In der Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen wird zu wenig getan

Für alle LeserNach dem Anschlag in Halle/Saale warnt ein Experte der Universität Leipzig davor, die Ursachenforschung zu sehr auf die politische Dimension zu konzentrieren. Das beflügle potenzielle Nachahmer, da die Täter unbewusst als politische Freiheitskämpfer dargestellt würden, sagt Soziologe Dr. Alexander Yendell, der Mitglied des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung (KReDo) der Universität Leipzig ist.

Er plädiert dafür, stärker auch auf die psychologischen Hintergründe solcher Taten zu schauen und forscht selbst gerade intensiv an diesem Thema.

Herr Dr. Yendell, Sie sehen in der Berichterstattung über den Anschlag in Halle eine Tendenz, die Sie beunruhigt …

Das stimmt. Natürlich hat ein solcher Täter sichtbar ein politisches Motiv, und die weltweite Vernetzung von Rechtsextremen ist ein riesiges Problem. Aber eine starke Fokussierung auf den politischen Kontext ist für die Prävention solcher schweren Straftaten problematisch. Sie beflügelt leider auch potenzielle Nachahmer. Der Täter wird damit unbewusst als politischer Freiheitskämpfer stilisiert. Man sollte daher stärker auf die Persönlichkeit von Tätern schauen, denn es stecken oftmals die gleichen Muster dahinter.

Ich spreche von der Persönlichkeitsstruktur, dem Narzissmus, der Paranoia, dem Sadismus und den Erfahrungen der Demütigung in dysfunktionalen Familien der Täter, die in Studien vielfach wissenschaftlich belegt wurden. Es gibt dafür auch andere Beispiele, wie etwa Anders Breivik, der 2011 bei Anschlägen in Oslo insgesamt 77 Menschen umgebracht hat. Psychiatrische Gutachter benachrichtigten bereits im Kindesalter von Breivik das Jugendamt, weil ihm aus Sicht der Gutachter aufgrund enormer Vernachlässigung durch die Mutter eine psychische Störung drohte.

Leider bekam er daraufhin keine Hilfe, weil ein Jugendgericht dies ablehnte. Ähnlich dysfunktional waren wohl auch die emotionalen Beziehungen des Attentäters von Halle. Wie aus den Medienberichten zu entnehmen ist, hat er sehr viel Videogames gespielt, laut seinem Vater immer anderen Menschen die Schuld gegeben und mit 27 Jahren noch bei der Mutter gewohnt. Das passt in dieses Bild. Ich wünsche mir, dass es in der breiten Öffentlichkeit eine Diskussion darüber gibt, unter welchen Umständen solche Täter aufwachsen und darüber, dass viele der Täter nicht in liebevollen Verhältnissen aufwachsen.

Aber ist die Behauptung nicht zu pauschal, dass stets Menschen aus solchen dysfunktionalen Elternhäusern straffällig und vielleicht sogar zum Mörder werden?

Das muss nicht immer so sein, aber eben in vielen Fällen, die Forschungslage ist dazu eindeutig. Das beweisen mehrere wissenschaftliche Studien, für die Kollegen beispielsweise qualitative Interviews mit Extremisten geführt haben. Ich selbst schreibe gerade an einem Beitrag für ein wissenschaftliches Fachmagazin, in dem es um den Zusammenhang zwischen Erziehung im Elternhaus, Persönlichkeit und Gewaltbefürwortung geht.

Warum wird der Psychologisierung der Täter Ihrer Ansicht nach in der öffentlichen Debatte vergleichsweise wenig Beachtung geschenkt?

Viele betrachten diesen Aspekt als Entschuldigung für das Handeln eines Täters: Er kommt aus einer dysfunktionalen Familie, hat beispielsweise psychisch auffällige Eltern und gelte dann womöglich als nicht zurechnungs- und schuldfähig. Dabei wissen die Täter zumeist sehr genau, was sie tun und sind voll schuldfähig. Es ist allerdings tatsächlich so, dass die Hauptursache, warum jemand zum Täter wird, im familiären Hintergrund liegt. Hinzu kommt der politische Kontext, durch den solche Menschen stärker radikalisiert werden. Zurzeit sind weltweit Dynamiken der Polarisierung und Radikalisierung in ganzen Gesellschaften zu beobachten, die sehr beunruhigend sind.

Was kann die Gesellschaft tun, um dieser Tendenz entgegenzuwirken?

Der Bereich der Prävention von Gewalt bei Kindern und Jugendlichen scheint uns in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel wert gewesen zu sein. Es wurden meist zu kurzfristige Präventiv- oder Hilfsprojekte angeboten, die nicht nachhaltig genug waren. Wichtig ist es, die Beratungsangebote für Kinder und Jugendliche aus dysfunktionalen Familien deutlich zu verbessern, mehr Kinder- und Jugendpsychotherapeuten zu etablieren sowie die Erlebnispädagogik und die Sozialarbeit auszubauen. Ausgebildete Sozialarbeiter können auf die jungen Menschen zugehen, ihnen bei der Krisenbewältigung helfen. Aber genau da wird gespart.

Das Interview führte die Medienredaktion der Uni Leipzig.

Ein Tag nach der Tat in Halle: „Wir müssen uns den Nährboden anschauen“

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