Kassensturz: Sachsens Wirtschaft bekommt dauerhaft ein Nachwuchsproblem

Es war absehbar. Seit 1995 brauchten alle nur mitzurechnen. Das war das Jahr, als in Sachsen und Leipzig die Geburtenzahlen im Keller waren. Da setzt eigentlich das Thema "Demografie" an, über das in Sachsen so eierscheckig geschwätzt wird. Da hätten sich beide politische Ebenen - Land und Kommunen - zusammensetzen und anfangen müssen, langfristige Konzepte zu stricken. Haben sie nicht. Haben sie auch 17 Jahre später nicht. Nun kommt der Ausbildungsnachwuchs abhanden.
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55.694 Auszubildende befanden sich am 31. Dezember 2011 in Sachsen in der betrieblichen Ausbildung. Das waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes 7.526 bzw. fast 12 Prozent weniger Auszubildende als 2010. Das hat viele Effekte. Und dem einen kommt der Nachwuchs schneller abhanden als dem anderen. Denn parallel stieg – auch das wusste man – der Anteil der Schüler, die das Abitur anstrebten.

Im größten Ausbildungsbereich Industrie und Handel lernten 62,5 Prozent der Auszubildenden und 24,4 Prozent der Auszubildenden hat sich für einen Beruf im Handwerk entschieden. 4,1 Prozent wurden in der Landwirtschaft und 4,5 Prozent im Ausbildungsbereich der Freien Berufe ausgebildet. Für den Öffentlichen Dienst entschieden sich 3,5 Prozent der Auszubildenden und 1,1 Prozent für den Bereich Hauswirtschaft.

Sind insgesamt von 100 Auszubildenden 38 Frauen, so waren es im Handwerk 25, in der Landwirtschaft 32, in Industrie und Handel 37, im Öffentlichen Dienst 65 und in den Bereichen Hauswirtschaft 91 sowie Freie Berufe 92. Von den weiblichen Auszubildenden lernen mit fast 9 Prozent die meisten den Beruf Kauffrau im Einzelhandel (1.843) und von den männlichen 7 Prozent (2.427) Kraftfahrzeugmechatroniker. Nach wie vor. Auch die alten Rollenbilder wurden – trotz Girls‘ und Boys‘ Day nicht wirklich aufgebrochen. Wie auch? – Es hat über zehn Jahre gebraucht, bis die Botschaft in den Unternehmen angekommen war, dass ihre einzige Zukunftschance Familiengerechtigkeit bedeutet.

Zwischendurch reformierte eine völlig von allen Geistern verlassene Bundesregierung auch noch den Arbeitsmarkt nach dem Schema F von Peter Hartz, baute für viele weniger Qualifizierte die Mauern noch höher, in eine ordentlich dotierte Beschäftigung zu finden. Und selbst das Thema Alleinerziehende wurde ausgesessen, bis die Alarmlampen flackerten. Und – siehe Leipzig – das Thema Kinderbetreuung wurde viel zu spät angepackt. Jetzt irren Hunderte junger Eltern verzweifelt durch eine Stadt, die auf den Zeitenwechsel am (jungen) Arbeitsmarkt nicht vorbereitet ist.Natürlich sitzen die Verantwortlichen dafür nicht nur im Neuen Rathaus. Siehe oben. Doch was soll man über eine Staatsregierung sagen, die sogar einen Volksentscheid aushebelte, um mit der eigenen Landesbank Flipper spielen zu können? – 2,75 Milliarden Euro stehen da, die an wichtigerer Stelle fehlen.

2011 wurden – so rechnet das Statistische Landesamt vor – 20.116 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen, das waren dann 5,3 Prozent (1.131) weniger als 2010. Ein Jahr zuvor betrug dieser Rückgang fast 11 Prozent (2.535). Denn die 16jährigen kamen ja schon 2010 in den Betrieben an. Die 2010 massiv begannen, ihre Rekrutierungs-Initiativen zu verstärken und die besten jungen Leute früher an sich zu binden. 2011 und 2012 dann noch früher. Wie der Ex-Vorsitzende der Handwerkskammer, Joachim Dirschka, zum Schluss gebetsmühlenartig immer wieder sagte: „Der Wind hat sich komplett gedreht. Früher mussten die Bewerber bei uns Schlange stehen, wenn sie eine Ausbildungsstelle haben wollen, jetzt rollen wir den roten Teppich für sie aus.“

Und beim roten Teppich wird es nicht bleiben. Das ist schon einmal sicher. Die Bewerberzahlen werden zwar wieder steigen. Aber nicht wieder auf den Pegel von 2008 oder gar den Jahren davor. Sachsen hat ab jetzt ein dauerhaftes Problem, seinen Fachkräftenachwuchs zu sichern.

Und wo man 2010 schon merkte, dass der „Nachschub“ dünn wird, registrieren die Statistiker für 2011: „Die Zahl der neuen Verträge ging in fast allen Ausbildungsbereichen zurück. Der Ausbildungsbereich der Freien Berufe verzeichnete dagegen 5,3 Prozent bzw. 47 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge mehr als im Vorjahr.

Betrug in Industrie und Handel der Rückgang fast 6 Prozent, so verlief dieser im Handwerk 2011 mit 3 Prozent nicht so drastisch wie in den letzten Jahren (2010 zu 2009 mit 7 Prozent; 2009 zu 2008 mit 18 Prozent). 64,6 Prozent aller Verträge wurden in Industrie und Handel abgeschlossen (2010: 64,9 Prozent) und 23,2 Prozent im Handwerk (2010: 22,6 Prozent).“


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