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Demo von Pandemie-Leugner/-innen: Ein fröhlicher Spaziertanz wie in der DDR + Fotos und Video

Von René Loch (Text) und Sabine Eicker (Fotos und Video)

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    Pandemie-Leugner/-innen sehen sich im Widerstand gegen ein diktatorisches Regime und greifen gerne zu historischen Vergleichen wie der eingeschränkten Reisefreiheit in der DDR und dem Reichstagsbrand in den 30er Jahren. Das wurde auch am Samstag, den 3. Oktober, bei der „Bewegung Leipzig“ wieder deutlich. Neben Corona-Verharmlosung gab es diesmal auch ausführliche Impfkritik und schwer verständliches „Kabarett“.

    Demonstrationen der „Bewegung Leipzig“, die mittlerweile auch „Querdenken 341“ heißt, beinhalten häufig eine Mischung aus Tatsachenbehauptungen, die sich theoretisch überprüfen lassen, kruden Meinungsäußerungen und schwer verständlichen Reden, die man – abwertend, aber zutreffend – als Geschwurbel bezeichnen kann.

    Ein Beispiel für dieses Geschwurbel war am Samstag, den 3. Oktober, der Beitrag von „Anja“, die als „Kabarettistin“ angekündigt worden war. Anja erzählte den etwa 250 Anwesenden auf dem Marktplatz minutenlang etwas von Liebe, Frieden und ihrer Vorstellung von Kultur und äußerte dabei Sätze wie „Träumen ist ganz wichtig“ und „Muttersprache ist Muttermilch“.

    Der Sinn dieses Vortrags erschloss sich möglicherweise den Teilnehmenden der Demonstration, aber nicht dem Autor dieser Zeilen. Ähnlich verhielt es sich mit „Frank“, ebenfalls als „Kabarettist“ angekündigt, der eine eher politische Rede darüber hielt, dass Gott ziemlich cool ist, Gendern wohl eher weniger und Deutschland „gereinigt“ werden müsse.

    Demonstration von Pandemie-Leugner/-innen auf dem Marktplatz in Leipzig. Foto: L-IZ.de
    Demonstration von Pandemie-Leugner/-innen auf dem Marktplatz in Leipzig. Foto: L-IZ.de

    Etwas klarer war das, was der angebliche Informatik-Student „Vincent Wernert“ zu Beginn seines Auftritts behauptete: Der „Angriff“ auf den Reichstag in Berlin am 29. August sei „inszeniert“ gewesen. Wer genau bei dieser Inszenierung die Regie führte, erfuhr man als Zuhörer/-in leider nicht. Stattdessen behauptete Wernert, dass die dafür Verantwortlichen sich den möglicherweise von Nationalsozialisten verübten Reichstagsbrand im Februar 1933 als Vorbild genommen hätten.

    Die „These“ des Studenten passt ins Narrativ der Pandemie-Leugner/-innen und Verschwörungsideolog/-innen: Man sieht sich im Widerstand gegen eine Corona-Diktatur oder zumindest diktatorische Maßnahmen. Letzteres war auch an diesem Samstag wieder häufig zu hören.

    Wie immer ist festzuhalten, dass diese „Diktatur“ ihren Unterdrückten erstaunlich viele Freiheiten gewährt. Die Demonstrierenden in Weißrussland beispielsweise dürfen wohl kaum darauf hoffen, ohne Angst vor anschließender Verhaftung und Folter über die Straßen laufen zu können. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass Medien in Weißrussland ausführlich über den Vorwurf berichten, dass sie „gleichgeschaltet“ seien.

    Sieht aus wie Polizei, ist aber keine. Foto: L-IZ.de
    Sieht aus wie Polizei, ist aber keine. Foto: L-IZ.de

    Tatsachenbehauptungen, die sich hingegen nur schwer überprüfen lassen, kamen an diesem Tag vor allem von der Homöopathin und Anti-Impf-Aktivistin Carola Javid-Kistel, die kurz vor dem Mauerfall aus der DDR fliehen konnte und nun eine Praxis in einer Kleinstadt nahe Göttingen betreibt.

