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Interview mit Luke Francis (Series Be:): Lieber sterben, als nichts zu tun

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 80, seit 26. Juni im HandelDie Black-Lives-Matter-Bewegung gewinnt an Stärke; auch nach Wochen der Proteste gehen Menschen überall auf der Welt für die Rechte nicht-weißer Menschen auf die Straße. „Schwarzes Leben zählt“ – diese Losung sollte jede Art von Leben einschließen. Dafür kämpft auch Luke Francis (25). Der Balletttänzer ist Gründer von Series Be:, einer Vereinigung, die sich in Leipzig für die Rechte von queer/trans/nicht-binärer und nicht-weißer Menschen einsetzt.

    Luke, dich kann man kaum übersehen, woher nimmst du dein Selbstbewusstsein?

    Ich war schon immer jemand, der den Ton angab. Schon in der Schule wurde mir oft gesagt, ich sei laut und schwatzhaft. Ich war einfach schon immer gern unter Menschen. Ich war schon von klein auf sehr unabhängig. Als Kind habe ich mir immer gewünscht, bereits erwachsen zu sein.

    Natürlich hat jeder Mensch seine Unsicherheiten. Ich glaube, meine persönliche Verteidigungsstrategie ist, präsent und stark zu sein. Gerade in Situationen, in denen ich mich unsicher fühle, nehmen andere mich als stark, bestimmt und dominant wahr. Das fiel mir in der Vergangenheit nicht immer leicht.

    Musst du dich und deine Identität oft gegenüber anderen erklären?

    Ich habe mich seit Jahren nicht-binär gefühlt und auch danach gelebt, doch ich habe es nie öffentlich gemacht. Immer wieder wurde ich gefragt „Bist du trans? Möchtest du dein Geschlecht umwandeln? Bist du ein Mann? Bist du eine Frau?“ Ich habe nie verstanden, warum ich mich anderen gegenüber erklären sollte. Im Januar dieses Jahres habe ich mich dazu entschlossen, offen mit dem Thema umzugehen.

    Als ich erst einmal verstanden hatte, dass mein Geschlecht und meine Identität etwas nur für mich persönliches ist, habe ich erkannt, dass der offene Umgang und das Selbstbewusstsein darüber anderen helfen kann, die unsicher sind. Ich kann andere bestärken und Verständnis für die Thematik schaffen.

    Wenn du einer Person erklärst, was es bedeutet, nicht-binär zu sein und diese Person auf eine weitere nicht-binäre Person trifft, wird sie ein besseres Verständnis für ihr Gegenüber haben. Diese persönlichen Erfolge, auch die Entstehung von Series Be:, haben mein zuvor verteidigendes Selbstbewusstsein in vertrauensvolle Selbstsicherheit verwandelt. Wovor ich noch immer Angst habe, ist zu scheitern. Aber das ist auch, was mich antreibt.

    Wie ist Series Be: entstanden?

    Series Be: entstand im November 2018. Ich war schon immer ein Party-Mensch, war viel feiern. Ich hatte Spaß, habe aber gleichzeitig gemerkt, dass ich oft die einzige schwarze Person war; eine von sehr wenigen queer-Personen und jemand, der nicht die klassischen Geschlechterrollen erfüllt. Ich wollte eine Fläche schaffen, die abseits von Parties auch auf Solidarität und gegenseitiger Unterstützung beruht.

    Wir haben klein angefangen, in privaten Locations im Leipziger Osten. Später sind wir mit den Events ins Institut für Zukunft gezogen. Corona hat uns erst mal ausgebremst. Doch auch schon davor hatte ich geplant, alles größer anzulegen: Workshops zu organisieren, Spendenaktionen, queere Kunstausstellungen und Diskussionen. Um eine Möglichkeit außerhalb dieses kleinen Kreises zu bieten, zusammenzukommen und zu lernen. Denn darum geht es; und darum, sich gegenseitig zu unterstützen.

    Wie ist Deine persönliche Perspektive zum aktuellen Geschehen in den USA?

