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Neue Runde zum Barockaltar der Paulinerkirche: Warum man eine demokratische Entscheidung auch einmal akzeptieren sollte, egal, wie berühmt man ist

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    Es stehen zwar alle möglichen berühmten Namen auf der Liste de Unterzeichner/-innen der Petition „WORT HALTEN! Für die Rückkehr der historischen Barockkanzel in die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig!“ Aber auch in einer Demokratie gibt es manchmal Punkte, an denen man demokratische Entscheidungen akzeptieren sollte. Auch aus Respekt davor, dass gewählte Gremien manchmal anders denken als man selbst. Auch wenn es möglicherweise aus der eigenen Glaubensperspektive wehtun mag.

    Selbst dann, wenn durchaus gewichtige Persönlichkeiten wie der ehemalige Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt oder der scheidende Thomaskantor Gotthold Schwarz auch in der lokalen Zeitung emotional zu Wort kommen. Und der Streit um die Anbringung der historischen Barockkanzel von 1738 im neuen Paulinum der Universität Leipzig dreht sich ja seit 2013, hat schon viele Wendungen genommen.Zeitweilig war ein Kanzelmodell auch im Paulinum selbst angebracht, um die Raumwirkung der Kanzel zu untersuchen. Aber die letztliche Entscheidungshoheit darüber, ob die historische Kanzel an einer der Säulen im als Aula und für Tagungen gedachten Raum angebracht wird, liegt bei der Hausherrin: der Universität Leipzig selbst. Noch genauer: beim Akademischen Senat.

    „An Hochschulen ist der Akademische Senat ein Selbstverwaltungsorgan und das oberste Gremium“, kann man selbst bei Wikipedia nachlesen.

    Auch die mögliche Wirkung des Raumklimas auf die über 250 Jahre alte Kanzel hat man ausführlich untersucht, sodass der Akademische Senat im September 2011 eine breite Entscheidungsbasis hatte, die Anbringung der Kanzel entweder zu befürworten oder abzulehnen. Er entschied sich mit großer Mehrheit für die Nichtanbringung.

    Der Senat tagte im Paulinum - Aula und Universitätskirche St. Pauli. Die Senatsmitglieder konnten dort das Kanzel-Modell in Augenschein nehmen. Foto: Swen Reichhold/ Universität Leipzig
    Der Senat tagte im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli. Die Senatsmitglieder konnten dort das Kanzel-Modell in Augenschein nehmen. Foto: Swen Reichhold / Universität Leipzig

    Was eigentlich das Ende einer seit Jahren anhaltenden Debatte sein konnte, in der immer auch die Frage mitschwang: Sollte die Aula auch ein kirchlicher Raum sein? Oder soll es zwischen religiöser und akademischer Nutzung eine klare Trennung geben? Keine ganz unnütze Frage. Sie wird seit der deutschen Aufklärung diskutiert und immer wieder wurden die Grenzen neu verhandelt, wo Staat und Kirche sich trennen.

    Natürlich wurde die Leipziger Diskussion zusätzlich verschärft durch den Zerstörungsakt der alten Universitätskirche St. Pauli im Jahr 1968, mit dem die damaligen SED-Funktionäre ihre letztlich kultur- und pietätlose Sichtweise auf „Weltanschauung“ und Kirche zum Ausdruck brachten.

    Niemand würde heute über eine Kanzel in der Universitätskirche St. Pauli diskutieren, stünde die Kirche noch. Dann gäbe es nämlich auch noch die alte prunkvolle Aula im historischen Augusteum. Denn das wird auch oft vergessen, dass 1968 nicht nur die Universitätskirche gesprengt wurde, sondern auch der letzte Teil der historischen Alma mater am Augustusplatz.

    Es ist falsch, immer nur auf die Sprengung der Kirche zu schauen.