    Sie habe eine Kindheit und Jugend erlebt, die von schweren Krankheiten geprägt gewesen sei. Gesund geworden sei sie erst durch Homöopathie. Impfungen sind laut Javid-Kistel eher schädlich, was sich unter anderem dadurch zeige, dass die nicht geimpften Kinder in ihrer Praxis meist gesünder seien.

    Ob die Impfkritikerin tatsächlich so gesund ist, wie sie sich selbst darstellt, lässt sich in Anbetracht von Aussagen wie „Es gibt kein Killervirus in diesem Land“ und „Es waren 1,3 Millionen Menschen in Berlin“ durchaus bezweifeln. Die ganze Welt sei „verrückt“ geworden – möglicherweise eine Frage der Perspektive. Passend zum Thema waren diesmal zwei Personen im Publikum dabei, die laut mitgebrachter Schilder „zwangsgechipt“ wurden.

    Später, während des sogenannten Spaziertanzes durch die Innenstadt, behauptete Javid-Kistel noch, dass man nicht mehr reisen dürfe und die Situation schlimmer sei als in der DDR. Eine bemerkenswerte Aussage für eine Person, die am Tag der Deutschen Einheit aus Westdeutschland zu einer Demonstration in Ostdeutschland gereist ist.

    Die Homöopathin Carola Javid-Kistel sorgte sich vor allem um Kinder. Foto: L-IZ.de
    Die Homöopathin Carola Javid-Kistel sorgte sich vor allem um Kinder und Masern seien ungefährlich. Foto: L-IZ.de

    Etwas skurril wirkte auch der Hinweis von Mitorganisator Karsten Wolf auf einen leeren Linienbus der LVB in der Reichsstraße. Dies sei wohl so zu interpretieren, dass die Menschen keine Lust haben, eine Gesichtsmaske zu tragen und bestimmte Angebote daher lieber nicht nutzen. Eine andere Interpretation wäre, dass der am Straßenrand parkende Bus abgestellt und geleert wurde, weil er wegen der Demonstration nicht bis zur letzten Station am Hauptbahnhof fahren konnte.

    Während des „Spaziertanzes“ erhielten die „Querdenker“ gelegentlich Applaus von Passant/-innen. Es gab aber auch immer wieder vereinzelten Widerspruch und abfällige Äußerungen wie „Das sind die Leute, die glauben, dass Corona nicht existiert“ zu hören. Einen organisieren Gegenprotest gab es diesmal hingegen nicht.

    Mit diesem dürfte aber spätestens am 7. November wieder zu rechnen sein. Dann soll es in Leipzig eine bundesweite Großdemonstration geben, die unter anderem an den Mauerfall am 9. November 1989 erinnern soll. Menschen, die sich weigern, im Supermarkt für fünf Minuten eine Maske zu tragen, werden sich dann wohl gedanklich neben jene stellen, die eine tatsächliche Diktatur zu Fall gebracht haben.

    Video und weitere Fotos von der Demonstration am 3. Oktober 2020

    Video und Bilder: L-IZ.de

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    9 KOMMENTARE

    1. @Frank: ich finde auch, den Sommer über wurde sehr viel demonstriert, nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen diverser anderer Dinge. Ich denke, es könnte schlicht daran liegen, dass viele Menschen einsam sind, und bei so einer Demo ist es dann doch sehr gesellig. Manche werden auch versuchen, sich zu orientieren, und in so einer Menschengruppe mag man vielleicht eine solche Orientierung finden, wie auch immer diese dann aussieht (und wie andere die dann finden ist dann noch eine andere Kiste). Vor allem wird jemand, der demonstrieren geht (für was auch immer, Klima, BLM, Corona oder Nichtcorona), zumindest eine kurze Zeit das Gefühl haben, aktiv etwas zu tun, also etwas gestalten zu können im Leben, in einer Zeit, wo man doch recht hilflos den Abläufen von Gesellschaft, Natur und Umwelt gegenüber steht und gegen solche Geschehnisse nicht wirklich viel tun kann. Dieses „Nichts tun können“ ruft sicher bei manchen dann Gefühle der Hilflosigkeit hervor.

