Ortsteilkatalog 2012 (7): Auf der Suche nach den kreativen Pionieren

Auch wenn es für die Einkommenshöhe im neuen "Ortsteilkatalog 2012" keine eigene Ortsteilkarte gibt, so liegt dem gewichtigen Katalog doch ein handliches Faltblatt bei, das die Ortsteile noch einmal mit ihren Kerndaten auflistet. Auch dem findet man das persönliche (Durchschnitts-)Nettoeinkommen. Und es ist keine Überraschung, wenn 17 von 62 Ortsteilen einen Durchschnitt von unter 1.000 Euro aufweisen.
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Und das sind nicht nur die armen Stadtquartiere. Auch wenn sich die soziale Entmischung in einigen Quartieren auch beim Einkommen zeigt. „In Volkmarsdorf liegt das Durchschnittseinkommen der Einwohner nur bei 760 Euro“, formuliert das Amt für Statistik und Wahlen zum Beispiel. Es ist quasi der Gegenpol zu den 1.406 Euro im Waldstraßenviertel. Ein Wert, der dann logischerweise auch mit anderen Zahlen zum sozialen Gefüge korrespondiert. Etwa der Arbeitslosenquote, die im Waldstraßenviertel bei 3,5 Prozent liegt und in Volkmarsdorf bei 19,5 Prozent.

Das ist übrigens ein Wert, der mit der Zahl aus der Bundesarbeitsagentur nicht vergleichbar ist. Leipzigs Statistiker rechnen hier die Zahl der Arbeitslosen auf die Zahl der Erwerbsfähigen um. Im Ergebnis sind die Arbeitslosenprozente eine Ecke niedriger als in der Statistik der Arbeitsagentur. Volkmarsdorf ist mit dem Wert in Leipzig absoluter Spitzenreiter. Auch weit vor dem oft medial viel auffälligeren Neustadt-Neuschönefeld, das mit einer Arbeitslosenquote von 14,6 Prozent mittlerweile sogar besser da steht als Altlindenau (14,8 Prozent) oder Grünau-Mitte (15,8 Prozent), fast gleichauf mit Grünau-Nord (14,4 Prozent).

Nur zum Vergleich: Der Stadtdurchschnitt liegt bei 8,8 Prozent.

Mit 797 Euro Durchschnittsnettoeinkommen freilich ist Neustadt-Neuschönefeld der zweitärmste Ortsteil in Leipzig. Denn gerade in Grünau wird die höhere Arbeitslosigkeit unter den Erwerbsfähigen noch durch einen hohen Anteil recht gut versorgter Rentner ausgeglichen. Das Durchschnittsalter in Grünau-Mitte lag 2011 bei 49,2 Jahren (und damit 5,4 Jahre überm Stadtdurchschnitt). In Neustadt-Schönefeld lag das Durchschnittsalter dagegen mit 37,2 Jahren um 6 Jahre unterm Stadtdurchschnitt. Das benachbarte Volkmarsdorf kam auf einen Altersdurchschnitt von 39,5 Jahren. Beides deutet natürlich auch auf einen größeren Kinderreichtum hin und auf den für Leipzig allgemein gültigen Fakt, dass Armut zuallererst ein Problem der jüngeren Bevölkerung ist.

Was nichts daran ändert, dass auch immer mehr Neurentner in die Armut rutschen oder schon drin sind. Aber keine andere Stadt in Deutschland wurde in den letzten zehn Jahren derart zum Experimentierfeld der Arbeitsmarkt-Flexibilisierung, der Mini-Jobs und der Niedriglohn-Modelle gemacht wie Leipzig. Nachdem die jüngeren Altersjahrgänge ungefähr bis 2009/2010 immer wieder erleben mussten, dass sie im Anschluss an ihre Ausbildung keinen (bezahlten) Job fanden, landen sie in letzter Zeit immer öfter in Jobs, die zum Ernähren einer Familie nicht ausreichen.
Das wird an zwei Ortsteilen sichtbar, die zwar in der letzten Zeit für junge Leipziger attraktiver wurden, wo das Einkommen aber trotzdem deutlich unterm Leipziger Durchschnitt von 1.066 Euro liegt. In Reudnitz-Thonberg, das auch für Studierende ein interessantes Fleckchen geworden ist, lag 2011 der Altersdurchschnitt bei 38,4 Jahren (rund 5 Jahre unterm Stadtdurchschnitt), das Durchschnittseinkommen bei nur 854 Euro. Ein ähnliches Bild in Lindenau, wo der Altersdurchschnitt bei 35,7 Jahren lag und das Durchschnittseinkommen bei 894 Euro.

