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Leipzigs neuer Quartalsbericht ist da (1): Arm aber glücklich

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    Es ist Dezember, das dritte Quartal schon ein Weilchen vorbei. Aber Zahlen bewegen sich langsam im modernen Deutschland. Aber wenn das Leipziger Amt für Statistik und Wahlen warten würde, bis auch der letzte Buchhalter seine Zahl ins System gegeben hat, gäb's keine Quartalsberichte. Seit Mittwoch, 12. Dezember, liegt die Nr. 3 für 2012 vor. Motto: "Arm aber glücklich."

    Steht so nicht drauf. Auf die flapsige Formel hat Amtsleiterin Ruth Schmidt das Ganze gebracht. Was nur ein bisschen an einen flapsigen Werbespruch der Hauptstadt Berlin erinnert, aber das Wesentliche trifft. Denn im landläufigen Sinne sind viele Leipziger entweder wirklich arm – oder verdienen gerade so viel, dass ihnen nicht das Finanzamt auf die Bude steigt. 25 Prozent waren 2011 „armutsgefährdet“, wie das so schön heißt. Nach bundesdeutschem Maßstab. Wenn man das sächsische oder gar das Leipziger Verdienstniveau zugrunde legt, sind’s weniger. Auch wenn sie dadurch nicht die Bohne reicher sind.

    Denn was all diese Hoch- und Runterrechnungen nie enthalten, sind einerseits die Lebenserhaltungskosten vor Ort und andererseits die Vermögensbestände.

    Aber das ist sogar egal. Denn auch wenn die Mieten in Leipzig noch recht stabil und im Vergleich mit München oder Stuttgart recht bescheiden sind, sind schon die Nebenkosten von Strom bis Fernwärme teurer. 32 Prozent ist Leipziger Fernwärme teurer als in Berlin. „Ähnlich hoch sind die Kosten für Fernwärme nur in Dresden und Magdeburg“, heißt ein Satz ganz vorn im neuen Quartalsbericht unter „Kurzinformationen“. Dafür ist das Trinkwasser etwas billiger und die Grundsteuer B ähnlich hoch wie in Dresden.

    Das „glücklich“ aus Ruth Schmidts Spruch stammt auch aus diesem Kapitel: Die Allianz hat wieder eine ihrer Zuversichtsstudien veröffentlicht und die Leipziger belegen da mit 39 Prozent Zuversicht Platz 2 im Vergleich der deutschen Großstädte. Vor einem Jahr landete Leipzig mit 27 Prozent auf dem drittletzten Platz. Dafür rauschte Berlin von 42 auf 27 Prozent, Köln von 43 auf 28. Was entsprechende Abstürze in der Platzierung mit sich bringt.
    Betitelt hatte die Allianz ihre Studie am 25. September mit „Zuversicht für Deutschlands Zukunft sinkt“. Da stand dann auch etwas genauer, warum die Kölner und Berliner auf einmal den Kopf eingezogen haben: „Am stärksten eingetrübt hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Stimmung hinsichtlich der zukünftigen Wirtschaftslage (minus 13 Prozentpunkte).“ Aber es steht auch drin: „Im persönlichen Leben ist von Krise keine Spur. – Unerschütterlich ist die Zuversicht der Bundesbürger beim Gedanken an die künftige Entwicklung ihres persönlichen Lebens. Fast zwei Drittel (65 Prozent) schauen mit Zuversicht in die eigene Zukunft (plus ein Prozentpunkt) …“

    Dabei kann man es lassen. Denn tatsächlich dürfte so ein Ranking der Großstädte gar nicht entstehen. Das müssten eigentlich auch Statistiker wissen. Für die „Zuversichtsstudie“ wurden 2.678 Personen befragt. Das ergibt bestenfalls Aussagen für das Land, maximal noch Regionen. Schon bei Sachsen verringert sich die Zahl der interviewten Personen auf sage und schreibe 5 Prozent oder 135. Wer die Zahl gar auf Leipzig herunterbricht kommt auf 16 befragte Personen.