    Und es ist ebenso falsch, den Willen der Universität als Affront für gläubige Christen zu sehen. Denn im Kampf um das Paulinum geht es eben auch um einen für akademische Großveranstaltungen nutzbaren Raum, den nicht nur die Universitätsleitung gern frei halten möchte von einer religiösen Konnotation.

    Was die Giordano-Bruno-Stiftung 2019 deutlich begrüßte. Genauso übrigens wie der Student/-innenRat der Universität. Auch wenn die Universität Leipzig nach wie vor einen hochkarätigen Lehrstuhl der Theologie hat und viele Konzerte, die inzwischen auch im Paulinum stattfinden, große religiöse Musik zu Gehör brachten: Die meisten Universitätsangehörigen sind nicht konfessionell gebunden. Und aus ihrer Sicht ist der gefundene Kompromiss, den kirchlichen Teil durch eine Glaswand vom eher akademisch genutzten Saal zu trennen, ein gelungener Kompromiss.

    Aktion der Giordano-Bruno-Stiftung Leipzig: Keine Kanzel in die Aula. Foto: gbs Leipzig
    Aktion der Giordano-Bruno-Stiftung Leipzig: Keine Kanzel in die Aula. Foto: gbs Leipzig

    Und die meisten können auch die Sichtweise nicht teilen, dass am Augustusplatz immer noch eine Wunde klafft. Im Gegenteil: Viele halten die architektonische Lösung des von Erick van Egeraat entworfenen Paulinums für gelungen, weil sie die modernen Nutzungsansprüche der Universität mit der Erinnerung an die zerstörte Paulinerkirche auch optisch verbindet und eine Nutzung auch für Gottesdienste möglich macht.

    Dass seit 2000 immer wieder auch mit harten Bandagen gestritten wurde, erzählt genau davon, dass dieser Bau immer ein Kompromiss zwischen allen Wünschen sein musste. Und dass auch die Universität hier ihr Recht zur Definition dessen, was für sie wichtiger ist, immer wieder deutlich machte. Ein Recht, das übrigens nicht geringer ist als der Wunsch von überzeugten Christen, einen Ort für ihren Gottesdienst zu haben. Wohl wissend, dass die Mehrheitsgesellschaft zunehmend nicht mehr religiös gebunden ist.

    Und das oft auch deshalb, weil die Angebote der Kirchen nicht mehr das sind, was Menschen heute suchen, wenn sie Gemeinschaft suchen. Doch bei der Petition von 2019 beließ es der Bürgerinitiativkreis „WORT HALTEN!“ nicht. Immer wieder lanciert er die Statements möglichst bekannter Personen als „Serie persönlicher Wortmeldungen aus dem breiten, prominenten Kreis von Mitunterzeichnern der Onlinepetition“ in die Öffentlichkeit.

    Nach den Statements des früheren Gewandhauskapellmeisters Herbert Blomstedt und des Thomaskantors Gotthold Schwarz gab es am 27. Mai eines von Jochen Flade, der als Diplom-Restaurator aus Dresden an der Restaurierung und Aufstellung des Paulusaltars mitgewirkt hat.

    Jost Brüggenwirth vom Bürgerinitiativkreis „WORT HALTEN!“, hinter dem im Grunde die 2008 gegründete Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig steht und damit wieder der alte Paulinerverein, schickte als Einleitung vorweg: „Aus seinem emotionalen Statement spricht anhaltender Schmerz der klaffenden Wunde, die für viele Bürgerinnen und Bürger darin besteht, dass die Aula und Universitätskirche weiter auf ihre gerettete historische Kanzel warten muss. Hieran ist anlässlich des bevorstehenden Jahresgedenkens der Sprengung der alten Universitätskirche am 30. Mai nachdrücklich zu erinnern!“

