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Leipziger Forscher erläutern in einem Diskussionspapier, warum aus ihrer Sicht Forstmaßnahmen im Auenwald nötig sind

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    Im Leipziger Stadtrat steht die Abstimmung über den Forstwirtschaftsplan 2019/2020 an. Eine erstmals wirklich sehr intensiv geführte Debatte geht dem voraus. Und jetzt haben auch die Leipziger Wissenschaftler/-innen der Universität Leipzig, des iDiv und des UFZ in einem Artikel zusammengefasst, wo die Auwaldforschung aktuell steht. Er soll auch als Diskussionspapier des Umweltforschungszentrums (UFZ) veröffentlicht werden.

    „Das Papier enthält relevante, bislang unveröffentlichte Daten zum Leipziger Auwald, analysiert die naturschutzfachlichen Rahmenbedingungen, gibt einen kurzen Überblick über den aktuellen Stand des Wissens zur Thematik des Schutzes von Hartholzauen und diskutiert waldbauliche Optionen für das Ökosystem Leipziger Auwald, da diese der Fokus der aktuellen Debatte um den Forstwirtschaftsplan sind“, erklärt dazu Christian Wirth, Professor für funktionelle Botanik an der Universität Leipzig und Geschäftsführender Direktor des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

    „Wir fühlen uns dem evidenz-basierten Naturschutz verpflichtet und hoffen, mit unserem Beitrag eine Versachlichung der Diskussion zu befördern.“

    Sein Fazit zur wissenschaftlichen Begleitforschung: „Wir kommen zu folgendem Schluss: Im Leipziger Auwald braucht es eine Kombination von Prozessschutz (Nutzungsaufgabe) und Artenschutz. Der Fokus sollte aber auf dem Artenschutz liegen. Dieser benötigt eine behutsame und ökologisch orientierte Forstwirtschaft mit ihren Instrumenten wie Femelwirtschaft, Mittelwaldwirtschaft und Totholzmanagement. Besonders wichtig ist die Re-Dynamisierung der Leipziger Aue, die von der Stadt Leipzig und dem Land Sachsen zügig vorangetrieben werden muss.“

    Nur dass diese Re-Dynamisierung auch aus Sicht der Wissenschaftler, von denen einige auch das Projekt „Lebendige Luppe“ begleiten, noch Jahrzehnte dauern wird.

    Der lange Weg zur Auendynamik

    Das Projekt „Lebendige Luppe“ ist nur ein erster Baustein.

    In dem Artikel, der eigentlich ein 14-seitiges Diskussionspapier ist, heißt es zum Projekt: „Ziel des Projekts ist es, durch beispielhafte Maßnahmen zur Verbesserung des Wasserhaushalts die biologische Vielfalt im Ökosystem der Leipziger Flussauenlandschaft zu sichern und zu entwickeln. Durch die geplante Wiederbespannung ehemaliger Wasserläufe soll eine neue Lebensader für die Aue südlich der Neuen Luppe geschaffen, der mittlere Grundwasserstand angehoben und Gewässer- und Biotopstrukturen der Aue revitalisiert werden.“

    „Gleichzeitig sollen kleinere und mittlere Hochwasserereignisse in der Nordwestaue in die Fläche geführt werden, sodass auch regelmäßige Überschwemmungen im Gebiet wieder möglich werden (www.lebendige-luppe.de). Die Maßnahmen werden dazu führen, dass sich das Mosaik an Lebensräumen zum feuchten Spektrum verschiebt und somit vielen derzeit im Rückgang befindlichen Arten Überlebenschancen geboten werden.“

    „Des Weiteren wird durch den zu erwartenden Anstieg des Grundwasserspiegels auch die Wasserversorgung der Baumschicht verbessert, was insbesondere angesichts von Trockenperioden die Walddynamik stabilisieren wird. Durch wechselnde, lokal höhere Grundwasserstände und regelmäßige Überflutungen kann sich der Hartholzauwald langsam wieder re-dynamisierten Standortbedingungen anpassen. Die Transformation des Leipziger Auensystems wird aber Jahrzehnte dauern.“

    Sollte es tatsächlich wieder zu regelmäßigen Überschwemmungen im Auenwald kommen, könnte das den Ahorn, der sich in den letzten Jahrzehnten massiv ausgebreitet hat, wieder zurückdrängen. Auch das betont das Papier. Der Ahorn mag keine nassen Füße, während Eichen und Eschen, die nun einmal zur Hartholzaue gehören, damit in der Regel umgehen können. Überschwemmungen würden also auch helfen, die Eichen wieder zu unterstützen.

