Leipzig kennt – wie viele andere deutsche Städte – das düstere Kapitel der Hexenverfolgung. Seit Donnerstag, 12. November, erinnert das Kulturamt der Stadt mit einer Gedenktafel an die Opfer, die bis 1730 wegen Zauberei und Hexerei verurteilt wurden. Die Tafel am Alten Rathaus, marktseitig am Durchgang zum Naschmarkt angebracht, hängt dabei absichtlich an einem prominenten Ort, der die Erinnerung mitten in die Stadtgesellschaft trägt.

Begonnen haben Hexenverfolgungen in Mitteldeutschland schon im 15. Jahrhundert. In der Stadt Leipzig wurden in der Zeit von 1479 bis 1730 nach aktuellem Wissensstand 35 Prozesse zu Hexerei durchgeführt. Von den 250 Verurteilten fanden 72 den Tod. Die Gründe der Hexenverfolgung waren vielfältig: Einerseits herrschte tatsächlich ein Glaube an gotteslästerliche Zauberei. Andererseits nutzte man den Vorwurf, um sich unliebsamer Menschen zu entledigen oder sie zu disziplinieren. Beteiligt an der Verfolgung waren kirchliche und weltliche Kräfte. Es traf jüngere und ältere, reichere und ärmere Menschen; Frauen, Männer und Kinder.

Aber: 80 Prozent der Opfer waren Frauen – und die Folgen der Hexenverfolgung reichen bis in die Gegenwart. Das Bild der Frau nach Beendigung der Hexenverfolgung war ein anderes als zuvor; ihre gesellschaftlichen, familiären, reproduktiven und beruflichen Rechte waren weitestgehend eingeschränkt bis gänzlich verloren gegangen.

Die Initiative zum Gedenkort geht auf einen Antrag des Beirates für Gleichstellung zurück. Engagiert hat sich der „Arbeitskreis zur Aufarbeitung der Hexenverfolgung in Leipzig/Sachsen“ des Themas angenommen: von der Aufarbeitung der historischen Fakten, deren Publikation über die Webseite www.hexenprozesse-leipzig.de bis hin zur Initiierung der Gedenktafel. Auch konnte der Arbeitskreis Spenden für die Gedenktafel sammeln, mit denen die Finanzierung durch die Stadt Leipzig unterstützt wird. Die Gestaltung der Tafel hat die Leipziger Künstlerin Constanze Zorn übernommen.

Der Text der Gedenktafel:

Hexenverfolgung in Leipzig

Im Alten Rathaus hatten das Stadtgericht und der für ganz Kursachsen tätige Schöffenstuhl ihren Sitz. Beide Gerichte fällten auch Urteile zu Zauberei und Hexerei. Von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Jahr 1730 wurden mindestens 250 Frauen, Männer und Kinder verurteilt – davon 72 zum Tod. Das damit verbundene Leid mahnt heute zu Toleranz, Gerechtigkeit und Wahrung der Menschenwürde.

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Die Geschichte der Aufarbeitung der Leipziger Hexenverfolgungen

Am 13. November 2015 veranstaltete das Soziokulturelle Zentrum Frauenkultur Leipzig einen „Fachtag zur Hexenverfolgung in Sachsen: Als Hexe verfolgt und ermordet…“ In der Einladung zu diesem Fachtag hieß es u.a.: „Zur Geschichte Leipzigs und Sachsens gehört auch das Unrecht jahrhundertelanger Hexenverfolgung. Dazu gibt es bis heute kaum öffentliche Reflektionen. Aber die öffentliche Auseinandersetzung über das Benennen von nachweisbarem Unrecht trägt immer auch die Option in sich, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen und eine Form der Rehabilitation von unschuldig ermordeten Frauen, Männern und Kindern zu finden, selbst wenn diese viele hundert Jahre später stattfindet. Dieser Fachtag bietet Möglichkeiten der Diskussion und der Verständigung zu einem noch viel zu wenig aufgearbeiteten Thema… auch in regionalen Bezügen.“

Im Anschluss an diesen Fachtag gründete sich der „Arbeitskreis zur Aufarbeitung der Hexenverfolgung in Mittelalter und Früher Neuzeit | Leipzig und Sachsen“. In den monatlichen Treffen wurde u.a. eine gleichnamige Ausstellung erarbeitet. Diese war Teil des Programms zu „Reformation 2017–Kirchentage auf dem Weg“ und konnte in erweiterter Form im März 2020 in der Volkshochschule Leipzig eröffnet werden.

Der Arbeitskreis arbeitet generations- und fachbereichsübergreifend. Interessierte Menschen sind immer willkommen.

2018 stellte der Arbeitskreis im Beirat für Gleichstellung der Stadt Leipzig einen Antrag, um „einen Ort des Gedenkens im öffentlichen Raum zu schaffen.“ Dem stimmte der Beirat für Gleichstellung im September 2018 einstimmig zu und brachte diesen Antrag in den Leipziger Stadtrat ein.

In über 50 Städten Deutschlands haben sich gewählte Kommunalvertretungen entschieden, die Opfer von Hexerei-Prozessen zu rehabilitieren u. a. in Köln, Lutherstadt Wittenberg und Dortmund. Ebenso gibt es Stellungnahmen der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) – u. a. 2016 durch Dr. Heinrich Bedford-Strohm. Auch Papst Franziskus benannte im April 2016 erstmals dieses jahrhundertelang begangene Unrecht.

Am 13. März 2019 kam der Antrag „Opfer der Hexenverfolgung gedenken“ im Leipziger Stadtrat mit folgendem Wortlaut zur Abstimmung: „Die Stadt Leipzig setzt mit einer Gedenktafel für die Opfer der Hexenverfolgung ein Zeichen gegen menschenverachtende Gewalt. Als Ort des Gedenkens wird das Gebäude des Alten Rathauses oder dessen Umfeld geprüft.“ Das Abstimmungsergebnis: mehrheitlich angenommen bei vier Gegenstimmen und keiner Enthaltung.

Fünf Jahre nach dem ersten Fachtag wurde am 12. November am Alten Rathaus die Gedenktafel eingeweiht.

„Dies wurde möglich durch die Arbeit vieler engagierter Einzelner, durch die Arbeit des AK Aufarbeitung Hexenverfolgung – in Abstimmung mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig und durch die freundliche Unterstützung des Kulturamtes der Stadt Leipzig. Bei allen möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken!“, sagt stellvertretend für den „Arbeitskreis zur Aufarbeitung der Hexenverfolgung in Mittelalter und Früher Neuzeit | Leipzig und Sachsen“ Christine Rietzke.

Der Stadtrat tagt: Gedenktafel für Opfer der Hexenverfolgung beschlossen

Der Stadtrat tagt: Gedenktafel für Opfer der Hexenverfolgung beschlossen

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