    „Jochen Flade formuliert sein eindringliches Plädoyer im Namen der Aufrechten, die schwerstes Leid und Unterdrückung im Zusammenhang mit der Universitätskirche zu DDR-Diktaturzeiten erlitten haben! Der Bürgerinitiativkreis ,WORT HALTEN!‘ nimmt dieses ungeschminkte persönliche Statement zum Anlass, die Universitätsleitung erneut eindringlich zu bitten, ihre bisherige Haltung zu überdenken und in den überfälligen Dialog mit der Staatsregierung und der Landeskirche einzutreten.“

    „Es gilt, über die Voraussetzungen zu sprechen, unter denen in Verantwortung vor der Geschichte der restaurierte Kanzelkorb als Freiheitsdenkmal und Ort der Predigt an seinen angestammten Platz zurückgebracht werden kann. Wir appellieren unmittelbar vor dem anstehenden Gedenktag der Zerstörung der alten Universitätskirche an das Rektorat, seine Chance bis zum Ende der noch verbleibenden Amtszeit zu ergreifen!“

    Aber auch Jost Flade zeigt in seinem Statement ein sehr eigentümliches Verständnis von Geschichte und Erinnerung, das im Grunde typisch ist für die Arbeit der Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig: Auch er ignoriert einfach, dass mit dem Bau des Paulinums schon eine sehr moderne und akzeptable Form der Erinnerung geschaffen wurde.

    „Mit der unverantwortlichen Verweigerungshaltung, die gerettete, original erhaltene Kanzel in den Aula- und Kirchenraum zu integrieren, verletzt und vergisst man aus meiner Sicht in unverzeihlicher Weise all diejenigen, die im Zusammenhang mit der Sprengung vom Mai 1968 verfolgt, inhaftiert, in Stasi-Gefängnissen neben unaussprechlichen Haftbedingungen auch seelisch gebrochen und in ihrer unantastbaren menschlichen Würde namens des ,Arbeiter- und Bauernstaates‘ entwürdigt und/oder für Westgeld in Nacht- und Nebelaktionen direkt aus den Gefängnissen abgeschoben und damit ausgebürgert wurden“, schreibt er.

    Wozu man eigentlich nur sagen kann: Nein. Genau dafür steht die Kanzel nicht. Oder genauer formuliert: Man kann nicht so tun, als würde das architektonisch gelungene Paulinum die Erinnerung nicht wachhalten und unbedingt die Anbringung der Kanzel benötigt, damit den Wünschen des Paulinervereins endlich genüge getan wird.

    Entsprechend spricht die Leipziger Giordano-Bruno-Stiftung inzwischen von „29 Jahre christlicher Lobbyismus durch den Paulinerverein“.

    Logisch, dass es postwendend auch eine deutliche Reaktion vom Student/-innenRat der Universität Leipzig gab, der ein Ende der Kanzeldebatte forderte. An dieser Stelle geht es längst um den simplen Respekt vor der Entscheidung des höchsten Gremiums der Universität Leipzig. Ein Respekt, den man auch von kämpferischen älteren Männern erwarten kann. Aber lesen Sie selbst. Wir geben hier die Statements von Jost Flade, Student/-innenRat und Giordano-Bruno-Stiftung ungekürzt wieder.

    ***

    Das Statement von Jost Flade

    Was mich immer wieder sehr belastet…

    Für die allesamt bemühten „Argumente“ der Uni-Leitung ist es nicht nur aus rationalen, sondern eben auch aus emotionalen Gründen nicht zu begreifen, an welchem Punkt die permanente Ablehnung ihre eigentlichen Gründe hat. Als Mitarbeiter eines Restauratoren-Teams, das einst den geretteten Paulus-Altar konservierte, restaurierte und wiederaufbaute (zunächst in St. Thomas, dann in die Universitätskirche St. Paul translozierte), fehlt mir jedwedes Verständnis.

