Studieren in Sachsen: Regierung will die Falschen bestrafen – nur 30 Prozent schaffen die Regelstudienzeit

Zwei neue Statistiken zum Hochschulstudium in Sachsen gab es in den letzten Tagen. Die eine am 11. Juni: "Absolventenquote an sächsischen Hochschulen erstmals über 30 Prozent". Darüber freute sich Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer sehr. Wäre sie eine kluge Ministerin, hätte sie am Tag der Meldung ihr Kürzungsprogramm fürs Hochschulpersonal in Sachsen sofort gestoppt.
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Denn dass man die Professorenstellen nicht zusammenstreichen kann, wenn die Studierendenzahlen steigen, weiß sie eigentlich. Im Jahr 2011 erhielten im Freistaat insgesamt 12.056 Schulabsolventen die allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife. Das waren zwar 1.201 Studienberechtigte bzw. 9 Prozent weniger als im Vorjahr. Aber: „Auch diese Zahl ist – im Gesamtzusammenhang des Geschehens an sächsischen Hochschulen – durchaus beachtenswert: Obwohl es mit etwa 12.000 Schulabsolventen mit Hoch- bzw. Fachschulreife, insbesondere auf Grund des Geburteneinbruchs zum Beginn der 1990er Jahre, einen neuen Tiefstand gab, konnte mit 21.478 Studienanfängern die höchste Zahl an Zugängen zum sächsischen Hochschulsystem seit 1990 überhaupt verzeichnet werden. Darin drückt sich die starke Attraktivität der sächsischen Hochschulausbildung auch für nichtsächsische Bewerber aus – und ich sehe einen weiteren, starken Hinweis auf die hohe Qualität dieser Ausbildung“, so Sabine von Schorlemer.

Egal welche Zahlen zu Studienbeginnern man in Sachsen nimmt: Die Zahlen steigen. Die Prognosen von 2005, die auch die Kultusministerkonferenz im Januar deutlich korrigiert hat, sind überholt. Und das hat nur wenig mit demografischen Entwicklungen zu tun. Im Gegenteil: Ohne die geburtenschwachen Jahrgänge hätte die Wissenschaftsministerin erst recht ein Problem.

Denn in allen OECD-Staaten steigt das Bildungsniveau, erlangen immer mehr junge Menschen die Hochschulreife. Sie verbessert nicht nur ihre Berufschancen – die moderne Wirtschaft verlangt geradezu nach immer höheren Qualifikationen. Und dazu kommt: Der Bildungsfaktor ist mittlerweile der wichtigste Wettbewerbsfaktor. Er bestimmt die Innovationsfähigkeit von Nationen und Regionen. Auch die von Sachsen. Und während die Staatsregierung versucht, die Quote der Bildungsempfehlungen fürs Gymnasium zu drosseln, kommt der Druck längst aus den Elternhäusern selbst: Die Eltern wissen, dass ihr Kind mit höheren Abschlüssen mehr Chancen im Leben hat.

Ganz offiziell hat die Wissenschaftsministerin am 11. Juni akzeptieren müssen, dass die Staatsregierung die Entwicklung nicht aufhalten kann. Der Anteil der Hochschulabsolventen eines Erststudiums an der altersspezifischen Bevölkerung in Sachsen ist in letzten zehn Jahren in Sachsen kontinuierlich gestiegen und hat im Jahr 2010 mit 30,8 Prozent einen neuen Höchststand erreicht. Im Jahr 2000 lag er noch bei 16,2 Prozent. Jede andere Landesregierung würde über so eine Entwicklung jubeln. Das ist der innovative Nachwuchs, den ein Land wie Sachsen dringend braucht.

Zu einem hat das sächsische Bremsen immerhin geführt: Die Studienberechtigtenquote liegt mit aktuell rund 38 Prozent noch um einige Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. Aber Sachsen lebt ja vom Zuzug studierwilliger junger Leute und deshalb erlangten an sächsischen Hochschulen mehr Studierende einen Abschluss als dies im Schnitt in der Bundesrepublik Deutschland der Fall ist.Und da gehört jetzt die zweite Meldung hin, die das Statistische Landesamt am 19. Juni publizierte: „22.000 erfolgreiche Hochschulabsolventen 2011 in Sachsen“.

Insgesamt 21.995 bestandene Abschlussprüfungen konnten die sächsischen Hochschulen 2011 melden, teilt das Amt mit. Das waren 2.167 (11 Prozent) mehr als noch ein Jahr zuvor. Zu den 11.647 Universitären Abschlüssen, 6.436 Fachhochschul- bzw. Verwaltungsfachhochschulabschlüssen, 1.888 Lehramtsprüfungen und 498 künstlerischen Abschlüssen zählten darunter auch die 9.077 internationalen Abschlüsse Bachelor (7.311) und Master (1.766). Aber der Teufel steckt im Detail.

Denn mit dem aktuell diskutierten „Hochschulfreiheitsgesetz“ versucht die Landesregierung ja gerade, Gebühren für jene Studierenden einzuführen, die das Studium nicht in der Regelzeit absolvieren. Eigentlich eine Frechheit. Denn Sachsens Hochschulen sind schon jetzt personell so knapp aufgestellt, dass nur eine Minderheit das Studium in der vorgesehenen Zeit bewältigt. Eben jene 30,8 Prozent. Die Gründe sind unterschiedlich – mal fehlt die fachliche Betreuung, mal sind Angebote völlig überlaufen, mal kommen die Dozenten mit Prüfungen und Bewertungen nicht hinterher…

Das Statistische Landessamt formuliert es noch positiv: „Über ein Drittel der Absolventen beendeten ihr Studium innerhalb der Regelstudienzeit. Die Hälfte der bestandenen Abschlussprüfungen erfolgte bis 4 Fachsemester später als vorgeschrieben.“

Am ehesten schafften noch Absolventen von Bachelor- und Masterstudiengängen den Durchlauf in der geplanten Zeit. Mediziner, die schon von der Struktur her einen längeren Studienablauf haben, schafften mit 63,8 Prozent den Abschluss innerhalb dieser Zeit. Noch besser gelang das nur den Veterinärmedizinern mit 86,5 Prozent. Die größten Probleme, den Abschluss in der vorgegeben Regelzeit zu schaffen, hatten auch 2011 die Studierenden der Ingenieurwissenschaften.

Ergebnis, so das Statistische Landesamt: „Das Durchschnittsalter der 17.436 Absolventen eines Erststudiums betrug 26,2 Jahre. Im Durchschnitt 31,1 Jahre waren die Absolventen eines weiteren Studiums, wozu auch alle Masterabsolventen zählen.“

Das passt alles nicht mit der Absicht der Staatsregierung zusammen, jetzt Langzeitstudiengebühren einführen zu wollen.

Zuerst muss das Land selbst seine Hausaufgaben machen und seine Hochschulen mit dem wirklich benötigten Lehrpersonal ausstatten. Dazu muss auch die zuständige Ministerin die realen Studierendenzahlen akzeptieren. Denn auch das zeigt die Statistik deutlich: Die Leidtragenden der realitätsfremden Bildungspolitik in Sachsen sind die Studierenden. Sie verplempern Lern- und Lebenszeit in einem System, das an entscheidenden Stellen völlig unterfinanziert ist, starten zwei Jahre später als notwendig in ihren Beruf.

Und jetzt die rein wirtschaftliche Kritik: Das sind alles dringend benötigte Fachkräfte, die der sächsischen Wirtschaft jetzt schon fehlen.


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