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Warum die Narzissten triumphieren, wenn Politik keine Visionen mehr hat

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    Es hätte eigentlich nicht passieren dürfen. Das war ja die Verblüffung der letzten Zeit: Da passiert ein Brexit, obwohl zumindest den Wissenden klar war, welche dramatischen wirtschaftlichen Folgen er haben wird. Und ein Trump wird Präsident, obwohl er lügt, diskriminiert und beleidigt. Waren wir eigentlich nicht einmal rationale Gesellschaften?

    Schön wäre es, wenn wir hier einfach „Ja“ schreiben könnten. Aber hinter der Folie unserer Rationalität war immer schon jede Menge Platz für Intrigen, Eitelkeiten, Gier und Egoismus. Und wer den Drang zur Macht hatte, der hat das auch immer weidlich ausgenutzt. Deswegen kommen auch alle die klugen Analysen zum Narziss Donald Trump zu spät. Als wenn er eine Ausnahme wäre und nicht die logische Folge einer emotionalen Radikalisierung. Als perfekte Verkörperung eines Narzissten ist er eine Ausnahme. Aber Lug und Trug hat auch er nicht in die westliche „Wertegemeinschaft“ gebracht. Über die man durchaus nachdenken kann. Denn darunter verstehen eine Menge Leute völlig unterschiedliche Sachen. Und die wenigsten denken dabei an eine aufgeklärte, rationale Gesellschaft.

    Toleranz verwechseln sie mit der Akzeptanz aller Irrlichtereien, zu denen Menschen fähig sind, aber auch von Obsessionen, die für Gesellschaften brandgefährlich sind. Nur dass sie selten so unverblümt daherkommen, sondern bislang immer das Schafsgewand und die Kreidestimme bevorzugten. Zumindest lange Zeit. Ungefähr bis in die Regierungszeit von Bill Clinton, als sich die Konservativen in den USA daranmachten, nicht nur diesen von ihnen ungeliebten Präsidenten aus dem Amt zu fegen, sondern auch sich selbst zu radikalisieren. Denn wer beginnt, mit „moralischen Werten“ hausieren zu gegen und so tut, als wäre er ein Lamm auf Gottes Weide, ein besserer Christ und Mensch als die anderen da, der beginnt schon Gräben aufzureißen, Menschen herabzuwürdigen und ein Spiel zu spielen, das ziemlich schnell in Verachtung, Beleidigung und Abwertung endet. Der öffnet ein Fass.

    Natürlich gehört das zu den machiavellistischen Methoden. Deswegen haben wir den Mann ja gerade erst erwähnt.

    Nur leben wir alle nicht mehr im 16. Jahrhundert und müssten eigentlich wissen, wohin das führt, wenn man solche Methoden anwendet. Denn das verändert auch den Blick der Wähler auf Politik – weg von den Inhalten und hin zu etwas, das man nur in höchstem Rausche noch „Werte“ nennen könnte. Eher hat es etwas mit Showeffekt zu tun, der Fähigkeit, etwas darzustellen, was die Leute beeindruckt. Und sie trotzdem nach Strich und Faden zu belügen und zu betrügen.

    (Und weil wir den Literaturtipp beim letzten Mal vergessen haben, kommt er jetzt hier: Thomas Mann „Mario und der Zauberer“.)

    Betrogen, so wie es die Bush-Administration im Falle ihrer Kriege getan hat, mit denen sie all das Unheil erst eingerührt hat, das heute fürs weltweite Entsetzen sorgt. Denn der von George W. Bush entfesselte „Krieg gegen den Terror“ hat den Terror erst zu einer echten Kriegspartei gemacht. Verdient haben daran eine Menge Leute. Aber dazu sollte Politik eigentlich nicht da sein: Ganze Länder in wütende Bürgerkriege zu verstricken, damit die Rüstungsausgaben hoch bleiben.

    Und die Büchse der Pandora schloss sich ja auch nicht, als George W. Bush endlich in Rente ging. Die Tea-Party-Bewegung machte das Niedermachen und Beleidigen zur neurechten Methode, die auch die Präsidentschaftsküren der Republikaner bestimmte: Auf Zustimmung konnten nur noch Kandidaten hoffen, die Irrationalität und Aggression versprühten.

    Wissen die Republikaner eigentlich, dass sie als rationale Partei damit ein Komplettausfall sind?

