Kommunale Bürgerumfrage 2011 (3): Paare als Auto-Lobby und zu Fuß Einkaufen als Stadterlebnis

In den ländlichen Regionen ist es der Dorfladen, der die Nahversorgung sichern soll, wenn die Supermärkte schließen oder die Drogerie-Filialen pleite sind. Aber was ist mit Leipzig und seiner stolzen Center-Kultur? Hängt hier der Erfolg der Händler nicht auch an Kaufkraft, Wohnortnähe und verkehrlicher Anbindung?
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„Welchen Nutzen haben altenfreundliche Wohnungen, wenn die wohnortnahe, zu Fuß erreichbare Nahversorgung nicht mehr gegeben ist? Entfernungen von mehr als 300 m zum nächstliegenden Nahversorgungszentrum sind leider Standard in mehreren Stadtteilen von Leipzig geworden“, stellt Carola Lange, Stadträtin der Linken fest. Die Linke konstatiert zunehmende Probleme im Stadtbezirk Paunsdorf. 300 Meter – das fällt noch locker unter die 12 Minuten, die die „Bürgerumfrage 2011“ als Wohnortnähe definiert – zumindest für die jüngeren Leipziger.

Für die älteren ist das schon eine happige Strecke. Erst recht, wenn sie am Ende doch wieder durch lange Regalreihen müssen und dann in der Schlange stehen. Die Linke plädiert nun für einen Einkaufsmarkt auf dem Grundstück Wiesenstraße 22. Aber der Appell ist das eine – der Umsatz das andere. Denn die Discounter blühen in Leipzig ja nicht, weil sie so schön sind, sondern weil sie das Preisniveau diktieren. Und wenn sie mit ihren „Kampfangeboten“ die Mehrzahl der Kunden binden, rechnet sich auch der schönste Nahversorger nicht, der sich in der Nähe ansiedelt.

Dabei kaufen die meisten Leipziger die Waren des täglichen Bedarfs wirklich ganz in der Nähe – in jenem 12-Minuten-Umkreis. 88 Prozent der Leipziger tun das, junge wie alte. Mindestens ein Mal pro Woche. Das keineswegs Verblüffende: Dieser Wert nimmt ab, je mehr die Personen an Einkommen haben. Und parallel steigt mit dem Einkommen der Hang, mit dem Auto in andere Stadtgebiete oder gar auf die „grüne Wiese“ zu fahren, um einzukaufen. Auch die Waren des täglichen Bedarfs. Das amerikanische Lebensmodell ist eines der Besserverdiener. Und der Pensionäre: Sie fahren noch ein wenig häufiger als Erwerbstätige ins abgelegene Einkaufs-Center, um sich Brot und Milch und Sardinen zu kaufen.Auch das Einkaufskapitel im Bericht zur „Bürgerumfrage 2011“ hat eine schöne blaue Karte, die zeigt, wie häufig die Leipziger ihre Nahversorger besuchen – von viel und dunkelblau in der Stadtmitte bis zu blassblau am Stadtrand. Und kleine Tortendiagramme zeigen, wie sie es tun. Keine Überraschung: Je öfter im Wohnumfeld eingekauft wird, umso häufiger wird zu Fuß gegangen oder mit dem Rad gefahren – im Herzen der Stadt in der Regel zwischen 75 bis über 90 Prozent. Je weiter man sich aber aus der Stadtmitte entfernt, umso häufiger kommt das Auto zum Einsatz. In einigen Ortsteilen am Stadtrand sogar gezwungenermaßen. In Althen-Kleinpösna, Baalsdorf und Lützschena-Stahmeln fehlt der Nahversorger schon längst.

