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Ab dem heutigen Donnerstag, dem 8. Oktober, treffen sich in Leipzig drei Tage lang Menschenrechtsverteidiger/-innen, Journalist/-innen und Aktive aus der Zivilgesellschaft. Der Internationale Runde Tisch der Revolutionale läuft vom 8. bis 10. Oktober. Laut Veranstalter nehmen über 70 Vertreter/-innen teil. Öffentlich sind nur der Auftakt am 8. Oktober um 19 Uhr und der Abschluss am 10. Oktober um 20.30 Uhr, beide im Beyerhaus. Der Eintritt ist frei. Marie Schwarz leitet das Projekt der Stiftung Friedliche Revolution in diesem Jahr zum ersten Mal.
Stell dir vor, du erklärst jemandem, der noch nie von der Revolutionale gehört hat, in zwei Sätzen, was sie ist. Was sagst du?
Die Revolutionale ist ein Projekt für Menschen, die unter ganz unterschiedlichen Bedingungen und Voraussetzungen für Demokratie streiten, sich für sie einsetzen und sie gestalten.
Revolutionale, Internationaler Runder Tisch, Stiftung Friedliche Revolution: Wie hängt das zusammen? Was ist Festival, was Konferenz, was Dauerprojekt?
Die Revolutionale ist ein Projekt der Stiftung Friedliche Revolution, traditionell rund um den 9. Oktober, in Erinnerung an die Demonstrationen 1989 und an das, was Zivilgesellschaft und demokratische Bewegung damals erreicht haben. Sie besteht aus dem Festival und dem Internationalen Runden Tisch, die sich alle zwei Jahre abwechseln. Das Festival ist komplett öffentlich.
Beim Runden Tisch bringen wir Menschenrechtsverteidiger/-innen, Zivilgesellschaft und Journalist/-innen in Leipzig zusammen und geben ihnen einen geschützten Raum. Dort können sie über Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Herausforderungen diskutieren und sich vernetzen. Das meiste ist nicht öffentlich, das ist manchmal schade. Mit der Eröffnung und dem öffentlichen Abschluss gibt es aber die Möglichkeit, dass die Stadtgesellschaft mit den Themen in Berührung kommt und mit den Teilnehmenden ins Gespräch kommt.
Über 70 Menschen aus Deutschland, Belarus, der Ukraine, Armenien, Georgien und weiteren Ländern kommen zusammen. Was bekommen sie von diesem Treffen, was sie sonst nirgends bekommen?
Der Austausch ist sehr überregional. Wir haben traditionell den Schwerpunkt auf Ost- und Ostmitteleuropa, aber dieses Jahr nehmen Teilnehmende aus 17 Ländern teil, zum Beispiel aus Venezuela, die schon zum dritten Mal dabei sind.
Dazu kommt dieser geschützte Raum. Wir fragen vorher ab, welche Themen sie beschäftigen, und sagen dann: Ihr habt jetzt diesen Raum, ihr könnt euch in einem organisierten, geschützten Rahmen austauschen und ins Gespräch kommen. Das macht der Internationale Runde Tisch, und das gibt es nicht überall.
Was bedeutet „geschützter Raum“ konkret für die Menschen, die du eingeladen hast?
Es ist nicht öffentlich, und ihre Namen kommen nicht an die Öffentlichkeit. Bei Konferenzen steht das Programm sonst im Internet, für alle zugänglich. Hier legen wir Wert darauf, dass Menschen auch unter schwierigen Bedingungen ihre Stimme einbringen und offen über ihre Perspektiven sprechen können.
Meint: Die Teilnehmenden treffen sich hinter verschlossenen Türen?
Die Teilnehmenden sitzen nicht nur im Beyerhaus am Runden Tisch. Am 10. Oktober gehen sie auf Exkursionen: nach Torgau, zu einem Rundgang mit der Gedenkstätte für Zwangsarbeit, ins Stasi-Unterlagenarchiv. Wir wollen schauen, welche Erinnerungsorte es in Leipzig gibt.
