Störungen im Essverhalten gehen fast immer mit einem erhöhten seelischen Leidensdruck einher. Jugendliche, die darunter leiden, ziehen sich oft zurück, wählen die Isolation. Dagegen will ein Leipziger Projekt jetzt etwas tun. In der Region Leipzig finden Jugendliche, die unter Essanfällen leiden, Hilfe am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas-Erkrankungen.

Die Betroffenen können in ein viermonatiges Coaching-Programm aufgenommen werden, das speziell auf Jugendliche (13 bis 18 Jahre) zugeschnitten ist. Einmal die Woche treffen sie beim IFB am Universitätsklinikum ihren Coach, also eine speziell ausgebildete Psychologin. Essanfälle (Englisch: Binge Eating) sind weit verbreitet: Rund 3 Prozent der Bevölkerung leiden unter wiederkehrenden Essanfällen (Binge Eating Disorder, BED); bei Jugendlichen, die an Programmen zur Gewichtsreduktion teilnehmen, sind es sogar bis zu 25 Prozent.

Die Betroffenen nehmen wiederholt große Nahrungsmengen zu sich, sie haben das Gefühl, die Kontrolle über ihr Essverhalten zu verlieren und leiden anschließend unter Scham- und Schuldgefühlen. Anders als bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimia Nervosa) steuern sie einer Gewichtszunahme nicht in unangemessener Weise gegen – etwa durch Erbrechen, Diäten oder extremen Sport.Das Coaching-Angebot BEDA (Binge Eating Disorder in Adolescents, Essanfallsstörung bei Jugendlichen) hilft Mädchen und Jungen, ihr Essverhalten zu normalisieren, besser mit Belastungen oder Stress umzugehen und ein positiveres Selbstbild zu gewinnen. Das BEDA-Coaching basiert auf einem etablierten Programm der kognitiven Verhaltenstherapie bei Erwachsenen und wurde nun erstmals für Jugendliche angepasst.

Ein 14-jähriger Junge, der ein solches Coaching wahrnahm, sagte: “Ich habe mich lange nicht getraut, aber es hat sich gelohnt. Ich fühle mich wieder wohl in meiner Haut und ich kann normal essen.”Die langjährige Erfahrung der Projektleiterin Prof. Anja Hilbert in der Erforschung und Behandlung der Binge-Eating-Störung flossen in das bundesweit einmalige BEDA-Coaching-Programm in Leipzig ein. “Das Coaching wird – in anonymisierter Form – wissenschaftlich begleitet”, erklärt Hilbert, “mit dem Ziel, die Behandlung von Essanfalls-Patienten zukünftig noch weiter zu verbessern.”

Es gibt bereits Online-Angebote des IFB, in denen Erwachsene mit der BED über Telefon und Internet betreut werden. “Der Bedarf an Coachings und Therapie-Angeboten übersteigt das Angebot hierzulande jedoch deutlich”, so Hilbert. Die Expertin unterstreicht: “Als sehr große psychische Belastung und als Ursache für Fettleibigkeit wurde diese Essstörung bisher leider unterschätzt und bei Jugendlichen kaum wahrgenommen. Deshalb ist das BEDA-Coaching ein wichtiger Schritt nach vorn.”

Das IFB AdipositasErkrankungen ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Es ist eine gemeinsame Einrichtung der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig (AöR). Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung adipöser Patienten integriert werden können. Am IFB AdipositasErkrankungen gibt es derzeit über 40 Forschungsprojekte. Zur Patientenbehandlung stehen eine IFB AdipositasAmbulanz für Erwachsene und eine für Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Das IFB wird das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.

Interessierte und betroffene Jugendliche können sich ans BEDA-Coaching-Team wenden unter Tel. (0341) 97 15363 oder E-Mail: info@ess-stress.de.

Weitere Infos zum Thema und zu den Angeboten:

www.ess-stress.de

www.ifb-adipositas.de

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