Unter den heute 55- bis 75-jährigen Leipzigern ist die Armutsgefährdung besonders hoch

Mittlerweile haben ja einige der beliebten konservativen Medien in der Republik schon mobil gemacht gegen den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Besonders sauer stößt den dortigen Edelfedern auf, dass er immer wieder das Thema Gerechtigkeit anspricht und die „Agenda 2010“ (ein bisschen) korrigieren will. Denn Gerechtigkeit ist eben nicht nur ein Bauchgefühl: Auch tausende Leipziger wissen, wie es sich mit prekären Einkommen lebt.
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Und diese prekären Einkommen sind nicht gottgegeben oder irgendwie einer natürlichen Streuung zu verdanken, sondern sind direktes Ergebnis einer neoliberalen Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik.

Und das wird in Leipzig ganz deutlich in der Armutsgefährdungsquote sichtbar. Die Armutsgefährdung beginnt dort, wo Menschen maximal über 60 Prozent des Durchschnittseinkommens der Gesamtbevölkerung verfügen. Das liegt in Leipzig mit 1.280 Euro monatlichem Nettoeinkommen (Median) sowieso schon nicht besonders hoch. Wer davon nur noch 60 Prozent hat oder noch weniger, der hat im Grunde kein Geld mehr übrig zum „schönen“ Leben – der kämpft um seine Miete, seinen Strom, seinen Discountereinkauf. Und der müsste eigentlich auch einen Wohnberechtigungsschein und den Leipzig-Pass beantragen. Die Gruppe ist deutlich größer als die Gruppe der „Hartz IV“-Empfänger.

Mit der Auswertung der Bürgerumfrage 2015 hat das Amt für Statistik und Wahlen auch einmal grafisch dargestellt, welche Altersgruppen das Problem besonders betrifft. Und es war keine Überraschung, dass es zwar ein Grundrauschen von 15 Prozent armutsgefährdeter Menschen über alle Altersgruppen gibt. Aber ab den 54- bis 57-Jährigen beginnt die Kurve steil anzusteigen. Bei den heute 60-Jährigen gelten über 30 Prozent als armutsgefährdet. Den Spitzenwert erreichen die 66- bis 69-Jährigen mit über 37 Prozent.

(Das Grundrauschen der Armutsgefährdung nach bundesdeutscher Armutsschwelle von 942 Euro setzen die Statistiker in Leipzig bei immerhin 21 Prozent an.)

Das sind jene Jahrgänge, die derzeit offiziell in das Rentenalter eintreten oder schon drin sind. Nur konnte uns – wie schon erwähnt – bei der Vorstellung des Berichts „Älter werden in Leipzig 2016“ niemand sagen, wie es um das Noch-Arbeiten dieser Menschen aussieht. Denn Statistiken der Arbeitsagentur weisen immer wieder darauf hin, dass diese Altersgruppe verstärkt versucht, die kärgliche Rente mit Nebenjobs aufzubessern.

Nach dem 73. Lebensjahr fällt die Armutskurve übrigens wieder auf den Durchschnittswert ab. Es ist in Leipzig also sehr deutlich ablesbar, welche Altersgruppen von der Deindustrialisierung und den ganzen Arbeitsmarktreformen seit 1990 besonders betroffen waren: Es waren die damals 30- bis 45-Jährigen.

Und das bedeutet nun einmal auch, dass sie auch den Kern der Langzeitarbeitslosen ausmachen, die heute immer noch die Wartereien und Kläglichkeiten der Jobcenter erleben und wohl auch keine Chance bekommen, jemals ein auch nur durchschnittliches Einkommen zu erreichen.

Für solche Menschen ist das, was Martin Schulz mit Gerechtigkeit anspricht, durchaus greifbar. In der Regel heißt das: Nach 25 Jahren Bettelei im Arbeitsamt dürfen sie auch noch um eine Sozialrente betteln.

Im Bericht „Älter werden in Leipzig“ wurde das jetzt noch einmal verifiziert. Das Ergebnis ist vergleichbar. Während nur 11 Prozent der 75- bis 85-Jährigen als armutsgefährdet gelten, sind es bei den 65-bis 74-Jährigen schon 21 Prozent und bei den 55- bis 64-Jährigen dann sogar 28 Prozent. Was eben noch durch die Tatsache zu ergänzen ist, dass diese Altersgruppe eigentlich noch im Erwerbsleben steht. Mit 61 Jahren sind noch 76 Prozent der Befragten erwerbstätig, mit 65 Jahren fällt dieser Wert auf 10 Prozent.

Rund 3 Prozent der Befragten sind freilich noch bis zum 70. Lebensjahr tätig. Zumindest das wurde abgefragt. Einige wenige scheinen sogar bis 74 durchzuhalten. Aber das sind nur die Auskünfte zum Haupteinkommen. Zahlen zu Nebeneinkommen wurden leider nicht abgefragt.

Das ist – man kann es nicht anders sagen – bei diesem Hintergrund ein echtes Versäumnis.

Die Auskünfte der Befragten zeigen aber auch, wie massiv da ganze Jahrgänge in eine Armutsrente hineinmarschieren. Von den 55- bis 64-Jährigen gelten nicht nur 28 Prozent als armutsgefährdet, weitere 35 Prozent haben ein „unterdurchschnittliches Einkommen“. Wobei die Statistik hier eine ziemlich sinnlose Bandbreite zwischen 942 Euro (Armutsgefährdungsschwelle) und 1.570 Euro (Bundesmedian) angibt. Mit 1.570 Euro Netto kann man in Leipzig nämlich ganz gut leben, mit 942 Euro dagegen ganz bestimmt nicht.

Noch eine Chance also, die man versäumt hat, ein Problem einzukreisen, das Leipzig in den nächsten Jahren massiv beschäftigen wird.

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