Der Rest ist Bequemlichkeit. Was eine weitere blaue Karte zeigt, auf der eingemalt ist, aus welchen Ortsteilen die Leute am häufigsten zu „Einkaufszentren außerhalb Leipzigs“ fahren. Während im Osten Leipzigs bis hin zur Mitte ein blasses Blau dominiert (weniger als 10 %), wird das Stadtgebiet Richtung Westen immer dunkler, bis es Richtung Böhlitz-Ehrenberg, Burghausen, Miltitz richtig dunkel wird – über 30 Prozent der Einwohner fahren hier augenscheinlich in die Konsum-Anlage bei Günthersdorf. Und zwar vorzugsweise mit dem Auto. Den Bus für die Fahrt dahin nutzen eher die Bewohner der Innenstadt.Ein echter Auto-Effekt. Denn 57 Prozent derjenigen, die zum Einkaufen raus in die Center fahren, reden zwar von einer „Vielfalt des Handelsangebotes“. Aber die würden sie auch in der Leipziger City finden.- 30 Prozent aber nennen das Parkplatzangebot – das da draußen kostenlos ist. In der City muss man schon ein Parkhaus nutzen.

Das Auto dominiert hier die Denk- und Handelsweisen. Das Auto dominiert sogar die Partnerwahl. Wer in Gemeinschaft lebt in Leipzig, hat deutlich häufiger ein Auto (mindestens) als Alleinlebende. Und das liegt nicht nur an den Kindern. Dass 81 Prozent der Paare mit Kindern mindestens ein Auto haben, versteht man noch. Das wird sich erst ändern, wenn Kindereinrichtungen tatsächlich alle dort stehen, wo sie gebraucht werden.

Aber auch Paare ohne Kinder verzichten auf das Auto nicht: Hier sind 85 Prozent der Haushalte mit mindestens einem Auto ausgestattet. Und auch der Eintritt in die Rente bewegt diese Haushalte nicht, aufs Mobil zu verzichten: 83 Prozent der Rentnerpaare sind mit mindestens einem Auto ausgestattet – sie schaffen in der Regel eher das Zweitauto ab.

Singles sind in Leipzig nur zu 53 Prozent mit Auto ausgestattet, Alleinerziehende zu 66 Prozent, alleinlebende Rentner zu 36 Prozent. Was aber bekanntlich eher weniger mit Umweltbewusstsein zu tun hat. Irgendwann ist es einfach nicht mehr sicher mit dem Kutschieren. Deswegen haben alleinstehende Rentner wohl auch zu 51 Prozent kein Fahrrad. Die Fahrradzahl im Haushalt nimmt deutlich zu, je jünger die Personen und Familien sind. Besonders rasant natürlich mit der Kinderzahl. 54 Prozent der Paare mit Kindern besitzen mindestens 3 Fahrräder. Und was auffällt: 2011 ist vor allem die Zahl der Fahrräder in den Haushalten gestiegen.

48 Prozent der Leipziger nutzen das Fahrrad mehrmals im Monat, bei Studenten und Schülern sind es sogar 75 Prozent, bei Erwerbstätigen aber auch noch 41 Prozent.

Wobei in der 2011er Umfrage verblüfft, dass der Anteil der Pkw-Nutzung auf dem Weg zur Ausbildung von 27 auf 35 Prozent stieg, gleichzeitig sank der Wegeanteil von Bahn und Bus von 40 auf 32 Prozent. Da grübeln selbst die Statistiker, woran das liegen könnte. Vielleicht ist sogar eine einzige Baustelle dran schuld – die in der Lützner Straße. Aber da das nicht nachgefragt wurde, weiß es keiner.

Was man aber seit der Bürgerumfrage deutlich genauer weiß, ist, dass das Leipziger Radwegenetz ein einziges Flickwerk ist und die Zufriedenheit der Radfahrer mit den angebotenen Wegen in einigen stadtnahen Ortsteilen deutlich unter die 20-Prozent-Marke rauscht. Da hat sich die Stadt viele bunte Federn an den Hut gesteckt – doch unübersehbar fehlt ein zielführendes Handlungskonzept.

Wo es richtig ungemütlich ist für Leipziger Radfahrer, das erzählen wir dann morgen an dieser Stelle.


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