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Aktivisten „rauben“ Leipzig den Marktplatz: Spontandemo gegen globalen Landraub und Bodenspekulanten

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    Viele Leipziger blickten am Donnerstag irritiert auf den mit rotem Absperrband blockierten Marktplatz vor dem Alten Rathaus. Eine Gruppe von Demonstranten hatte den historischen Platz für sich in Anspruch genommen. Die jungen Aktivisten wollten auf das neuzeitliche Phänomen des spekulativen Landraubs aufmerksam machen.

    Hintergrund ist, dass die Regierungen armer Länder zunehmend Agrarland an andere Staaten oder Privatunternehmen verpachten und damit die eigene Bevölkerung in die Armut stürzen. Die Konzerne bauen dort dann Lebensmittel für den eigenen Bedarf oder Pflanzen für Agrotreibstoffe an, während die betroffenen Bauern ihre Lebensgrundlage verlieren. Trotzdem sperren sich Organisationen, wie die Weltbank, gegen eine wirksame Regulierung solcher Geschäfte, weil angeblich alle davon profitieren.

    Die weltweite Nachfrage nach Boden steigt kontinuierlich, wie man am Beispiel Sachsens eindrucksvoll sehen kann. Denn obwohl landwirtschaftlicher Grundbesitz in Sachsen erneut teurer geworden ist, steigt die Nachfrage. Gute Böden um Leipzig kosten knapp 11.000 Euro je Hektar. Deshalb kaufen auch immer mehr Investoren Land in Schwellen- und Entwicklungsländern. Kein Wunder, denn laut einer Veröffentlichung des Statistischen Landesamtes in Kamenz kostete ein Hektar 2010 im Freistaat durchschnittlich 6.715 Euro, das waren fast 30 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Tendenz steigend.
    Alles in allem wechselten bei 1.702 Verkäufen 6.936 Hektar für 46,6 Millionen Euro den Besitzer. Gegenüber 2009 waren das rund 2.150 ha mehr; die Kaufsumme verdoppelte sich nahezu. Rund 41 Prozent der Geschäfte fanden zwischen Privatpersonen statt. Die Bodengüte lag mit durchschnittlich 47,9 Bodenpunkten weiter im Mittelfeld. Also wenden Spekulanten sich billigeren Regionen zu. In Ländern des Südens sind der Verkauf und die Verpachtung von Agrarland an Staaten, private Investoren oder globale Unternehmen auf dem Vormarsch. Das sogenannte Land Grabbing, also Landraub, hat bereits gewaltige Dimensionen angenommen.

    So beziffert die Weltbank die seit 2006 verhandelten oder bereits verkauften und verpachteten Ackerflächen auf rund 50 Millionen Hektar, zwölf Mal die Gesamtfläche der Schweiz. Die Organisation Grain, die als erste diese Form der Landnahme systematisch dokumentiert hat, geht von noch viel größeren Flächen aus. Ursachen für den Wettlauf um Land sind die Explosion der Nahrungsmittelpreise im Jahr 2008, die Finanzkrise, die als Folge des Klimawandels erwartete Nahrungsmittelknappheit sowie die steigende Nachfrage nach Agrotreibstoffen. Die haben Agrarland zu einem interessanten Investitions- und Spekulationsobjekt gemacht.
    Obwohl Land Grabbing in vielen Fällen im Rahmen der Legalität stattfindet, meist über Verträge zwischen Investoren und Regierungen, sind die Konsequenzen oft mit Menschenrechtsverletzungen verbunden. Einheimische Bauern werden vertrieben, sie verlieren ihren Boden und damit die Möglichkeit, sich und ihre Region zu versorgen. Und das passiert auch noch in Ländern, in denen viele Menschen bereits an Hunger leiden. So wurden in Äthiopien drei Millionen Hektar Land für die Verpachtung an ausländische Investoren freigegeben, während landesweit mehr als 6,2 Millionen Menschen hungern.

    Hinzu kommt, dass die neuen Besitzer meist auf den Einsatz von Pestiziden, Dünger und Gen-Saatgut setzen. Das vergiftet Böden und Gewässer und bedroht die Bevölkerung und die Umwelt zusätzlich. Trotzdem gehen viele Regierungen aus Profitgier oder falschen Entwicklungsvorstellungen bereitwillig auf die Deals ein. In Leipzig allerdings wollte niemand auf den Deal eingehen. Der Marktplatz vor dem Alten Rathaus ist ohnehin versiegelt und der Untergrund bekanntermaßen auch schon voll erschlossen. Die Aktivisten, die ihre Namen nicht nennen wollten, zogen sich denn auch zurück. Ohne Landnahme und ohne Profit, aber mit der Hoffnung auf ein neues, auf die Menschheit zukommendes Problem aufmerksam gemacht zu haben.

    www.gemeinsam-fuer-afrika.de

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