    Der Mord an George Floyd hat mich sehr mitgenommen. Gefühle, die ich lange unterdrückt hatte, kamen hoch. Ich hörte von den Protesten für Black Lives Matter in Amerika, für mich war klar, dass Series Be: sich in diese Proteste einreihen sollte. Wir gründeten ein Organisationsteam, in dem Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammenkamen. Dann wurde die BLM-Demo für Sonntag (07.06., Anm. d. Red.) in Leipzig angemeldet, doch wir entschieden, am ganzen Wochenende Präsenz für das Thema zu zeigen.

    Series Be: spiegelt eine queere Perspektive und darauf wollte ich den Fokus legen. Es ist eine andere Art von Kampf. Meine Erfahrungen mit Rassismus unterscheiden sich zum Beispiel von denen meiner Brüder, die sich als heterosexuell bezeichnen. Wir alle sind POC (People of colour= nicht-weiße Menschen, Anm. d. Red.), aber unsere Geschichten sind verschieden.

    Ich kämpfe für diese Menschen, aber ich kämpfe auch gegen Homophobie und derartige Vorbehalte. Diese Anfeindungen können auch aus den eigenen „Gruppen“ kommen. Wenn wir allerdings sagen „Black Lives Matter“, also „Schwarzes Leben zählt“, sollte das jede Art von schwarzem Leben einschließen. Das wollte ich mit unserer „Stand Up, Speak Up, Show Up“-Demonstration betonen.

    Fühltest du dich als nicht-binäre Person ausgeschlossen aus der BLM-Bewegung?

    Ja. Das tut weh, doch für mich ist es sehr wichtig, meinen Kampf – für die queer-POC-Szene – nicht aufzugeben. Dieser Kampf ist themenübergreifend, wir müssen uns an den Schnittstellen treffen. Wir alle sind unterschiedlich. Es gibt Rassismus, es gibt Homophobie, Transphobie; dazwischen bestehen Unterschiede. Warum verstehen die Menschen das nicht?

    Stell dir vor, der Empfänger dieser Vorurteile zu sein. Stell dir vor, einer doppelten oder sogar dreifachen Minderheit anzugehören. Man kann nicht nur eine Ebene der Unterdrückung betrachten, man muss alle Ebenen einbeziehen. Und wenn schwarze Leben zählen, gehören auch schwarze trans- und queer-Leben dazu. Wie kann man das kritisieren?

    Series Be: will zum Nachdenken und zur Diskussion anregen, Hilfe und Unterstützung organisieren und die Menschen zusammenbringen. Fotos: Cihan Cakmak

    Wie gehst du mit Menschen um, die Rassismus nicht als Problem anerkennen?

    Früher habe ich viel über das Thema gesprochen. Doch oft schlugen mir Stille und leere Gesichter entgegen. Ich wurde wütend und frustriert. Doch ich habe verstanden, dass mir niemand zuhören wird, solange ich schreie. Ich habe viel über mich und meine Gefühle gelernt, und auch über die Geschichte. Nur, weil du POC bist, heißt das nicht, dass du die Geschichte deiner Herkunft kennst. Doch wenn du nicht fragst, wirst du auch nichts lernen können. Es ist ein Privileg, sich damit nicht auseinanderzusetzen. Ich wünschte, ich müsste es nicht tun.

    Es braucht Empathie. Nicht Mitleid, sondern Einfühlungsvermögen. Die Menschen müssen ihr Privileg und auch ihre eigene Geschichte anerkennen. Oft fühlen sich Personen angegriffen, wenn ich vom Privileg der Weißen spreche. Das ist doch verrückt. Die Menschen fühlen sich dadurch ausgesondert. Wie sollen sich dann nicht-weiße Menschen fühlen? Man nehme dieses Gefühl, multipliziere es mal eine Million, werfe ein System der Unterdrückung dazu; wie käme ich also dazu, Mitleid mit jemandem zu haben, der ein Privileg genießt?

    Auf der einen Seite ist es wunderbar, dass so viele Menschen diese Bewegung unterstützen, doch auf der anderen Seite ist es schlimm, dass das überhaupt noch nötig ist. Doch ich denke, darauf sollte man sich nicht konzentrieren, sondern auf das politische Moment und die Veränderung.

    Glaubst du daran, dass sich mit Black Lives Matter die Dinge verändern werden?