    Ahorn auf dem Vormarsch

    Aber wo liegt das aktuelle Problem? Den größten Kummer bereitet die Eiche. Seit der Auwald trockenliegt, wird sie vom Ahorn bedrängt.

    Ahorn im südlichen Auenwald. Foto: Ralf Julke
    Ahorn im südlichen Auenwald. Foto: Ralf Julke

    Das Ergebnis: „Es findet so gut wie keine Naturverjüngung der Eiche statt. Auf den 60 Untersuchungsflächen, die in der gesamten Leipziger Nordwestaue verteilt sind, lässt sich nur sehr vereinzelt Eichenverjüngung im Unterwuchs finden. Diese Jungeichen werden selten größer als 30 cm. Von insgesamt 9.658 in der Strauchschicht untersuchten Individuen waren nur 14 Stiel-Eichen (Engelmann et al. 2020). Stattdessen dominieren mit einem gemeinsamen Anteil von 41,1 % die beiden schattentoleranten und standortfernen Ahornarten (Berg- und Spitz-Ahorn), die mit ihrem dichten Blattwerk den Waldboden abdunkeln.“

    „Die für die Eichenverjüngung notwendigen 20 % bis idealerweise 50 % des normalen Tageslichts (…) werden dadurch im Auwald nur sehr selten erreicht. Verwirrung stiftet bei einigen Teilnehmer/-innen des Diskurses immer wieder die Tatsache, dass man lokal nach Mastjahren durchaus Eichensämlinge finden kann. Diese halten sich durch die Nährstoffreserven der Eichel eine Weile am Leben. Allerdings sterben sie rasch, sobald diese Vorräte aufgezehrt sind und sie sich durch die eigene Photosynthese ernähren müssen. Die Ursache dafür sind Lichtmangel und Rehverbiss. Es ist bekannt, dass die Eiche mit zunehmendem Alter lichtbedürftiger wird (…).“

    Der Ahorn profitiert dabei vom fruchtbaren Auenboden: „Die Böden unseres Auwalds sind außerordentlich ,wüchsig‘, das heißt gut mit Nährstoffen und Wasser versorgt, und die Rolle der schattentoleranten und abdunkelnden Buche (Fagus sylvatica L.) übernimmt in unserem System der Berg-Ahorn. Es kommt erschwerend hinzu, dass der Berg-Ahorn windverbreitet ist und viele Samen produziert. Die Population an geschlechtsreifen Berg-Ahorn-Altbäumen ist in den vergangenen Jahren bereits so stark angestiegen (derzeit ca. 15 % der Bestandsgrundfläche), dass diese Art sich mittlerweile flächenhaft verjüngt. Das macht eine Naturverjüngung der Eiche selbst dann nahezu unmöglich, wenn natürliche Störungen Lichtungen schaffen (…).“

    Warum Prozessschutz jetzt nicht hilft

    Was für die Forscher heißt: „Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse der Zusammensetzung der Strauchschicht und der Baumschicht, dass sich unter den gegenwärtigen Standortbedingungen vor allem die Eiche, aber auch die Esche nur unzureichend selbst verjüngt und daher ihre derzeitigen Bestände nicht von selbst erhalten bleiben werden. Nach Klimo et al. (1999) ist für den Leipziger Auwald damit zu rechnen, dass der Eichenanteil in Zukunft unter 10 % sinken wird, wenn die natürliche Regeneration so weiterläuft wie bisher.“

