Wenn Systeme nicht kompatibel sind, kann man sie auch nicht vergleichen. Und am Ende redet man über ein Land, das kein Land ist, sondern ein Bund von 16 Kleinstaaten, die alle irgendwie "ihr Ding" machen. Und weil nichts vergleichbar ist, ist jeder König. Das trifft auch beim Thema Schul- und Berufsabschlüsse zu. Sachsen ist zwar gerade dabei, sein Bildungssystem zu demolieren. Aber die "Reste" funktionieren noch ganz gut. Und die Wahrheit ist: Es steckt noch ein Stück DDR darin.

Das machte der “Zensus 2011” deutlich, dessen Ergebnisse im Mai 2013 vorgestellt wurden. Es gab auch eine Kategorie Berufsabschluss in den Fragebögen. Und das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe e.V. (BIAJ) hat auf Basis dieser Zahlen einfach mal zusammengestellt, wie sich die Bevölkerung im Alter von 30 bis unter 50 Jahren in Hinsicht auf die Kategorie “ohne beruflichen Abschluss” im Ländervergleich 2011 zusammensetzt.

Im Jahr 2011 (9. Mai) war in der Bundesrepublik Deutschland ein Anteil von 15,9 Prozent der Bevölkerung im Alter von 30 bis unter 50 Jahren ohne beruflichen Ausbildungsabschluss, stellt Paul M. Schröder, Autor dieser Kurzanalyse, fest – das waren 3,624 von 22,839 Millionen.

In den Ländern reichten die entsprechenden Quoten von 7,2 Prozent in Thüringen bis 19,9 Prozent in Hamburg, 20,8 Prozent in Berlin und 22,7 Prozent (41.310 von 181.880) in Bremen (Land). Sein Kommentar zu diesem Ergebnis: “Die durchschnittlich 15,9 Prozent ohne beruflichen Abschluss unter den 30- bis unter 50-Jährigen (Mikrozensus 2010: 14,7 %) entsprechen sicher nicht zufällig jenem immer wieder genannten, seit Jahren um rund 15 Prozent schwankenden Anteil der Jugendlichen ohne Berufsabschluss.”

“Die Altersgruppe ab 30 Jahren wurde gewählt, da davon ausgegangen werden kann, dass mit 30 Jahren in der Regel eine (erste) Berufsausbildung abgeschlossen wurde bzw. abgeschlossen sein sollte”, betont er noch. “Eine Verzerrung der Quote durch den Status ‘ohne beruflichen Abschluss in noch nicht abgeschlossener Ausbildung’ dürfte eher klein sein.”Aber eigentlich hätte auch Paul M. Schröder stutzen dürfen, als er die Quoten der fünf ostdeutschen Bundesländer (Ostdeutschland ohne Berlin) und der westdeutschen Bundesländer (10 Länder) verglich: Ein Verhältnis von 7,7 Prozent zu 17,1 Prozent ist mehr als deutlich. Und 21 Jahre nach der deutschen Vereinigung erst recht. 1991 hätte jeder dieses Verhältnis noch als normal empfunden. Die Schulabbrecherrate im Osten war noch niedrig – sie hat sich erst im Lauf der 1990er Jahre an die wirklich miserable Rate aus Westdeutschland von 10 bis 15 Prozent angepasst.

Aber wenn die Schulabgängerrate der jungen Menschen ohne Abschluss ausschlaggebend wäre, müssten die fünf ostdeutschen Flächenländer in der Altersgruppe 30 bis 50 auch schon an die 15 Prozent von Personen ohne Berufsabschluss haben. Haben sie aber nicht.

Und an dieser Stelle wird die Statistik verzerrt, denn so heftig die Raten von 9 bis 15 Prozent junge Leute sind, die etwa in Sachsen die (Regel-)Schule ohne Abschlusszeugnis verlassen – sie landen nicht alle in einer Nicht-Berufsfähigkeit. Hier greifen noch immer viele Zusatzangebote, die auch Städte wie Leipzig bereit halten, bei denen die Betroffenen ihre Abschlüsse nachholen. Manche packen die Gelegenheit nach zehn Jahren staatlicher Null-Bock-Schule erst spät beim Schopf. Aber die Zahlen sprechen Bände: Alle fünf ostdeutschen Flächenländer landen bei der Quote der 30- bis 50-Jährigen ohne Berufsabschluss bei 7,2 bis 8,2 Prozent. Sachsen liegt mit 7,6 Prozent mittendrin. Tatsächlich kann es sich eigentlich niemand in den ostdeutschen Bundesländern leisten, keinen Berufsabschluss zu haben. Damit wären die Chancen, den eigenen Lebensunterhalt auch nur mit einem kärglichen Niedriglohn zu erstreiten, tatsächlich bei Null.Aber warum ist die Rate mit 13,6 bis 19,7 Prozent in den westdeutschen Flächenländern in der Regel mehr als doppelt so hoch? Und warum ist sie in den drei Stadtstaaten mit 19,9 bis 22,7 Prozent noch höher? Es könnte drei mögliche Antworten darauf geben:

1. das alte, konservative Familienbild, nach dem der Mann der Haupternährer der Familie ist und Frauen mit Gründung der Familie aufhören, an ihrer Karriere (und damit auch ihrem Berufsabschluss) zu arbeiten. Wo das finanziell möglich ist, kann das durchaus eine Rolle spielen.

2. der höhere Migrantenanteil. Auch viele Migranten pflegen eher traditionelle Rollenbilder mit dem Mann als Ernährer der Familie. Auch das wäre eine Untersuchung wert und könnte bei den überproportionalen Anteilen in den drei Stadtstaaten durchaus eine Rolle spielen.

3. aber rückt den Fokus auf die ostdeutschen Länder, die sich in Teilen auch noch Reste des in der DDR einst gepflegten Systems der nachschulischen Qualifikation erhalten haben, genug jedenfalls, um einen gehörigen Teil der Schulabbrecher doch noch zu einem Schul- und Berufsabschluss zu bringen.

Was übrigens auch für Menschen mit Migrationshintergrund funktioniert, auch wenn die Zahlen der drei Stadtstaaten dem zu widersprechen scheinen. Wer über Integration spricht in Deutschland, der sollte im Grunde alle Betroffenen meinen, die mit Hindernissen beim Einstieg ins Berufsleben in Deutschland zu kämpfen haben. Und er kommt ziemlich schnell dahin, über ein barrierefreies System des “zweiten Bildungsweges” nachzudenken. Und dessen Finanzierung. Doch ein auf Sparflamme gesetztes Bildungssystem geht davon aus, dass alle jungen Menschen nach dem gleichen Schema im selben Tempo und derselben familiären Unterstützung lernen können. Was schlichtweg nicht stimmt. Und Fakt ist auch: Je mehr beim “Schnellerhitzer” Regelschule gespart wird, umso dringender wird ein nachgelagertes Bildungssystem gebraucht.

Die Meldung des BIAJ: www.biaj.de/archiv-kurzmitteilungen/36-texte-biaj-kurzmitteilungen/382-bevoelkerung-ohne-beruflichen-abschluss-laendervergleich-30-bis-unter-50-jahre.html

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