    Was mich immer wieder sehr belastet, ist die offensichtlich bewusste Geschichtsvergessenheit der Uni-Leitung. Gegenwart und Zukunft ist, wie man längst weiß, ohne den Blick in den Rückspiegel (sprich Vergangenheit) nicht möglich, zumal in einer Stadt wie Leipzig, die nun a priori zur neueren Geschichtsschreibung nicht wenig beizutragen hat (bürgerrechtliches Aufbegehren, Friedensgebete, Friedlicher Herbst 1989). Und da spielt die brachiale und demonstrativ durchgezogene Sprengung der bedeutenden Universitätskirche Leipzig auf Befehl der SED-DDR 1968 eine nachhaltige Rolle.

    Ich erinnere mich ziemlich genau an ein mit Prof. Dr. Hiller v. Gaertringen intensiv geführtes Gespräch (Kustos der Uni) am Rande des Aufbaus des Pauliner-Altars in der Universitätskirche St. Pauli zum Thema: Verfolgte des SED-Regimes nach der Kirchensprengung von 1968 und an seine zumindest damals erkennbare Erschütterung – diese allerdings liegt nun reichlich sechs Jahre zurück.

    Mit der unverantwortlichen Verweigerungshaltung, die gerettete, original erhaltene Kanzel in den Aula- und Kirchenraum zu integrieren, verletzt und vergisst man aus meiner Sicht in unverzeihlicher Weise all diejenigen, die im Zusammenhang mit der Sprengung vom Mai 1968 verfolgt, inhaftiert, in Stasi-Gefängnissen neben unaussprechlichen Haftbedingungen auch seelisch gebrochen und in ihrer unantastbaren menschlichen Würde namens des „Arbeiter- und Bauernstaates“ entwürdigt und/oder für Westgeld in Nacht- und Nebelaktionen direkt aus den Gefängnissen abgeschoben und damit ausgebürgert wurden.

    Darunter u. a. diejenigen, die damals während einer höchst gewagten Aktion 1968 in Leipzig öffentlich während eines Staatsaktes zu den offiziös veranstalteten Bachfesttagen das Plakat „Wir fordern Wiederaufbau“ entrollten. Dietrich Koch, einer der Oppositionellen und Mutigen, dokumentiert in seiner mehrbändigen Sachpublikation: „Das Verhör – Zerstörung und Widerstand“ die Chronologie des SED-DDR-Unrechts (Dresden; Verlag Christoph Hille, 2000), worunter viele, viele litten und mit ihren Erlebnissen nach der Kirchensprengung nicht fertig wurden.

    Mein Bruder Michael Dresden-Arlt gehörte dazu; er nahm sich in Berlin (West) 1985 das Leben. Seine mehrjährige Gefängnis-Stasi-Haft konnte er innerlich nicht verwinden, auch nicht, dass er als freischaffender Maler in der Freiheit keine Reputation erfuhr. Erst Anfang der 1990-iger Jahre wurden ihm in damals noch Berlin (West) und in seiner Heimatstadt Dresden durch kenntnisreiche und engagierte Galeristen umfassende Gedächtnisausstellungen zu seinem Ouevre gewidmet – zu spät!

    Mehr ist zum Casus „Kanzel“ nicht zu sagen, als nur noch dies: Mit der unbegreifbaren Ablehnung, die Kanzel als eines der geretteten Objekte der einstigen Universitätskirche zu Leipzig im jetzigen Aula- und Kirchenraum endlich aufzubauen, vergeht sich die derzeitige Uni-Leitung in höchst bedenklicher Weise an den damaligen Aufrechten!

    Jo.Flade

    Das Statement des Student/-innenRats

    Schluss mit Kanzel-Culture! Der Student_innenRat der Universität Leipzig fordert Schluss der Kanzeldebatte.

    2019 entschied der akademische Senat der Uni Leipzig endgültig, die historische Kanzel nicht in der säkularen Aula aufzustellen. Vorangegangen sind ausführliche Debatten, inklusive eines dreisemestrigen Klimamonitoring im Paulinum.

