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Donnerstag, 21. Januar 2021

Eine Connewitzer Hauswand meldet sich wieder zu Wort + Update

Von Ralf Julke

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    Eigentlich hätte hier jetzt wieder eine schöne Geschichte über den fleißigen Graffiti-Entferner stehen können, der am Wohnhaus gleich gegenüber vom Haus der Demokratie regelmäßig die Wände reinigt. Am Mittwoch, 4. April, war er wieder da, hat mit viel Schaum ein Stück der Hauswand geputzt. Und dann hat er eingepackt und ist wieder weggefahren. Und nun das ...

    Dabei war da vorher nicht mal was Besonderes zu sehen. Nur eine grüne Schlängellinie, mit der der Sprayer, dem dieses Territorium augenscheinlich in der Welt der nächtlichen Sprühkünstler zugestanden ist, einfach sein Revier markiert hat. Motto: „Ich male, aber heute fällt mir nichts ein!“

    Die rote Schlängellinie links davon und die schwarze rechts davon hat der Graffiti-Putzer dann stehen lassen. Das wirkte schon seltsam. So wie „pünktlicher Arbeitsschluss“, nächste Woche ist auch noch Zeit zum Putzen. Oder die Lauge war alle, weil er zu viel davon versprüht hat.

    (Und wie ich das gerade schreibe, ist er wieder da – hat sich große Pötte von Farbe mitgebracht und übermalt jetzt die rote Linie. Da schwant einem was …)

    Die Überraschung gab’s dann am Donnerstagmorgen. Da war dem heimlichen Besitzer dieses Sprühreviers wohl doch noch was Zündendes eingefallen. Man darf ja nicht vergessen: Hier ist Connewitz. Hier wird Politik mit starken Sprüchen gemacht. So wie bei der Innenministerkonferenz, die am 7. und 8. Dezember in Leipzig stattfand und an einigen Stellen in der Stadt für ein bisschen Auflauf sorgte. Da standen hier so schöne Sprüche wie „Freiheit stirbt mit Sicherheit“.

    Ein anderer Spruch, mit dem sich der nächtliche Sprayer wohl irgendwie mit dem Black Triangle solidarisieren wollte, lautet „DB halt’s Maul!“

    Sie merken schon am Ton: Das hat alles ein bisschen was von aufgeregter Familie und Schulhofromantik.

    Aber wenn so ein schönes Stück Hausfassade blank geputzt ist, findet sich schnell ein neuer Spruch.

    Immerhin steht ja seit Februar eine Drohung ins Haus: Herr Erdogan, der Pascha aus der Türkei, will Deutschland besuchen, wenn die neue Regierung steht. Was nicht nur einige Regierungsmitglieder zu Recht als Drohung empfunden haben dürften. Aber vielleicht kommt der Mann ja im direkten Gespräch auf ein paar vernünftige Gedanken – zum Beispiel seine Panzer aus Syrien zurückzuziehen. Weiß man alles nicht.

    Aber der Spruch „Berlin brennt wenn Erdogan kommt“ (ohne Komma und Ausrufezeichen) lässt zumindest schon mal ahnen, was in Berlin los sein wird, wenn der Autokrat aus Ankara nach Berlin kommt. Die Polizei wird alle Hände voll zu tun haben.

    Und der Putzmeister wird wohl nicht hinterherkommen, wenn die Emotionen sich erst einmal alle in Buchstaben an der Hauswand verwandeln wollen.

    Die rote Linie jedenfalls hat es schon erwischt …

    Und schon geht's Erdogan an den Kragen ... Foto: Ralf Julke
    Und schon geht’s Erdogan an den Kragen … Foto: Ralf Julke

    So schnell geht das, wenn der Maler erst mal zuschlägt …

     

    Drei Minuten später... Foto: Ralf Julke
    Drei Minuten später… Foto: Ralf Julke

    Und wer dachte, dass eine so frisch getünchte Wand nicht zu neuen Statements einlädt, der kennt Connewitz eher nicht. Nur Kommas sind weiterhin Mangelware. Gab’s wieder keine im Sonderangebot.

    ... und einen Tag später. Foto: Ralf Julke
    … und einen Tag später, am 6. April 2018. Foto: Ralf Julke

     

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