderweise schnell vergessen, besonders, wenn es einem gut geht. Ich bin in Deutschland geboren und in einer sicheren Umgebung aufgewachsen. Und ich habe das Privileg, heute Musik machen zu dürfen. Vor zwei Monaten habe ich den Syrer Ahmed kennengelernt, der aufgrund des Krieges nach Deutschland geflüchtet ist. Er lernt gerade in Berlin Deutsch, ich habe ihm dabei ein wenig geholfen.

    Er musste mich erinnern und ich habe mich sehr für mein Vergessen geschämt. Sein Erinnern lässt mich erahnen, welches Schicksal seine Familie traf. Ich muss mir immer wieder bewusst machen, dass das Überleben meiner Familie großes Glück war und ist. Aufwühlend war demzufolge für mich die Erkenntnis: Meine Familie ist EINE Familie von vielen mit einer schweren Geschichte, die Glück hatte; schmerzhaft war es im Rahmen dieser Erkenntnis, Statistiken zu lesen und meine Familiengeschichte mit der Zahl zu multiplizieren, die als Fakt in den Statistiken steht, und selbst dann komme ich nicht mal in die Nähe des Ausmaßes von Leid und Verzweiflung, welches Menschen durchmachen müssen, die alles verloren haben. Und nicht mal annähernd soviel Glück hatten wie meine Familie. Bewegt hat mich hier in Deutschland aber das Mitgefühl für Flüchtlinge, die Hilfsbereitschaft, das Willkommenheißen, das gemeinsame Etwas-Bewegen und Erreichen!

    Und von Deinen ganz persönlichen Erlebnissen. Welches war das Einschneidenste?

    Das klingt jetzt vielleicht banal, aber es war, als mir eine enge Freundin ein altes Klavier geschenkt hat. Ich habe nie ein echtes Klavier besessen, immer nur auf einfachsten e-Pianos geklimpert, und als dieses Klavier aber dann in meinem Wohnzimmer stand, und ich angefangen habe, darauf zu spielen, da sind mir die Tränen gekommen, das war wie Nachhause kommen. Seither schreibe und arbeite ich viel am Klavier. Es ist, als würde es verstehen, was ich ausdrücken möchte. Ich bin definitiv keine Virtuosin am Klavier! Aber dennoch: Plötzlich ist alles so leicht und ich kann durch das Klavier Dinge sagen, die in Worten schwer fallen. Das hat ganz schön viel ausgelöst.

    Zum Leben gehört ja auch Entwicklung, wenn’s gut geht, sogar Geistige. Befindest Du Dich da gerade auf einem Weg? Besonders, da zwischen den Tagen und im Jahresumbruch ja gerne auch Zeit ist für Tiefgang? Berausch uns bitte mit Deiner Sicht der Dinge.

    Haha, ich weiß nicht, ob meine Gedanken so berauschend sind, Volly! Dieses Jahr hat mich vor allem eine Frage sehr beschäftigt, inwieweit das, was ich mache, Sinn macht? Zeitweilen habe ich mich für das, was ich mache, geschämt, weil ich in erster Linie keine fröhlichen Popsongs schreibe, ich mache mit meinen Liedern Menschen traurig, grüblerisch, melancholisch, manchmal verstöre ich auch. Vielleicht habe ich mich aber auch für mich selbst geschämt, weil es oft doch Mut braucht, um an sich selbst zu glauben und an das, was man macht. Es hat mich sehr viel Kraft gekostet, diese Scham zu überwinden und zu lernen, dass es OK ist, wenn Leute meine Musik ablehnen. Meine Lieder behandeln unangenehme Themen, Themen, mit denen auch ich selber kämpfe, hadere oder die ich selbst auch erst mal abgelehnt habe, nur um mich später dann doch dazu durchzuringen, mich mit ihnen auseinanderzusetzen, weil diese Themen auch ein großer Teil von mir und wie ich denke, von uns allen sind, und die mich und uns alle menschlich machen.