    Dazu Nico Eisbrenner, Referent für Hochschulpolitik des StuRa: „Der Senat sowie die gesamte Universitätsgemeinschaft haben sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Jedoch spricht die Sachlage schlicht gegen die Aufstellung der historischen Kanzel. Die Sicht einiger Sitzplätze wäre eingeschränkt, das Raumklima würde dem wertvollen Objekt schaden und die Kanzel würde die Trennung von Kirche und Universität dauerhaft schädigen. Als Studierendenvertretung fordern wir daher die untote Debatte um die Kanzel endlich zu beenden.“

    Das neue Paulinum wurde mit erheblichen Kosten als universell nutzbare Mehrzweckhalle gebaut. „Das Paulinum muss unbedingt für Lehre sowie universitäres und studentisches Leben nutzbar sein. Das ist leider nicht der Fall. Für die Nutzung durch Angehörige der Universität werden Kosten in vierstelliger Höhe fällig. Dies erschwert die Nutzung für Einrichtungen der Universität und insbesondere studentische Initiativen. Statt weltfremder Debatten um eine Kanzel muss endlich über die adäquate Nutzung der Aula diskutiert werden!“ schließt Paul Reinhardt, Referent für Lehre und Studium.

    Aktion der Giordano-Bruno-Stiftung Leipzig: Keine Kanzel in die Aula. Foto: gbs Leipzig
    Aktion der Giordano-Bruno-Stiftung Leipzig: Keine Kanzel in die Aula. Foto: gbs Leipzig

    Das Statement der Giordano-Bruno-Stiftung

    Leipziger Humanisten fordern: „Verfassung achten: Keine Kanzel in die Aula!“ / 29 Jahre christlicher Lobbyismus durch den Paulinerverein sind genug!

    Die Leipziger Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung („gbs Leipzig“) hat 29-mal auf den Augustusplatz vor der Universitätsaula ihre Forderung gesprüht: „Keine Kanzel in die Aula!“ Anlass hierfür ist die erneute Forderung der christlichen Lobbygruppe „Paulinerverein“, die historische Kanzel in der Universitätsaula anzubringen.

    Bereits im September 2019 hatte der Senat der Universität Leipzig nach einem umfangreichen Klima-Monitoring dies nahezu einstimmig abgelehnt, da dass Raumklima der barocken Kanzel schaden könnte.

    Dennoch geben die Pauliner keine Ruhe und greifen die Universität und deren Rektorin Prof. Dr. med. Beate A. Schücking in der Leipziger Volkszeitung vom 28.05.2021 frontal an: Die Uni-Leitung vergehe sich mit ihrer Ablehnung in „höchst bedenklicher Weise an den damaligen Aufrechten“ (gemeint sind die Menschen, die „wegen ihrer Proteste gegen die Sprengung 1968 verfolgt, inhaftiert und seelisch gebrochen wurden“). Die Rektorin habe „eine letzte Chance“, sich durch die Anbringung der Kanzel „in Leipzig ein Denkmal zu setzen“. Schon fast wie eine Drohung heißt es weiter, die „offene Wunde“ werde auf jeden Fall geschlossen werden.

    Maximilian Steinhaus, Sprecher der gbs Leipzig: „Die Taktik der Pauliner, alle paar Monate ungebeten von der Seitenlinie reinzubrüllen und der Universität Vorhaltungen zu machen, ist nur die Fortsetzung der jahrhundertelangen Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit durch die Kirchen. Indem der Paulinerverein die Ablehnung der heutigen Universitätsleitung in die Nähe der damaligen Sprengung rückt, disqualifiziert er sich (erneut) für jeden weiteren Diskurs. Da sich die Pauliner ihre Niederlage immer noch nicht eingestehen wollen, mussten wir ihnen die Entscheidung der Universität noch einmal vor Augen führen.

