Ganz langsam setzt sich auch in Leipzig die Erkenntnis durch, dass die Stadt sich ändern muss und die Baumuster des 20. Jahrhunderts nicht mehr genügen, wenn man auch in Zeiten des Klimawandels Aufenthaltsqualität sichern möchte. Heißt konkret: dass Menschen sich zum Beispiel noch gern in der Leipziger Innenstadt aufhalten sollen. Aber schon bei der Diskussion um die Petersstraße wurde klar, dass Leipzigs Planer noch nicht so weit sind.

Dass irgendwie der Lieferverkehr zu den Geschäften kommen muss, haben sie verinnerlicht. Aber dass es auch Sitzgelegenheiten für Menschen braucht, die sich mal verschnaufen müssen, mehr Schatten und damit auch deutlich mehr Grün in den zugepflasterten Fußgängerzonen, das ist ganz und gar nicht selbstverständlich. Und so vermissten es die Grünen auch in der Vorlage zur Sanierung der Petersstraße.

Und der SPD-Fraktion im Stadttat fehlten aus guten Gründen die dringend notwendigen Sitzbänke im neu zu bauenden Straßenabschnitt.

Aber hinter diesen Mängeln stecken natürlich auch planerische Rahmensetzungen, die zum letzten Mal in den 1990er Jahren aktualisiert wurden. Die aber inzwischen längst nicht mehr den Bedürfnissen und Bedingungen der Gegenwart genügen. Weshalb die Grünen-Ratsfraktion jetzt auch ein neues Gestaltungskonzept für die Innenstadt fordert. Dabei sollen Klimawandel-Anpassung, Aufenthaltsqualität und die Mobilitätswende stärker in den Blick kommen. Das derzeitige Konzept stammt tatsächlich aus dem Jahre 1997.

Die City muss grüner werden

„Nach 25 Jahren ist ein neues Gestaltungskonzept für den öffentlichen Raum der Innenstadt überfällig. Bei allen Erfolgen in der Sanierung der Innenstadt sind die Defizite unübersehbar: zu wenig Sitzgelegenheiten, fehlendes Grün und Wasser, unzureichende Fahrradstellplätze“, erklärt Dr. Tobias Peter, Fraktionsvorsitzender der Grünen und Sprecher für Stadtentwicklung.

„Um Klimawandel-Anpassung, Aufenthaltsqualität und Fuß- und Radmobilität zu stärken, braucht es neue Ideen für das Herz unserer Stadt. Pflanzkübel und -gruppen, Hochbeete, Spalier- und Fassadengrün, Wanderbäume, Sonnensegel oder Nebelduschen können überzeugende Gestaltungslösungen sein.“

Dahinter steckt auch das Problem, dass wichtige Anker des Innenstadthandels verschwunden sind. Die Corona-Jahre haben diese Veränderung noch beschleunigt. Man kommt also nicht mehr so häufig zum Shoppen in die City, dafür umso häufiger, um sich hier einen richtig schönen Tag zu machen.

„Wir brauchen eine vollständige Überarbeitung der Gestaltungsvorgaben. Unsere Innenstadt steht vor einem Wandel in ihrer Funktion. Handel als bestimmender Anlass, in die Stadt zu kommen, rückt vermehrt in den Hintergrund, Aufenthaltsqualität und kulturelle Nutzung werden wichtiger. Im vergangenen Jahrzehnt entstanden neue Fußgängerbereiche, die oberirdischen Parknischen wurden reduziert, wir erleben die zweite Sanierung unserer Innenstadt.

Die Diskussionen in verschiedenen Formaten zu Innenstadt und Innenstadtring machen deutlich: Auch die Gestaltungsvorgaben müssen angepasst werden. In der Diskussion um die Pflastersanierung der Petersstraße, die sich am Gestaltungskonzept orientiert, hat beispielhaft gezeigt, dass es dringend zeitgemäße Lösungen für die Innenstadt braucht“, erklärt Katharina Krefft, Fraktionsvorsitzende und Stadträtin für Leipzig Mitte. „Schon bei der Sanierung des Abschnittes vor der Musikschule wurde es versäumt, hier eine Platzsituation zu schaffen, obwohl diese funktional gelebt wird.“

Der Antrag der Grünen-Fraktion „Gestaltungskonzept für den öffentlichen Raum in der Innenstadt neu fassen“.

Passagen neu denken

Und dass dabei so wenig auf schattiges Grün geachtet wird, findet Krefft zumindest völlig aus der Zeit gefallen.

„Die Nachverdichtung unserer Innenstadt schreit geradezu nach Ausgleich von Naturverlust vor Ort. Zudem müssen die Gestaltungsvorgaben dringlichst und konsequent auf Klimawandel-Anpassung ausgerichtet werden. Das betrifft sowohl die verwendeten Materialien als auch Elemente wie Loggien, kühlende Fassaden und Fotovoltaikanlagen auf Dächern oder an Fassaden“, geht Krefft auf die notwendigen Folgen beim Bauen in der City ein.

„Dabei muss auch die bisherige Orientierung auf historische Straßenquerschnitte hinterfragt werden. Im Hinblick auf den zunehmenden Leerstand müssen wir dringend die Tradition der Leipziger Passagen stärken und die Lebendigkeit der Straßen- und Platzräume deutlicher herausarbeiten. Und nicht zuletzt der Artenschutz erfordert mehr Grünnischen, Hecken und Fassadengrün.“

Und das Thema endet ja nicht am völlig missglückten Ausgang der Petersstraße. Der Übergang zum Wilhelm-Leuschner-Platz ist eine architektonische Blindstelle. Genauso wie das, was jetzt alles östlich vom Wilhelm-Leuschner-Platz gebaut werden soll – und zwar immer unter der Klammer „Erweiterte Innenstadt“. Die natürlich nicht als erweitert erlebt wird, wenn der mehrspurige Ring am Roßplatz weiterhin wie eine Barriere wirkt und die Übergänge von der Lennéanlage ins Gebiet des Wilhelm-Leuschner-Platzes umständlich und unattraktiv sind.

„Mit Planung des Leuschner-Platzes wächst die Innenstadt über den Ring hinaus“, betont deshalb Tobias Peter. „Statt wie bisher zu trennen, wird der Ring künftig die Innenstadtbereiche zu beiden Seiten verbinden. Deshalb soll mit der Neufassung auch die Erweiterte Innenstadt in den Blick genommen werden. Um schnell in die Umsetzung zu kommen, beantragen wir, das neue Gestaltungskonzept zusammen mit einem ab 2025 haushalterisch untersetzten Maßnahmenprogramm zu unterlegen“, so Dr. Tobias Peter abschließend.

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