      Da Menschen sehr unterschiedlich sind, reagieren sie dann auch eben unterschiedlich, und gerade in außergewöhnlichen Situationen ist es vielleicht logisch, wenn manche dann auch ungewöhnlich reagieren – hat eben jeder seinen eigenen Weg, mit den Dingen umzugehen.

    2. „Wo sind sie denn alle, die Pandemieleugner“
      „Ich werde mir die Redebeiträge nicht anhören“

      Tja. Dann kann man sie auch nicht finden.

    3. @Robin: Die „Bewegung Leipzig“ hat am 5. Juli auf Facebook verkündet: „Die Pandemie ist vorbei.“

      Weitere Beispiele spare ich mir.

    4. Ich kenne einen Impfgegner, der nicht nur den Holocaust leugnet sondern gar die Existenz von Viren überhaupt, und damit natürlich auch die Existenz des Covid-19.
      Und natürlich ist Bill Gates der böse Chipeinpflanzer. Ich kenne eine Impfgegnerin, die zwar Covid-19 nicht leugnet, aber die Pandemie. Andere wiederum leugnen die Existenz der BRD …
      Ich denke schon, dass sich da sehr vieles zusammenfindet und in der gefühlten Freiheitsberaubung zentriert. Es ist alarmierend, dass sich eben auch so mancher Rechter Gehör verschafft, mit seinen Ansichten auch andere mitzieht.
      Diese (Nicht-nur-Corona-)Leugner lassen es zu, dass Nazi-Symbole und Nazi-Parolen unwidersprochen wieder/ immernoch öffentlich zelebriert werden.
      Es fing vor 1933 auch so an, mit dem Belächeln der SA, mit dem Negieren der Tatsachen.
      Wissen wir doch aber alles. Und wahrlich nicht alles war gelogen in den Geschichtsbüchern der DDR.
      Aber wenn ich sehe, dass die Corona-Leugner sich mit den Menschen der DDR in den letzten Jahren identifizieren, dann geht mir der Hut hoch.
      Ja dann geht doch, wenn es euch nicht passt. Dorthin, wo alles besser ist. Aber ohne Wiederkehr, mit einer Corona-Infektion, notfalls wird noch bissel Proviant mitgegeben.

    5. Eine Klasseüberschrift „Demo von Pandemie-Leugner/-innen“, der direkt zeigt, wo es langgeht. Den Pfad der Meinung(smache). Denn tatsächlich, der Artikel beinhaltet 0 % Fakten und 100 % Meinung. Da sind wir dann ja auf dem LVZ-Niveau angelangt.

      Ich muss voranschicken, dass ich auf die Demos der „Querdenker“ nicht gehe, die Reden strotzen zumeist nicht gerade vor Qualität (einige Ausnahmen gab’s aber auch), die Ziele sind nicht wirklich erkennbar (ok, könnte eine Plattform für allerlei „Andersdenkende“ sein, was nicht unbedingt schlecht sein muss) und, was schlimmer ist, es fehlt für mich eine eindeutige Abgrenzung zu Rechten und Ultrarechten. Zudem keine positiven Visionen. In dem Zusammenhang finde ich es aber auch schlimm, dass ich ein Totalversagen der Linken und Grünen (nicht nur [z.B. A49 und Danenröder Wald], aber auch in Sachen Corona) feststellen muss (das tut mir weh)…

      Aber bleiben wir beim L-IZ-Artikel. Wo sind sie denn alle, die Pandemieleugner, ich kenne zwar sehr viele Menschen, die Kritik an den Maßnahmen äußern, aber Menschen, die sagen, es gibt keine Pandemie, kenne ich nicht, keinen einzigen. Aber stimmt, es geht ja nicht um Fakten, sondern um Meinung(smache), und da ist natürlich auch die Nähe zum Begriff des „Holocaustleugners“ da, subtil und geschickt eingesetzt.

      Ich werde mir die Redebeiträge nicht anhören, aber was ist so schlimm an den Worten, die diese Anja spricht. Liebe, Frieden, Träumen. Immerhin nicht das übliche Kriegsgeschrei der Coronamaßnahmen-Verherrlicher (ah, jetzt hab‘ ich auch so einen plumpen Begriff gebracht, stimmt, aber warum besser sein als der Artikel selbst, denn das macht das Schreiben viel leichter als sich in differenzierten Betrachtungen verlieren).