    Natürlich ist es kein Zufall, dass wir unsere Forderung genau 29-mal auf den Boden gesprüht haben: Während die Pauliner heute mit dem Gottesdienst der Sprengung der damaligen Universitätskirche vor 53 Jahren gedenken, wollen wir darauf hinweisen, dass diese christliche Lobbygruppe sich bereits seit 29 Jahren in die Angelegenheiten der Universität einmischt und versucht, die Trennung von Staat und Kirche auszuhebeln. In der öffentlichen Debatte wurde die Frage, ob der Staat überhaupt eine Kirche bauen darf, leider viel zu wenig beachtet. Die Sprengung mag Unrecht gewesen sein, aber dass der Staat mit Hochschulgeldern eine Kirche baut, ist auch ein Verfassungsbruch.“

    Unter dem Label „Bürgerinitiativkreis ,Wort halten‘“ geht der Paulinerverein einen neuen Weg. Anstatt den sog. Harms-Kompromiss – wie zuvor geschehen – abzulehnen, wollen sie sich plötzlich auf ihn berufen. Dabei picken sie sich aber nur die Rosinen heraus, die ihnen schmecken, nämlich die grundsätzlich formulierte Einigung, die geretteten Teile an den historischen Ort zurückzubringen. Dies umfasse nach Ansicht der Pauliner auch die Kanzel.

    Tatsächlich aber ist der Harms-Kompromiss wenig hilfreich, denn an anderer Stelle betont dieser, dass die Entscheidungskompetenz rechtlich dem Bauherrn (= der Freistaat Sachsen) im Einvernehmen mit der Universität zusteht. Dies muss aber erst recht auch für die Kunstschätze wie die Kanzel gelten, die im Eigentum der Universität stehen.

    Hierzu noch einmal Steinhaus: „Die Forderung der Pauliner an die Universität, ihr ,Wort zu halten‘ und zu dem Harms-Kompromiss zu stehen, ignoriert gerade den Kompromiss-Charakter dieses Dokuments: Die Universität ist der damaligen CDU-Landesregierung und der evangelischen Landeskirche sehr weit entgegen gekommen und es wurden so viele historische Kirchenelemente im Paulinum angebracht, dass dieses kaum noch als eine universitäre Aula zu erkennen ist. Mit dem Einbau der Kanzel würde die Universität ihre weltliche Aula endgültig verlieren. Der sakrale Charakter des Gebäudes ist schon jetzt erdrückend. Das wäre gerade kein Kompromiss mehr, sondern die nahezu vollständige Umsetzung der Sonderwünsche einer christlichen Minderheit. Wir fordern daher nicht ,Wort halten‘, sondern ,Verfassung achten‘: Die Trennung von Staat und Kirche gilt sowohl finanziell als auch institutionell und auch auf der Ebene der Hochschulen!“

    Wir weisen vorsorglich darauf hin, dass wir keine „Graffiti-Farbe“ verwendet haben, sondern lediglich Sprüh-Kreide. Beim nächsten Regen wird die Schrift zwar weggespült werden, doch wir hoffen, dass die Botschaft hängen bleibt.

    Wer mit uns in den sozialen Medien über die Aktion diskutieren möchte, sollte den Hashtag #KeineKanzelindieAula verwenden.

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      2 KOMMENTARE

      1. Vielen Dank, Christian, für Ihren Kommentar, den ich sehr schön finde.

        Ich verfolge die Sache mit der Egeraat-Bau schon seit den 1990er Jahren, als das Marx-Relief noch hing (für Interessierte: das steht jetzt links hinter der Sportlermensa Jahnallee). Ich würde gerne einiges im Detail schreiben wollen, aber mir fehlt gerade die Zeit dazu.

        Einen sauren Gruß an den Paulinerverein, der mich stumpf ohne Rückfrage mich in den Postverteiler aufnahm und mich seither mit Rundschreiben belästigt hatte, bis ich umgezogen bin. Herr Doktor, das ist keine Umgangsform!