    „Mit anderen Worten: Mit reinem Prozessschutz ist die Eiche in 200 bis 300 Jahren sehr selten und auch andere Auwaldarten wie Esche, Linde, Feld-Ahorn und Hainbuche gehen zurück. Das wiederum bedeutet, dass die von diesen wertvollen Arten getragene Biodiversität voraussichtlich stark zurückgehen wird. Der vollständige Prozessschutz würde auf lange Sicht den Artenreichtum im Auwald bedrohen.“

    Prozessschutz bedeutet: Ein Wald wird komplett aus forstwirtschaftlicher Pflege genommen und wird seinen eigenen Entwicklungsprozessen überlassen. Was aber in der trockenen Aue sichtlich den Ahorn befördert, der sich überall ansiedelt, wo andere Starkbäume verschwinden.

    Die Forscher plädieren deshalb für Femellöcher, in denen systematisch Eichen gepflanzt werden.

    Im Papier heißt es dazu: „Der Forstwirtschaftsplan sieht die Verjüngung der Eiche in Femellöchern vor. Femellöcher sind kleinere Lochhiebe mit einem Durchmesser von ein- bis maximal zweifacher Altbaum-Länge, also 30 bis 50 m, in die Eichen, Wildobstarten und bisweilen Schwarz-Erlen (Alnus glutinosa (L.) Gaertn.) gepflanzt werden. Zum Schutz vor Wildverbiss werden die Femellöcher eingezäunt. Die Größe der Femel richtet sich danach, wie licht der umgebende Altwald ist.“

    „Weist er viel Berg-Ahorn in den unteren Kronenschichten auf, so dringt von der Seite wenig Licht in die Femellöcher. Damit die gepflanzten Eichen unter diesen Umständen genug Licht erhalten, wird ein größerer Durchmesser (bis maximal 50 m) gewählt. Der überall zunächst reichlich aufkommende und die Eichen zügig überwachsende junge Ahorn wird regelmäßig entfernt. Biotopbäume oder Starkeichen werden zur Anlage von Femellöchern im Leipziger Stadtwald grundsätzlich nicht geerntet.“

    Fehlendes Totholz und Eschensterben

    Dass dieses Vorgehen auch Experiment-Charakter hat, stellen die Forscher auch fest: „Die Optimierung von Verjüngungsmaßnahmen muss lokal erfolgen. Dies benötigt Erfahrung und in gewissem Maße auch waldbauliche Experimente vor Ort. In jüngster Zeit sind viele Vorschläge zu alternativen waldbaulichen Behandlungen für den Leipziger Auwald unterbreitet worden. Die Befürworter/-innen des Prozessschutzes fordern, das sogenannte Lübecker Konzept zur Naturnahen Waldnutzung im Leipziger Auwald anzuwenden.“

    „Viele der Forderungen, die mit dem Hinweis auf das Lübecker Konzept verbunden werden, sind im Leipziger Auwald weitgehend erfüllt. Dazu gehören zum Beispiel die Einrichtung von 10 % Referenzflächen ohne forstliche Nutzung (im Auwaldbereich des Stadtforsts sind es 10 %), die Vermeidung von Kahlschlägen (Femellöcher sind keine Kahlschläge), der waldverträgliche Einsatz von Maschinen (flächenhafte Befahrung findet im Auwald nicht statt), keine Entnahme von Biotopbäumen und Starkbäumen (erfolgt nicht und wird unter anderem von Naturschutzverbänden kontrolliert), etc.“

    Und auch die kleinräumige Mittelwaldbewirtschaftung in der Burgaue zeigt aus ihrer Sicht positive Ergebnisse.

    Aber tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Problemen, unter denen der Auenwald noch zusätzlich leidet. Dazu gehört der noch immer zu geringe Anteil von Totholz, das für ein Drittel der Arten im Auwald Lebensraum bietet. Daran werde schon gearbeitet, betont der Artikel.