    Aber dasselbe greift ja auch in unseren Breitengraden um sich. Auch das ein Preis der innigen Freundschaft mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Warum sollte man nicht mit blanker Emotion auch in Europa Wahlen machen und die Wähler aufreizen, bis sie Blut sehen wollen? Mal hier ein bisschen gestichelt, mal dort ein wenig den Chauvinisten gezeigt. So was kommt immer von so was und nicht von allein.

    Aber immer ist es ein Zeichen dafür, dass die Politik an dieser Stelle keine Angebote mehr macht und auch nicht rational agiert.

    Denn auch Gefolgsleute merken, wenn eine Regierung ohne Inhalt ist. Dann werden sie rebellisch. Und hochemotional. Und glauben, nur weil eine Frau fest steht wie eine Eiche, sie wäre nun ganz schrecklich sozialdemokratisch geworden. Die Leere haben auch deutsche Konservative mit Emotionen gefüllt. Keinen guten. Sie hören damit auch nicht auf, obwohl sie ganz genau sehen, dass sie damit den Pöblern von ganz rechts Tür und Tor öffnen. So macht man Hass und Verachtung salonfähig.

    Das ist schwach.

    Es ist aber auch Zeichen dafür, wie wenig Rationalität heute noch in konservativen Parteien zu finden  ist. Deswegen glauben ja einige der Ahnungstollen, dass sie nun wieder bei Machiavelli abkupfern müssen. Was man nur muss, wenn man kein Vertrauen mehr in die eigene Ratio und Problemlösungsfähigkeit hat.

    Da haben wir aber was gesagt. Aber es sieht ganz so aus: Sie geben sich allwissend und bärenstark – aber wenn man dann in ihren Köcher schaut, sind keine Projekte drin, Visionen schon gar nicht, dafür die dümmsten Zitate aus Machiavelli. Der ein Genie war gegen diese spätrömischen Abkupferer.

    Wir analysieren mal jetzt nicht die Fehler der Linken. Das tun wir ein andermal. Aber mit der Kür von Martin Schulz ist ein Element zurückgekehrt, das man auch bei den Sozialdemokraten lange vermisst hat: Wieder von normalen und irdischen Dingen zu reden und sich nicht hinter Handlungszwängen zu verstecken. Ein Stück Ratio, wenn man so will. Auch wenn das mit dem großen Wort Gerechtigkeit erst einmal noch viel zu mächtig gewaltig klingt. Kann er das stemmen? Findet er dazu die richtigen Hebel?

    Denn die Analyse hat er ja vorgelegt: In Deutschland geht es ungerecht zu.

    Und das tut es auch, weil seit Jahren Politik für Egoisten, Gierige und Feiglinge gemacht wurde.

    Denn wer keine Realpolitik für die Probleme der Zeit zu bieten hat, der schafft erst die Freiräume für die Irrationalität, in der sich die Narzissten wohlfühlen und austoben. (Verblüffend, wie viel Aufmerksamkeit diese eitlen Personen ihrer Haartolle widmen.) Der Narzisst braucht die Räume des Unbestimmten, des Unbehagens, der Planlosigkeit. Da erst kann er den großen Macher markieren und so tun, als hätte er die Lösung für alles. Und vor allem: ganze Medienimperien unterstützen ihn, weil sie darauf getrimmt sind, Clowns, Akrobaten und grimmige Revolverhelden groß ins Bild zu setzen. Jeder TV-Auftritt ist ein Showdown, in dem nicht der gewinnt, der die rationalen Argumente hat, sondern der, der die geringsten Zweifel an sich aufkommen lässt.

    Das Fernsehen ist das Medium für Narzissten. Und wie wir beobachtet haben, sind die direkt angestellten Moderatoren hilflos gegenüber diesen Untoten, die ihnen die Show stehlen und das Podium grandios zu nutzen verstehen. Leute zu beeindrucken, die mit allem Möglichen vorm Bildschirm sitzen – nur nicht kühler Rationalität.

    Die ist nicht so attraktiv wie ein blutiger Faustkampf. Sie macht Kopfschmerzen, ist nicht immer einfach zu erklären. Sie wirkt selten so schön einfach, weil sie unsere Gesellschaft als Summe ihrer Teile begreift und nicht die Einzelposition als einzig gültige.

    Aber das hat sich ja geändert. Aus nicht ganz so spannenden TV-Diskussionen wurden mediale Box- und Hahnenkämpfe. Und nur wirklich dumme Moderatoren wundern sich, wenn am Ende die Gockel gewinnen und das Publikum das um sich greifende Gefühl hat, dass die anderen Kampfteilnehmer als gerupfte Hühner aus der Show gingen.