    Manche Dinge werden sich verändern. Aber die Menschen sind merkwürdig; sie scheinen immer jemanden zu brauchen, der unter ihnen steht. Als wäre es etwas Angeborenes. Wie man das ändert, weiß ich nicht – vielleicht mit Kommunikation und der Bereitschaft, zu lernen. Und man muss immer hoffen. Jede kleine Veränderung ist ein großer Schritt.

    Foto: Screen Titelblatt

    Welche Erfahrungen hast du mit rassistischen Anfeindungen und Gewalt gemacht?

    Ich habe es mein ganzes Leben lang erlebt. Das fängt an bei Blicken, über Lachen, mit dem Finger zeigen, Kommentaren – schon in der Kindheit. Als ich sechs Jahre alt war, haben ein Mädchen und ich ein Wettrennen veranstaltet. Sie war weiß. Ich habe das Rennen gewonnen und danach nannte sie mich einen „schwarzen Bastard“. Das kam nicht von ihr, das hatte sie gelernt.

    Ich erinnere mich, wie ich zu Hause meiner Mutter davon erzählte. Sie ist weiß, während mein Vater schwarz ist. Ich fragte meine Mutter, warum ich nicht aussähe, wie sie und versuchte, mir die Farbe unter der Dusche von der Haut zu schrubben. Ich habe recht früh gemerkt, dass das nicht aufhören würde. Leute sprachen mich mit dem N-Wort an. Wenn ich in der Stadt unterwegs war, wurde ich bedroht und angegriffen. Ich wurde dreimal ausgeraubt. Ich wurde mit einem Messer bedroht.

    Einmal brachte mich eine Gruppe von fünf weißen Männern fast um. Meine Familie hat zahlreicher solcher Attacken erlebt; physische und systemische Attacken. Es kommt aus jeder Richtung: von deinen Arbeitskollegen, deinen Nachbarn, von jemandem im Bus, vom Taxifahrer oder dem Türsteher im Club. Du lernst, damit zu leben. Das ist die Sprache der Unterdrücker.

    Es gab in der Vergangenheit immer wieder Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt, sowohl in den USA als auch zahlreichen anderen Ländern. Doch niemals wurde es zu einer weltweiten Bewegung – was ist diesmal anders?

    Ich denke, es ist die richtige Zeit. Genug ist einfach genug. Wir alle empfinden eine Hoffnung für Veränderung, wie wir es nie zuvor gefühlt haben. Es zeigt, dass wir all die Male, die wir gehofft haben, dennoch weiterhin an das System der Unterdrückung glaubten. Jetzt aber hat die Bewegung die Kraft, dieses System zurückzudrängen. Das ist es, was uns antreibt und vorwärtsbringt. Viele Dinge müssen sich ändern und wir sollten nicht aufhören, bis es so weit ist.

    Hast du manchmal Angst um deine eigene Sicherheit?

    Manche Menschen können nicht politisch aktiv sein, weil sie um ihr Leben fürchten müssen. Für diese Menschen kämpfe ich. Ich bin an einem Punkt, an dem ich meine Entscheidungen nicht von Angst abhängig mache. Denn das ist das Ziel der Unterdrückung. Ich habe keine Angst. Ich habe immer gesagt, dass ich lieber dabei sterbe, das Richtige zu tun, als nichts zu tun.

    Welche Pläne hat Series Be: für die Zukunft?

    Wir planen gerade die nächste Demonstration; aus einer schwarzen queer Perspektive. Außerdem ist der Juli Pride-Monat. Auch das ist ein perfekter Moment für BLM, queer POCs und alle anderen Bewegungen, um übergreifend zusammenzukommen. Es ist ein gemeinsamer Ansatz, an dem sich viele Perspektiven vereinen.

    Wir wollen im Sommer sehr aktiv sein, natürlich. Ich freue mich über die Entwicklungen und frage mich gleichzeitig, warum ich mich über etwas freue, das selbstverständlich sein sollte. Aber ich persönlich möchte ganz vorne mitkämpfen und die Veränderungen für jeden möglich machen.

    Series Be:

    https://www.instagram.com/series_be/

    https://www.facebook.com/SeriesBe/

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