    Ich kann mit meinen Liedern ein Spiegel sein, der eben auch die Abgründe aufzeigt. Und ich kann verstehen, dass Menschen mich deswegen erst mal ablehnen. Wenn ich aber anfange, Lieder zu schreiben, die grundsätzlich erst mal gefallen wollen, das wäre dann wie Photoshop. Und dann wäre das, was ich mache, für mich nicht mehr sinnvoll. Denn was ich mache ist doch in erster Linie das: Ich mache meine innere Suche nach Themen, die auch mir erstmal verborgen sind, weil sie Angst machen und verunsichern, aber unverneinbar existent sind, sichtbar, in der für mich pursten und ehrlichsten Form und Art und Weise, wie es mir nur möglich ist. Ich mache das sichtbar, was den meisten von uns und auch mir Angst macht und dadurch vielleicht ein wenig greifbarer. Darin sehe ich den Sinn meiner Arbeit. Und es macht Sinn, wenn es für einen selbst Sinn macht! Und man daran glaubt. Dann wird es immer Leute geben, die verstehen, was man macht! Das ist bestimmt nicht immer einfach, aber machbar. Ich habe aber natürlich auch schöne Lieder…

    Was wünschst Du Dir von Deinen Mitmenschen im neuen Jahr und warum?

    Eigentlich ist so vieles gar nicht so wichtig. Ich wünsche mir von meinen Mitmenschen, dass sie sich mehr Zeit für sich nehmen! Öfter mal eine Auszeit nehmen. Dinge mehr in Ruhe anzugehen. Vielleicht öffnet das auch den Blick für Dinge, die man sonst übersehen hätte. Und für andere Menschen.

    Ich las gerade folgenden weisen Satz: „Dick macht nicht, was man von Weihnachten bis Neujahr isst, sondern was man von Neujahr bis Weihnachten isst.“ Da sind wir beim Genusse. Wie ist’s mit dem Speisen und Trinken bei Dir an den Tagen? Was gibt es auf die Teller? Besonderheiten?

    Ich esse leidenschaftlich gerne! Ich bin Vegetarierin, und die meisten meiner Freunde auch. Es wird ein Speisen und Trinken unter Freunden geben, da wird Nussbraten aufgetischt und für diejenigen, die Fleisch essen, Lamm. Dazu guten Wein. Bei meiner Familie gibt es ein Culture Clash Essen, da trifft Fondue auf Frühlingsrollen und Krabbenchips auf Kartoffelsalat. Da ist alles dabei, wir sind aber auch eine sehr große Runde und wenn jeder was mitbringt, dann kommt auch ganz schön was zusammen!

    Und welche Wünsche möchtest Du Dir selber 2016 erfüllen?

    Ehrlich gesagt habe ich keine konkreten Wünsche für 2016.

    Bist Du glücklich? Fühlst Du Dich schön?

    Wenn ich morgen sterben würde, gibt es kaum etwas, was ich bereue, getan zu haben. Und kaum etwas, was mich reizt, das ich zumindest nicht mal versucht habe zu tun oder nicht getan habe. Würde ich mein Leben noch mal leben müssen, hätte ich wahrscheinlich ähnliche Entscheidungen getroffen, mein Leben zu leben. Ich glaube, in dieser Hinsicht müsste das bedeuten, dass ich glücklich sein müsste, mit dem, was ich habe, und mit dem, was ich bin, oder? Wenn ich zurücksehe, bin ich glücklich. Wenn ich nach vorne sehe, manchmal auch. Oft sehe ich aber nach vorne gar nicht so viel. Dann habe ich Angst. Dann ist das wie wenn das Licht ausgeht und du tastest dich mit einem Fuß voran und plötzlich ist da dieser Gedanke, da könnte nichts sein, worauf du treten kannst. Diese Angst macht mich unsicher. Und vielleicht auch unglücklich. Manchmal aber ist diese Ungewissheit wie ein verführerisches Abenteuer. Wenn ich mich in die Dunkelheit voller Vorfreude werfen kann, weil es ja auch sein kann, dass ich in einem Himmelbett lande, dann glaube ich, dass ich glücklich bin. Auch, wenn ich nach vorne sehe. Demzufolge: Manchmal fühle ich mich schön, manchmal nicht. Wenn ich mich glücklich fühle, fühle ich mich schön. Manchmal bin ich es auch nicht. Aber das ist auch OK. Irgendwann werde ich sicherlich wieder weich landen.

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