      Impfgegner: Es gibt sehr spannende Diskurse auf hohem wissenschaftlichen Niveau über Chancen und Risiken von Impfungen im Allgemeinen und im Besonderen jetzt aktuell über verkürzte Zulassungsverfahren für Impfverfahren, auch solche, die bislang nicht erprobt sind (so DNA-/RNA-basierte Methoden). Wiederum viele Wissenschaftler, die große Bedenken haben angesichts der derzeitigen Rasanz und der bereits getätigten Impfstoffvorbestellungen. Aber macht nichts, den Begriff zunächst zu verdrehen (zu Gegner) und dann als Schimpfwort zu verwenden, passt besser ins Konzept. Übrigens, auch Bhakdi ist kein Imfgegner, Streek sowieso nicht. Und natürlich gibt es keine Pharmaindustrie, die durch Impfungen riesige Gewinne machen und natürlich gibt es auch keine Pharmalobby, denn das sind alles Gesundheitsschützer par excellence…

      Homöopath/-innen werden mittlerweile auch gerne auf den Pranger gehievt. Ich selbst glaube nicht daran, aber immerhin im Gegensatz zu „normalen“ Ärzt*innen sprechen diese häufiger und mehr mit ihren Klienten/Patient*innen und regen wahrscheinlich schon dadurch die Selbstheilungskräfte an, abgesehen davon, dass viele Patient*innen so auch weniger Intensivmedizin abbekommen, was nicht unbedingt schlecht ist… Übrigens, 99% der Homöopath/-innen sind auch nicht gegen die Schulmedizin. Aber das ist jetzt viel zu differenziert, passt nicht zu einem reinen „Meinungsartikel“.

      Mein Fazit wäre: Warum sich über das „Geschwurbel“ der Demo-Redner*innen aufregen wenn man auch nur „Geschwurbel“ hinkriegt, und das als Journalist*in.

      Meine Frage: Ist robin w. jetzt auch ein Coronaleugner, oder doch nur ein Mensch, der sich ernsthafte Sorgen um die journalistische Qualität der L-IZ macht?

    6. Mich wundert wieso plötzlich viele Menschen öffentlich demonstrieren. seit viele Jahren versuche ich Menschen zu motivieren am Demonstrationen für den Frieden, Abrüstung oder auch den Ostermarsch teilzunehmen. Leider vergeblich. Und jetzt gehen viele Menschen auf die Straße. Ich denke die Menschen haben einen Beweggrund der auf den ersten Blick unsichtbar bleibt. Ich finde es lohnt sich genauer hin zu sehen. Nach dem Motto: Was ist die Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern. (Nietzsche)

    7. Himmel, Wiesner 😉

      das Vokabular lässt aber auch tief blicken. Aber um so einen deftigen DDR-Vergleich kommt man ja heute quasi nicht mehr umhin, nachdem 30 Jahre (Klitterung in jede Richtung) vorbei sind.

      Ganz gleich, kurz zu den Fakten: Es gab keine Gegendemo, was sagt also der Kommentar? Im Weiteren fordert meist die rechtsradikale Szene Abschiebungen. Aber da das ja lustig gemeint war, hier auch was Lustiges: Was wäre, wenn es den DDR-Impfpass wieder gäbe und die Impfgegner samt ihrer Kinder von der Behandlung von Krankheiten, gegen die es wirksame Impfungen gibt, ausgeschlossen wären?

      Freiheit!!!! 😉 gern – aber eben auch immer mit den entsprechenden Konsequenzen.

    8. Immer diese Leugner und Nestbeschmutzer!
      Gut, dass die neue FDJ vor Ort war und, natürlich nach staatlich vorgegebenen Hygienregeln (AHA-Regeln!) gegendemonstriert und ZEICHEN gesetzt hat!!!
      Kann man diese unsäglichen Impfkritiker und Homöopathen nicht einfach abschieben?

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