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Querdenker ante portas: Der Stuttgarter Reisezirkus erneut in Berlin und Leipzig

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 83, seit 25. September im HandelAls für viele Beobachter und so manchem der gerade einmal 200 Demonstrationsteilnehmer am 19. September gegen 19 Uhr bereits Schluss mit dem „Querdenken“ der „Bewegung Leipzig“ war, sammelte Nils Wehner die restlichen Getreuen noch einmal auf dem Marktplatz um sich. Wehner, zweimaliger Leipziger Anmelder der Auftaktdemonstrationen am 1. und 29. August 2020 in Berlin, hatte noch Wichtiges mitzuteilen. Nach einer kurzen Rückschau auf die laut Wehner widerrechtlich gestoppte Berliner Demo Ende August gab es noch einen Ausblick für die verbliebenen rund 100 Zuhörer.

    In Konsequenz des Demonstrationsstopps von Berlin, welcher vor allem aufgrund der Weigerung des Maskentragens durch die Teilnehmer/-innen zustande kam, habe man am 10. Oktober 2020 zur nächsten „Großdemo“ in Berlin vor, die Corona-Auflagen, wie Abstand zu halten und ansonsten lieber eine Maske aufzusetzen, erneut und noch gezielter zu unterlaufen als beim letzten Mal, als man behauptete, die Mindestabstände laut eigenem Hygienekonzept bei 10.000 Menschen aufwärts einhalten zu können.

    Bei dem als „Schweigemarsch“ geplanten Aufzug hat man dieses Mal vor, „dass die Privatperson, die die Versammlung angemeldet hat, die Versammlung auflöst“, wenn die Polizei erneut versuchen sollte, die vorab erteilten Corona-Auflagen durchzusetzen.

    Wehners Logik dazu: „Wenn die Versammlung aufgelöst ist, dann gibt’s in dem Moment auch keine Abstandsregeln mehr und schon gar keine Maskenpflicht“, man würde also ohne Versammlungsanmeldung einfach loslaufen. Niemand könne ihnen dann „vorschreiben, wo wir gemeinsam hinlaufen“, so Wehner unter dem Applaus der Umstehenden.

    Nicht die erste Fehleinschätzung des Vernetzers

    Damit schließt Nils Wehner, der mit allen „Querdenkern“, wie Michael Ballweg und den Rechtsanwälten Marcus Haintz und Ralf Ludwig als eng vernetzt gilt, nahtlos an seine Falscheinschätzungen vor der vergangenen Berliner Demonstration an. Da hatte er im Vorfeld behauptet, die Polizei habe ihm gegenüber eine Teilnehmer/-innenzahl von 800.000 genannt, was die Berliner Polizei gegenüber LZ dementierte.

    Widerspruch mögen er und seine Mitstreiter ebenso wenig, Presseanfragen blieben unbeantwortet, zu einer Pressekonferenz am 17. September 2020 lud man offensichtlich gezielt nur gewogene Youtuber und Szenefans als Medien ein.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 83, Ausgabe September 2020. Foto: Screen LZ

    Hier nun kündigte Wehner eine spontane Selbstauflösung statt Regeleinhaltung an, die vor allem Linksaktivisten gern versuchen, sobald Gewalt ins Spiel kommt.

    Im Moment der Auflösung der Versammlung wird die Polizei Berlins wohl auf eine erneute Anmeldung einer weiteren bestehen oder die Menschenmenge dennoch auflösen müssen, um die damit nicht verschwundenen Corona-Regeln durchzusetzen.

    Bilder von einschreitenden Beamten, die sich offenbar die „Querdenker“ wünschen, um sich anschließend angesichts der staatlichen Gewalt zu Opfern zu stilisieren. Es könnte demnach rau werden am 10. Oktober in Berlin, ob dabei Demonstranten zu Schaden kommen, scheint Wehner egal.

    Wenn man den führenden Vordenkern der „Querdenker“-Szene glauben mag, geht es um den Sturz der Regierung. Den Staat als möglichst brutal darzustellen, gehört längst zum Opfer-Narrativ der Bewegung.

    Der 7. November in Leipzig und die gewollte Symbolik

    Eher geschichtsklitternd mutet hingegen die Idee der „Querdenker“ an, am 7. November 2020 in Leipzig über den Ring laufen zu wollen. 1989 war dies das Datum, als die gesamte DDR-Regierung zurücktrat. Und da dies mit 200 Teilnehmer/-innen wie zur Demo „aus ganz Mitteldeutschland“ am Samstag, den 19. September, eher albern aussehen dürfte, erhofft man sich in Leipzig Auftrieb mit westdeutscher Starthilfe aus dem Raum Stuttgart.

    Was wie ein 500-Kilometer-Roadtripp aus dem Hotspot der Reichsbürger-, Alternativmedizin- und Coronaleugnerhochburg Schwaben klingt, ist eher der Startpunkt eines Reisezirkusses von „Querdenken“-Gründer Michael Ballweg und Kernanhang nun auch im Osten der Republik.

    Dann soll durch die Mobilisierung der Mutter aller „Querdenken“-Initiativen Deutschlands endlich eine höhere Zahl als in der Spitze 400 Teilnehmer/-innen in Leipzig geschafft werden. Ballweg, der aktuell neben seiner angekündigten OB-Kandidatur in Stuttgart eher damit zu tun hat, seriösen Medien zu erläutern, warum er nun genau das Grundgesetz abschaffen und eine neue Verfassung schreiben möchte, soll dann in Leipzig erstmals als Redner auftreten.

    Weitere Texte und Hintergründe zu den „Querdenkern“ finden Sie unter l-iz.de/tag/coronakrise

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