    Es ist schade, das an dieser Stelle überhaupt noch erwähnen zu müssen: Dieses Städte-Ranking ist Murks. Es gehört nicht in ein ernst zu nehmendes statistisches Zahlenmaterial. Es hat auch nichts mit den Werten zu tun, die das Amt für Statistik und Wahlen selbst regelmäßig erhebt. Siehe Bürgerumfrage. Da wird Jahr für Jahr die Lebenszufriedenheit der Leipziger abgefragt. Und es gibt die von der Allianz suggerierten Aufschwünge und Abstürze einfach nicht. Schon gar nicht in Zeiten, in denen das Krisenlamento nun seit fünf Jahren dazugehört, die wirtschaftliche Lage sich aber wesentlich langsamer ent- oder verspannt.
    Dabei gab es auch in Leipzig durchaus depressive Phasen. So Mitte der 1990er Jahre, als – nach der fast kompletten De-Industriealisierung Leipzigs – kein Mensch überhaupt wusste, ob die Stadt jemals wieder auf die Füße kommen würde. Die Stimmung hellte sich erst in dem Moment auf, als BMW offiziell verkündete, in Leipzig ein Werk bauen zu wollen. Das ergab dann eine erste Optimismus-Spitze im Jahr 1998 bei 63 Prozent, die danach – trotz aller Märchen um die Euphorie der Olympia-Bewerbung – wieder absackte. Von 1999 bis 2006 herrschte (im Vergleich mit den heutigen Werten) tatsächlich wieder eine Art depressive Stimmung in der Stadt, die Werte lagen zwischen 53 und 58 Prozent). Und so seltsam das manchem Akteur anmuten kann: Mit der Wahl von Burkhard Jung 2006 zum Oberbürgermeister stiegen die Zuversichtswerte deutlich an, lagen 2007 bei 64 Prozent, 2010 beim Rekordwert 73 Prozent. 2011 sackten sie auf 69 Prozent.

    Die Zukunftssichten liegen immer schon deutlich darunter. Seit 2008 werden sie kontinuierlich erhoben. Und irgendwie ähneln die Werte den Kurven, die auch die IHK und die Handwerkskammer alle halbe Jahre mit ihrer Konjunkturbefragung malen: Schon dann, wenn die guten Erwartungen an einen (leichten) Wirtschaftsaufschwung eingetreten sind und alle zu tun haben bis Feierabend, sacken die Erwartungswerte für die Zukunft ab. Man erwartet regelmäßig schon die Ernüchterung nach dem Feuerwerk, den Auftragseinbruch nach dem Konjunkturhoch.

    Ob das nun mit Burkhard Jung zu tun hat oder mit Hartz IV, mit der Bewältigung der ersten Krisenspitze 2008 oder irgendwelchen Bundestags- oder Landtagswahlen, wird am Ende niemand sagen können. In Leipzig ist schon gut möglich, dass der kontinuierliche Abbau von Arbeitslosigkeit für das Aufhellen der Stimmung gesorgt hat. Viele der Betroffenen werden sich gesagt haben: Hauptsache endlich Arbeit, auch wenn es mies bezahlte ist. – 2006 lag die Arbeitslosenzahl in Leipzig bei 46.318 (im Vorjahr hatte sie noch über 50.000 gelegen). 2011 ist diese Zahl auf 30.141 gesunken. Die Erwerbslosenquote sank von 18,7 auf 11,6 Prozent.

    Aber genau in so einem Prozess steckt natürlich, was Ruth Schmidt meint: „Arm aber glücklich“. Man hat zu tun, man hängt nicht mehr – aussortiert – zu Hause oder in irgendwelchen unsinnigen Warteschleifen. Man packt Päckchen, belädt Flugzeuge oder ist als Zeitarbeiter irgendwo in Bayern unterwegs.

    Womit man bei drei zentralen Markierungen wäre: der tatsächlichen Erwerbstätigenzahl, der Einkommensentwicklung und der Pendlerzahl. Und das zumindest verrät der Quartalsbericht: Leipzig hat zu tun. Mächtig gewaltig. – Mehr dazu morgen an dieser Stelle.

    Der Quartalsbericht ist im Internet unter http://statistik.leipzig.de unter „Veröffentlichungen“ einzusehen. Er ist zudem für 7 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) im Amt für Statistik und Wahlen erhältlich. Postbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig. Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1,Stadthaus, Zimmer 228

    Die Zuversichtsstudie der Allianz zum Selbernachlesen:
    www.allianzdeutschland.de/news/news-2012/25-09-12-allianz-zuversichtsstudie-ergebnisse-drittes-quartal-20

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