    Wir bieten hier jetzt keine Lösung für das Dilemma.

    Nur ein Gefühl: Das sagt uns nämlich, dass narzisstische Gockel in einer so auf Ratio angewiesenen Gesellschaft wie der unseren nichts an politischen Schalthebeln zu suchen haben. Nicht nur, weil sie da eine Menge Unheil anrichten können, sondern weil sie Lösungen blockieren, breitärschig, wie sie in ihren Ämtern sitzen und so tun, als würden sie gute landesväterliche Politik machen.

    Das Ergebnis ist ein Haufen ungelöster Probleme, der in allen unseren europäischen Ländern da liegt und vor sich hin stinkt. Und – Schulz hat natürlich Recht – ein völliges Verschwinden von Gerechtigkeit. Was zumindest all jene wissen, die sich Gerechtigkeit in diesem unseren Lande nicht kaufen können. Oh ja, die Erniedrigten und Beleidigten, derzeit mehr Beleidigte als Erniedrigte. Zumindest sind die Beleidigten lauter als die Erniedrigten. Weil sie ja das Gefühl haben, dass es richtig so ist, die anderen, die wirklich Niedergetretenen auch noch zu beleidigen. Macht ja der Gockel an der Spitze auch so.

    So frisst sich das nächste irrationale Element in unsere Gesellschaft. Wahrscheinlich braucht es mehr als einen Schulz, um das aufzuhalten. Aber der Mann ist zumindest ein ermutigender Anfang in einer Zeit, in der wir allesamt seit Jahren geglaubt hatten, Aspiranten auf die Macht müssten nur hübsch telegen und arrogant sein, dann könne auch nichts schiefgehen.

    Dummerweise geht es mit denen aber immer wieder schief. Vielleicht sollte das nicht mehr verblüffen, sondern eine Mahnung sein. Denn Mancher unter denen ist ein ausgekochter Narziss.

    In eigener Sache: Lokaler Journalismus in Leipzig sucht Unterstützer

    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2017/01/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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    2 KOMMENTARE

    1. Nun, an anderer Stelle wird der Homo Oeconomicus, zu recht, als Fabelwesen dargestellt, an dem sich sinnloserweise Heerscharen an Wirtschaftswissenschaftlern abarbeiten. Falsche Theorien anbietend, weil die Grundannahme eben falsch ist. Und auf einmal soll er wieder das Maß der Dinge sein?! Der Homo oeconomicus? Der Rationale?

      Natürlich nicht. Politik wird nie rational sein, weil es die Menschen nicht sind.Sie sind emotional. Sie sind aber auch soziale Wesen. Woran man manchmal zweifeln kann, denn sie sind ebenso egoistisch und hedonistisch (ein Wesenszug, den alle Menschen tragen). Und sie denken im Jetzt. Weder an ihre Kinder, noch an ihre Enkelkinder. Und fühlen sich deshalb von Menschen wie Trump und anderen „Alternativen“ offensichtlich gut vertreten.

      Schulz appelliert mit dem Schlagwort „Gerechtigkeit“ auch an Emotionen. Er appelliert an den sozialen Interessenausgleich. Und der Wähler wird sich im Klaren sein müssen darüber, daß es die Solidarität unter den Armen ist, die Schulz scheinbar meint. Denn genau das ist es, was die Partei, deren Vorsitz er übernommen hat und für die er als Kanzlerkandidat antritt bisher auszeichnet. Sie fordert und fördert die Solidarität, die Gerechtigkeit unter den Armen. Besser vielleicht: unter denjenigen, die ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen müssen. Die nicht andere Menschen oder „das Kapital“ für sich arbeiten lassen. Oder die gänzlich oder teilweise auf Transferlesitungen angewiesen sind. Schulz steht ebenso für die Agenda 2010, wie der neue Bundespräsident Steinmeier. Ebenfalls Architekt der Agenda 2010.

      Merkel weiß, warum sie die ungefragt vorpreschenden Wahlkämpfer der CDU/CSU zurückpfeift – der Angriff auf Schulz fällt auf sie zurück. Denn sie hat das fortgesetzt, was Schröder begonnen hat. Und sie tut es noch. Gemeinsam mit Schulz´ „Truppe“.

    2. Meine erste Empfindung nach diesem Artikel: brillant; wie so oft von Ralf Julke.
      Werde ich noch einige Male lesen müssen.

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