    Aber bedrohlicher ist eine andere Entwicklung: „Ein weiteres großes Problem bei der Prognose der Waldentwicklung ist der Befall mit Pilzkrankheiten. Die Ulmen (Feld-Ulme und Berg-Ulme) sind in der Verjüngung immer noch sehr stark vertreten, erreichen aber durch die Übertragung der Schlauchpilzart Ophiostoma novo-ulmi durch den Ulmen-Splintkäfer seit Ende der 1960er Jahre kaum noch Starkbaumgröße (Holländische Ulmenkrankheit).

    Vor etwa 10 Jahren ist in Leipzig das Eschentriebsterben (Hymenoscyphus pseudalbidus) angekommen, das sich von Südosteuropa nach Mitteleuropa ausgebreitet hat. In Untersuchungen des Projekts Lebendige Luppe wiesen 71 % der erfassten Eschen 2017 starke bis mittlere Schadsymptome auf. Der Anteil der Individuen mit sehr geringen Schadsymptomen betrug nur 5 %.

    Es wird angesichts dieser dramatischen Entwicklungen voraussichtlich nicht möglich sein, den derzeitigen Eschenanteil von 39 % im Auwald zu bewahren. Nachpflanzungen sind nicht möglich, weil besonders Jungeschen vom Eschentriebsterben befallen werden. Die in den nächsten Jahren zu erwartende Mortalität der Esche wird die heutigen forstwirtschaftlichen Ernteraten von ca. 8.000 fm pro Jahr um ein Vielfaches übersteigen.

    Ein mögliches Szenario unter Prozessschutz ist folgendes: „Die Population der Esche bricht in naher Zukunft ein und es kommt zu einer starken Auflichtung des Waldbildes. Die bestehende Population des Ahorns ist groß genug, um sich in den gestörten Stellen durch Samenanflug natürlich zu verjüngen oder aus der bereits im Unterstand reichlich vorhandenen Verjüngung rasch in das Kronendach zu wachsen. Das Eschentriebsterben könnte dem Wechsel zu einer Dominanz von Ahorn auf diese Weise Vorschub leisten.“

    Was aus dieser Sicht bedeutet: Wenn forstwirtschaftlich nicht eingegriffen wird, erobert der Ahorn den trockengelegten Auenwald.

    Die Re-Dynamisierung der Aue muss kommen

    Im Fazit betonen die Wissenschaftler dann noch einmal, wie wichtig eine zeitnahe Wiederbelebung der durchfluteten Aue ist.

    „Es gibt Wälder, in denen Prozessschutz (Verzicht auf jegliche Bewirtschaftung) dem Artenschutz dient, die Funktionsfähigkeit des Waldökosystems verbessert und natürliche Waldbilder schafft. Unserer Meinung nach ist es in der Leipziger Aue naturschutzfachlich sinnvoller, Prozess- und Artenschutz zu kombinieren, wie es auch Jedicke und Hakes (2005) vorschlagen. Ohne steuernde forstwirtschaftliche Eingriffe wird sich der Leipziger Auwald nach derzeitigem Wissensstand zu einer Ahorn-Dominanz hin entwickeln. Das Ziel kann nicht sein, irgendeinen Wald zu erhalten.“

    „Der Wald der Zukunft muss reich an standorttypischen Baumarten der Hartholzaue sein, damit er den Unwägbarkeiten des Klimawandels und der Ankunft neuer Schädlinge standhalten kann. Der Artenschutz benötigt in Leipzig eine behutsame und ökologisch orientierte Forstwirtschaft mit ihren Instrumenten wie Femelschlägen, Mittelwaldwirtschaft und Totholzmanagement im Kampf um den Erhalt einer einmaligen Lebensgemeinschaft. Die Stadt Leipzig und das Land Sachsen müssen in Sachen Auenschutz Verantwortung übernehmen und die Re-Dynamisierung der Leipziger Aue zügig vorantreiben. Die in Leipzig ansässige Wissenschaft begleitet und unterstützt diesen Prozess gerne.“

    Höchste Zeit, besser zu kommunizieren: Grüne und SPD beantragen Kommunikationskonzept für den Auwald

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