Was gerade passierte

Die Sache mit dem Komma und der politischen Verachtung für das Fach Deutsch

Für alle LeserSchau an. Am 28. April war dann endlich das Komma da. Da hatte dann doch jemand ein Einsehen mit uns, die wir noch in Zeiten aufgewachsen sind, in denen emsige Deutschlehrerinnen mit uns Rechtschreibung und Grammatik geübt haben, bis das saß. Bis wir verinnerlicht hatten, wie man Satzzeichen richtig setzt.

Ob Erdogan seine Satzzeichen richtig setzt, ist uns eigentlich egal. Aber wir vermuten mal: Nein. Denn wer so lange mit Menschen zu tun hat wie unsereins, der weiß, dass richtiges Schreiben etwas mit richtigem Denken zu tun hat. Das geht ja heute verloren, wo die Kinder schon auf Tastaturen herumdaddeln und Deutschstunden das Allererste sind, was gestrichen wird.

Wer es nicht mitbekommen hat: Die „Zeit“ hat die Schüler selbst befragt. Auch wenn in Sachsen nicht genug Teilnehmer an der Umfrage zusammenkamen, um relevante Länderdaten zu ermitteln.

Aber die Rangliste ist klar: Mit 11,1 Prozent Ausfall führt das Fach Deutsch eindeutig die Rangliste der Ausfälle an, gefolgt von Englisch (9,7 Prozent) und Biologie (9 Prozent).

Und da wagt in diesem Land irgendjemand von Werten und (Leit-)Kultur zu sprechen?

Ein Land, das die Vermittlung seiner eigenen Sprache derart sabotiert, hat keinen Grund, über irgendwelche Werte zu schwadronieren. Gerade dass Deutsch so oft zuerst gestrichen wird, erzählt fast alles über die Ungebildetheit unserer Bildungspolitiker.

Es erzählt nicht von ihrer Abneigung gegen Goethe und Schiller. Sondern von ihrer Abneigung gegen richtiges Denken.

Denn wir denken in Bildern und in Sprache. Sprache ist die Matrix unseres Denkens. In Sprache bildet sich unsere Logik ab, unsere Fähigkeit, Dinge zu begreifen und zu artikulieren. Unsere Welt erklären wir uns über Bilder und Geschichten.

Und wenn die Sprache diffundiert (und der so gut verkäufliche Gangsta-Rap in Deutschland ist eine einzige Diffusion von Sprache), dann wird unser Denken unlogisch, unstimmig, dann verlieren wir die Fähigkeit, die Dinge zu erkennen und zu benennen. Über Sprache begreifen wir die Welt. 1. Buch Mose, Kapitel „Das Paradies“: „… denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen …“

Sprache macht uns fähig zur Kommunikation. Weil sie Dinge eindeutig benennt.

Die Logik steckt in der Sprache. Wer Sprache verhunzt, zerstört Kommunikation.

Deswegen sind jeder Punkt und jedes Komma wichtig.

Gerade dann, wenn einer wütend überall Sprüche gegen den Staat an Connewitzer Mauern schreibt.

Aber unser Problem ist nicht der „Bullenstaat“, auch wenn etliche Innenpolitiker beim Überwachen und Verdächtigen aus lauter Dummdudelei übergriffig werden. Unser Problem ist eine bildungsfeindliche Politikergeneration, die es fertigbringt, den Ausfall von Schulstunden über Jahre hin als lässliches Übel zu betrachten.

Unterrichtsausfall in deutschen Schulen. Screenshot von Zeit.de (Link am Schluss)

Unterrichtsausfall in deutschen Schulen. Screenshot: Zeit.de (Link am Schluss)

Und die glaubt, sie müsste ständig nach neuem elektronischem Klimbim in der Schule rufen, aber die wichtigsten Fächer einfach ausfallen lässt.

Der Lehrplan legt zwar nicht viel Gewicht auf die Logik der Sprache, ihre Stringenz und die Rolle als Matrix für unser Denken. Aber zumindest lernt man da die wichtigsten Regeln, die sich irgendwann auch verinnerlichen. Denn wenn ich nicht punktgenau formulieren kann, erzeuge ich mit Sprache auch keine Wirkung. Und was ich dann an Parolen raushaue, versteht kein Mensch. Dann gibt es auch keine wirkliche politische Debatte mehr.

Deswegen lese ich ja auch alle diese Sprüche an den Wänden. Bei manchen merkt man, dass sich da wirklich jemand Sorgen macht. Manchmal merkt man auch, dass er die Passanten wirklich meint – und nicht nur eine vermummte Menge wütender Gegen-irgendwas-Seiender.

Denn wer die paar Bücher im Deutschunterricht gelesen hat, weiß eigentlich, dass es die Worte sind, die die Welt verändern. Denn sie verändern unser Denken.

Manchmal auch zum Negativen, wenn Wortmüll die Gehirne ergreift – solcher Wortmüll wie Überfremdung, Schande, Rasse, Lügenpresse – also lauter Worte für dumme, unstrukturierte Menschen, die glauben, Sprache sei dazu da, andere Menschen zu verunglimpfen.

Sie sehen schon, wohin einen so ein Komma führt. Mitten hinein ins Abendland und die ganz und gar unheilige Allianz zwischen bildungsfeindlicher Politik und echten Bildungsfeinden, die glauben, sie müssten ihren Kopf nach der Schule nicht mehr zu Denken benutzen.

Dabei ist er genau dafür da.

Auch für diese kleinen Details, diese Kommas, die einem Satz eine Struktur geben. Ohne Struktur erfordert es übrigens mehr Energie, den Satz zu entschlüsseln – das kommt in der Schule als Lernstoff gar nicht vor. Deswegen wissen es die meisten Leute gar nicht, wie anstrengend es ist, wenn sie sich unstrukturiert äußern.

Die Strukturen – und auch die Satzzeichen – helfen unserem Gehirn, Gelesenes schneller einzuordnen, zu erkennen und abzuhaken. Denn an Sätzen, die wir nicht verstehen, bleiben wir hängen. Wir müssen die Dechiffriermaschine erst anschmeißen, um dem Gelesenen einen Sinn zu verpassen.

Oder mal so gesagt: Menschen, die nicht fähig sind, sich strukturiert (klar und deutlich) auszudrücken, sind eine Zumutung. Sie sorgen dafür, dass wir ihr Geschwurbel ständig neu entziffern müssen.

Geschwurbel kann auch so klingen: „Sie sind ein Mann der klaren Worte. Ihr bürgerschaftliches Engagement für Respekt in der Gesellschaft ist beispielgebend. Es ist gut und wichtig, dass wir in diesem Land diesen großen zivilgesellschaftlichen Schatz haben, für den Sie stehen. Ich weiß um diesen Schatz und will ihn heben helfen.“

Das hat – laut Pressemitteilung – Michael Kretschmer gesagt zur Verabschiedung des Mediziners und Krebsspezialisten Gerhard Ehninger in den Ruhestand.

Zum Glück beschreibt die sächsische Staatsregierung keine Mauern. Es wäre nicht auszuhalten.

Aber vielleicht kommt es ja noch.

Vielleicht klingt das dann so:

„Wenn ich komme, heben wir Schätze.“

Ach ja, da steht jetzt auch noch ein Punkt.

Hinter Berlin fehlt er noch. Da, wo er hingehört. Duden-Regel Nr. 391.

Eine Connewitzer Hauswand meldet sich wieder zu Wort + Update

 

SpracheLeitkulturRechtschreibung
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