Womit Lindenau mittlerweile zu den zwei jüngsten Ortsteilen in Leipzig gehört. Das Amt für Statistik und Wahlen dazu: „Die nach dem Durchschnittsalter der Einwohner jüngsten Ortsteile sind Schleußig (35,2 Jahre) und Lindenau (35,7 Jahre), die ältesten Ortsteile sind Grünau-Ost (55,1 Jahre) und Schönefeld-Ost (54,3 Jahre).“

Der Buchkindergarten, der 2013 eröffnet, entsteht also genau am richtigen Ort. Seit 1999 mausert sich Lindenau – also amtlich das Gebiet zwischen Karl-Heine-Straße und Lützner Straße zu einem neuen Pionierviertel, hat damit Plagwitz als Pionierviertel längst abgelöst. Und Pionierviertel heißt eben nicht „sozial problematisch“, auch wenn die Leute im Durchschnitt armselig wenig Geld in der Tasche haben. Pionierviertel sind kreative Viertel, weil hier besonders jene Leute hinziehen, die die Welt mit Kreativität bereichern oder verändern wollen. Und wie gleichgültig die Stadt Leipzig ihre Kreativen behandelt, darüber haben wir auf diesen Seiten schon oft genug geschrieben.

Lässt sich das Kreative auch aus der Ortsteilstatistik ablesen? Natürlich: Wenn der Anteil der höheren Schulabschlüsse und der Hochschulabschlüsse über den Stadtdurchschnitt hinausschnellt, dann kann man sicher sein, dass hier eine Menge Leute ihren Platz suchen und finden, die eben nicht nur lernen, um in den erstarrten Strukturen von Verwaltungen und Behörden ihr Leben lang an einem Schreibtisch zu sitzen. In Lindenau bedeutet das zum Beispiel einen Anstieg der Bevölkerung mit Abitur in der Tasche von 34 Prozent im Jahr 2008 auf 42 Prozent drei Jahre später. Der Stadtdurchschnitt liegt relativ konstant bei 30 Prozent.

Und während im Stadtgebiet der Anteil der Hochschul- und Universitätsabschlüsse bei 17 Prozent liegt, stieg er in Lindenau von 19 auf 26 Prozent. In Schleußig – das ja seinen „Boom“ bekanntlich schon zehn Jahre früher erlebte – liegt die Hochschulquote übrigens bei 30 Prozent, in Plagwitz übrigens auch bei 26 Prozent.

Mit genau diesen Zahlen müsste man eigentlich operieren, um die Veränderungen in der Stadt sichtbar zu machen. Eine interaktive Karte müsste das sein, die diese Prozesse farblich sichtbar macht. Dann könnte man auch sehen, wie sich die Pioniere im Stadtgebiet bewegen. Und die Karte würde das zeigen, worum Politiker immer nur herumreden, weil es ihnen zu unfasslich ist: Dass es Bildung und Kreativität sind, die einer Stadt neues Potenzial verschaffen, die verlorene Räume wiedergewinnen und jene Grundlagen schaffen, aus der eine Stadt wie Leipzig ihre Stärke und ihren Charakter gewinnt.

Wenn Viertel in Lethargie verfallen, hat das mit genau diesen Faktoren zu tun.

Die Stadt hat ihre Kreativen in den letzten Jahren immer sehr sorglich in den Westen gelenkt. Aber wie bekommt der Verlust des kreativen Milieus eigentlich den Ortsteilen, die das erleben?

Dazu morgen mehr an dieser Stelle.

Der Ortsteilkatalog ist für 25 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) beim Amt für Statistik und Wahlen erhältlich:
Postbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig
Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228

Er ist außerdem im Internet unter „Veröffentlichungen“ einzusehen. Alle Ortsteildaten sind zudem im Leipzig-Informationssystem im Internet zu finden: statistik.leipzig.de.


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