        Dann an Lizzy einen Investigativauftrag: den Wortlaut des Harms-Kompromisses ausfindig zu machen. 😉 (vielleicht aber jetzt einfacher als noch ca 2009)

      2. Ein sehr langer Beitrag; hier alles notwendige zu kommentieren, ist schwer.
        Nur kurz das Wichtigste für mich:

        Die ‚Giordano-Bruno-Stiftung‘ ist für mich keine Referenz, eher eine merkwürdige Erscheinung.

        Schade, dass man dem StudentenInnenrat keine echte langweilige Mehrzweckhalle gebaut hat, so, wie er es offensichtlich gewollt hat.
        Obwohl, den nur temporär weilenden Lernenden wäre das wahrscheinlich auch egal. Denn Ansprüche jedweder Art scheinen heutzutage sehr primitiv auszufallen, außer der WLAN-Verfügbarkeit natürlich.

        Das Argument, „die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht dies oder das“, finde ich äußerst unpassend. Gar diskriminierend? Hat also nun jede Minderheit kein Recht auf irgendetwas, weil „die Mehrheit der Bevölkerung“ das nicht so sieht? Da ist auf dieser Basis hier auf der Seite schon über ganz andere Dinge gestritten und argumentiert worden.
        Wenn das Argument wahr wäre, hätte es auch keine Dresdner Frauenkirche geben dürfen.
        Oder andere zahlreiche Beispiele.

        Das Geschehen erinnert mich sehr an den Flughafen Leipzig. Auch hier wurde versprochen und mit Versprechungen geklotzt, bevor es dann tatsächlich losging bzw. losgehen durfte.
        Nun erinnert man sich, was einst werden sollte, und was nun wirklich da steht.
        (Allerdings wiesen viele Engagierte beständig darauf hin.)
        Der Wiedererbauer der Universitätskirche (SIB) hat mit der fehlenden Klimatisierung, vermutlich aus Kostengründen, Unkenntnis oder/und fehlendem Willen, der Universitätsleitung – physikalisch gesehen – ausreichend Argumente an die Hand gegeben!
        Natürlich ist eine aufwendig restaurierte Kanzel in einem unklimatisierten Raum dem Verfall preis gegeben, es wäre töricht, das zu tun. Jetzt sind die Würfel gefallen, eine Nachrüstung unwirtschaftlich und aus Platzgründen sicher auch nicht mehr möglich.
        Wie man so schön sagt: nun ist es einmal so da, nun müssen wir damit auskommen.
        Ich erinnere an die oft kritisierten Milchtöpfe vor dem wirklich gut aussehendem Gebäude, oder das blickschluckende Mauercafe …) Als Leipziger finde ich das peinlich.

        Außerhalb der Physik ist es für mich jedoch trotzdem befremdlich, wie die Universität dieses Thema ausgesessen und bearbeitet hat.
        Eine Universität, die seit jeher eine theologische Fakultät hatte und mit dem Kirchenraum einen repräsentativen und passenden Raum für diese Sparte zur Verfügung bekam. Und sich damit schmücken durfte und konnte.
        Diese Leugnung und Distanzierung finde ich scheinheilig; dann soll man die theologische Fakultät, mit der man fremdelt, ganz abschaffen.
        Hat die Uni den Mumm dazu?

        Das ist wie eine Sportstudium ohne eine Turnhalle. Doch die haben interessanterweise jede Menge davon saniert bekommen…

        Letztlich ist es auch eine Frage der Kultur, wie man mit diesem Erbe und der Geschichte umgeht. Offensichtlich ist es der altehrwürdigen Universität lieber, man schlösse solche Dinge hinter Glas irgendwo ein, wo man es ganz unbeobachtet besichtigen darf.
        Aber immer schön feste runde Geburtstage öffentlich feiern und das auf den Kopfbögen noch Jahre danach immer mit ausdrucken!
        Das ist auch ein Spiegel der heutigen Gesellschaft. Ich finde das armselig.

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