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„Manchmal wurde ich bis nach Hause verfolgt und beleidigt“: Welche Erfahrungen die Leichtathletin Mariam Soumah mit Rassismus macht(e)

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 80, seit Freitag, 26. Juni im HandelMariam Soumah ist 16 Jahre jung. Sie ist in Leipzig geboren und besucht die hiesige Sportoberschule. Ihre Leidenschaft ist die Leichtathletik. Sie ist Sprinterin beim SC DHfK und so schnell, dass sie dem Landeskader angehört. Ihr Vater stammt aus Guinea in Westafrika. Mariam Soumah hat keine weiße Haut – und muss(te) nur deshalb immer wieder Rassismus erfahren.

    Dabei gehen die schmerzhaften Erinnerungen teilweise bis in die früheste Kindheit zurück. „Mein Vater, der aus Guinea kommt, hatte mich mal mit dem Kinderwagen aus dem Kindergarten abgeholt und hatte auch meine Schwester dabei. Da kam ein Mann, der plötzlich seinen Hund auf uns losgehetzt hat! Der rannte auf uns zu, mein Vater hat schnell meine Schwester auf den Arm genommen und musste weglaufen.“

    Später dann, in der Grundschule, musste Mariam – nur wegen ihrer Hautfarbe – erneut Ängste ausstehen. „In der Grundschule war ich die Einzige, die nicht weiß war. Manchmal wurde ich deshalb von älteren Schülern bis nach Hause verfolgt und beleidigt, dass ich ‚in mein Land‘ zurückgehen solle. Ich war da in der 2. Klasse und wusste mir nicht wirklich zu helfen, und es waren auch kaum andere Leute auf der Straße, die mir hätten helfen können. In dieser Situation hatte ich echt Angst, hatte ja kein Handy und konnte niemanden anrufen.“

    Und wurde es dann in der Oberschule endlich besser?

    „Wenn es im Unterricht um Amerika, Afroamerikaner oder Sklaven geht, dann fallen starke Blicke auf mich, nicht nur von Schülern, auch von Lehrern. Oder ich soll mal erzählen, ‚wie das so ist‘ – aber ich bin in Deutschland geboren und weiß jetzt nicht unbedingt, wie das in anderen Ländern ist.“

    Aber zum Glück hat Mariam ja noch ihren Sport. Dort ist doch bestimmt alles im grünen Bereich, oder? „Es gibt auch in meiner Trainingsgruppe welche, die echt rassistisch sind. Da frage ich mich auch warum, denn wir sind doch ein Team. Einer, der auch in meine Klasse geht, legt sich immer mit Leuten an, die nicht weiß sind. Er ist der Meinung, die gehören nicht hierher, Deutschland wäre doch nicht dafür da, dass alle reinkommen. Nur weil die schnell sind, müssten die Deutschen darunter leiden.“

    Ein weiterer Vorfall ist erst ein paar Tage her

    „Als meine Mutter vergangene Woche die Ergebnisse meines letzten Wettkampfes gepostet hatte, kommentierte jemand, dass ich mich doch lieber auf meine Ausbildung konzentrieren solle, da ich bei der Polizei anfangen will. Als meine Mutter darauf antwortete, dass ich doch auch beides machen könne, meinte er: ‚Jugendliche wie sie, mit Migrationshintergrund, werden sowieso nicht bei der Polizei angenommen, dort wird ihr nur Pyrotechnik in den Arsch gesteckt…‘ Alles so Dinge, bei denen ich mich frage: Warum sagst du so etwas!? Denn der Mann ist selber Polizist und arbeitet bei der Kripo.“

    „Oder vor zwei Wochen in der Straßenbahn: Da hatte ein Junge seine Maske noch nicht richtig über die Nase gezogen, sondern nur über den Mund. Da meinte ein älterer Mann, dass er seine Maske aufsetzen solle. Und als der Junge das nicht gleich befolgt hat, ging der ältere Mann auf ihn los und prügelte auf ihn ein. Und ich bin eine Person, die bei so etwas dazwischengehen muss. Ich kann nicht einfach zugucken, wie sich Leute prügeln.

    Dann habe ich den Mann gefragt, warum er auf den Jungen los ist, denn eigentlich hatte der ja eine Maske getragen. Die Frau neben mir zum Beispiel hatte gar keine Maske getragen. Die Antwort war: ‚Die anderen Leute, die hier keine Maske tragen sind deutsch!‘ Er war also nur auf den Jungen losgegangen, weil dieser nicht deutsch war.“

    Man darf getrost davon ausgehen, dass die hier erwähnten Beispiele nur die absolute Spitze des Eisberges darstellen. Klar, dass es Mariam Soumah ein besonderes Bedürfnis war, zur großen Black-Lives-Matter-Demonstration Anfang Juni in Leipzig mit auf die Straße zu gehen. Denn sie kann es – neben all den selbst erlebten Demütigungen – einfach nicht nachvollziehen, dass Menschen sterben müssen, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben.

    Sie wünscht sich, „dass wir uns alle tolerieren und Respekt voreinander haben“. Dass es mit der Erfüllung dieses Wunsches aber dauern könnte, weiß sie selbst. „Es liegt ja vor allem daran, wie man erzogen wird und in welcher Umgebung man ist. Man kann zwar sagen, was man sich wünscht, aber ich glaube, so eine richtige Änderung wird es da niemals geben.“ Deshalb zu resignieren, kommt für sie aber nicht infrage. „Davon lasse ich mich nicht fertigmachen“, gibt sich Mariam Soumah kämpferisch, „denn ich will meinen Weg gehen.“

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