Am 8. Oktober sprechen Felix Ekardt und Mascha Schädlich über Umweltaktivismus. Was soll das Publikum danach anders sehen?
Ich glaube, dass das Publikum danach sieht, dass Demokratie Praxis ist. Sie findet nicht immer im Großen statt, gerade Umweltengagement passiert oft im Kleinen. Ob 1989 oder heute bei Fridays for Future: Dieses Engagement hat sehr viel bewegt, und zwar in ganz banalen Dingen. Wir wollen sauberere Flüsse, weniger CO₂ und eine grünere Stadt mit mehr Bäumen. Daraus kann einfach ganz viel erwachsen.
Zum Abschluss fragt ihr: „Wem hören wir zu?“ Welche Stimmen fehlen aus deiner Sicht noch in der Erinnerungskultur, und wie wollt ihr ihnen Raum geben?
Vor allem von marginalisierten Gruppen fehlt oft noch die Stimme. Wir hören ganz oft etablierten, meistens weißen Männern zu. Gerade in der europäischen Geschichtsschreibung hören wir vielen Gruppen nicht zu, und viele Erinnerungen fallen hinten runter, weil sie nicht so gut dokumentiert sind. Diese Pluralität von Geschichte zu thematisieren, das ist unser Anspruch.
Das Kolegium Europy Wschodniej aus Wrocław und die Künstlerin Zlata Zhuravlova gestalten den Abschluss. Was bringen sie mit, das in Leipzig sonst fehlt?
Das Kolegium, auf Englisch College of Eastern Europe, bringt eine sehr starke polnische, aber auch ostmitteleuropäische Sicht mit. Die wird in Deutschland kaum gehört, obwohl Polen und Tschechien so nah an Sachsen liegen. Auch bei der gemeinsamen Geschichte, gerade in den Achtzigern, sieht man das oft nicht. Ohne die Solidarność hätte es 1989 nicht gegeben.
Dieser Austausch untereinander wäre heute wieder genauso wichtig, und es wird oft vergessen, dass es ihn schon einmal gab. Die Künstlerin Zlata Zhuravlova setzt sich mit der Situation in der Ukraine auseinander, mit der Frage, was es heißt, im Krieg zu leben. Das ist nichts Abstraktes, es beeinflusst das ganze Leben der Menschen. Das macht es sehr berührend.
Woran merkst du in einem Jahr, dass der Runde Tisch etwas bewirkt hat?
Wenn Menschen in Kontakt bleiben, wenn sie wiederkommen möchten und von anderen Teilnehmenden etwas mitnehmen. Das habe ich vorher so noch gar nicht gesehen: Sie arbeiten unter ganz unterschiedlichen Bedingungen, die oft gar nicht vergleichbar sind.
Und trotzdem gibt es diesen Moment: „Guck mal, uns geht es ähnlich. Wie machst du das?“ Das gibt eine große Kraft, das Gefühl, nicht allein zu sein.
Wenn du dir ohne Rücksicht auf Förderung oder Struktur etwas wünschen dürftest: Wie sähe die Revolutionale in fünf Jahren aus?
Größer, glaube ich, und noch internationaler. Wir sollten allen Teilnehmenden unabhängig vom Anreiseort sagen können: Wir zahlen euch die Reisekosten. Das würde ich mir wünschen, denn oft scheitert Teilhabe an den finanziellen Mitteln.
Wie würdest du jemandem, der noch zögert, den Auftakt am 8. Oktober schmackhaft machen?
Es gibt nicht nur eine Paneldiskussion, sondern auch eine Performance belarusischer Künstler/-innen. Sie setzen sich damit auseinander, was Tschernobyl mit uns macht und wie präsent es noch ist. Diese Kombination aus Gespräch und Performance ist ein Grund, hinzugehen. Man kann außerdem ein bisschen in die Themen hineinschnuppern, auch wenn man bei den Runden Tischen nicht dabei ist.
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