Demografische Schieflage

Die Region Leipzig wächst, während der Rest von Sachsen schrumpft

Für alle LeserSachsen schrumpft wieder. Nachdem der Freistaat von 2014 auf 2015 offiziell wieder einen Einwohnerzuwachs von 30.000 hatte, weisen die jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamtes für September 2016 darauf hin, dass der kurze Schub durch die Aufnahme von Asylsuchenden ausgereizt ist. Die offizielle Einwohnerzahl ging von 4,084 auf 4,080 Millionen zurück. Es dominiert wieder die demografische Entwicklung von vor dem Sommer 2015.

Und die bedeutet eindeutig: Nein, Sachsen ist nicht attraktiv als Bundesland Sachsen. Im Gegenteil. Denn die ländlichen Regionen verlieren weiterhin massiv an Einwohnern. Sämtliche Landkreise haben wieder massiv an Bevölkerung verloren. Einzige Ausnahme: der Landkreis Nordsachsen. Und im Landkreis Leipzig sind die Verluste minimal.

Während gleichzeitig die Großstädte weiter an Bevölkerung zunahmen. Aber auch das mit einem deutlichen Unterschied: Gegenüber dem Leipziger Bevölkerungswachstum ist das Wachstum von Dresden mit 1.220 Einwohnern von Januar bis September 2016 wirklich winzig. Chemnitz verzeichnete zwar Verluste – aber das hat vor allem mit seiner alten Rolle als Stadt mit der wichtigsten Erstaufnahmeeinrichtung in Sachsen zu tun.

Leipzig hingegen verzeichnete im selben Zeitraum einen Bevölkerungszuwachs von 7.142 Einwohnern. Im Jahresvergleich (zu September 2015) waren es sogar 11.000.

Es sind also zwei Prozesse, die Sachsen prägen: Die fortwährende Abwanderung aus den ländlichen Regionen in die Großstädte und die zunehmende Entleerung Ost- und Südsachsens, während Westsachsen mit der Stadt Leipzig in der Mitte weiter an Bevölkerung gewinnt. Die ländlichen Regionen verloren binnen neun Monaten satte 10.000 Einwohner, während die drei Großstädte über 6.000, fast 7.000 Einwohner hinzugewannen.

Und der Zuwachs findet fast nur noch in Westsachsen statt, im Direktionsbezirk Leipzig, der über 7.000 Einwohner hinzugewann, während die beiden anderen Direktionsbezirke zusammen über 11.000 Einwohner verloren. Nordsachsen und der Landkreis Leipzig profitieren dabei natürlich von der wachsenden Metropolfunktion Leipzigs. Aber die kommt natürlich nicht aus dem Nichts. Die hat mit dem anhaltenden Aufbau immer neuer Arbeitsplätze zu tun. Und das in einem sehr diversifizierten Wirtschaftsgefüge. Nicht nur die Industrie sucht hier nach Fachkräften, viel größer noch ist der Bedarf im großen Bereich der Dienstleistungen.

Aber es fällt trotzdem auf: Mit seinen Wachstumsproblemen steht Leipzig sachsenweit tatsächlich ziemlich allein da.

Sie unterscheiden sich komplett von allem, was in drei Vierteln des Landes gerade passiert. Was eine Erklärung dafür sein könnte, warum die sächsische Landesregierung sich so schwertut, Leipzig tatsächlich mit realistischen Förderungen zu unterstützen. Was es aber nicht ist, denn auch mit den Prozessen in den Landkreisen ist die sächsische Regierung völlig überfordert. Sie hat auch dafür keine Rezepte. Was auch damit zu tun hat, dass sie die demografische Entwicklung im Land seit zehn Jahren immer nur technokratisch versucht hat, in den Griff zu bekommen.

Der SachsenBarometer der CDU-Fraktion macht es ja nur zu deutlich: Man hat kein Sensorium für die psychologischen Faktoren, die Menschen zum Wandern bringen – weder für die Wanderbewegungen im Land noch für die internationalen Wanderbewegungen. Nur kann man halt keine Zäune bauen um den Landkreis Görlitz oder den Erzgebirgkreis, um die Menschen an der Flucht zu hindern. Da hätte man nämlich Schlangen mit erbosten jungen Leuten und Familien am Schlagbaum stehen, die – egal ob aus nüchterner Überlegung oder reinem Bauchgefühl – ihren Lebenschancen hinterher ziehen.

Lebenschancen? Ja genau.

Wer will, kann ja jetzt einfach runter auf die Straße gehen und nachschauen, wie viele Autos mit den Kennzeichen BZ oder ERZ da stehen. Es stehen viele davon herum. Da geht es eben nicht nur, wie die CDU glaubt, um Verkehrsanbindungen, Jobs, Ärzte, Schulen oder Supermärkte. Es geht um einen ganzen Strauß von Rahmensetzungen, die einem jungen Menschen das Gefühl geben, dass er hier ein vollwertiges Leben aufbauen kann.

Da hilft auch der Versuch nicht, die zugewiesenen Asylsuchenden per Dekret an ihren Wohnort zu fesseln. So denken Technokraten, die nicht mal ein Gefühl dafür haben, was Menschen eigentlich brauchen, um sich zu Hause zu fühlen.

Aber von Heimat redet man, als hätte man dafür ein besonderes Sensorium.

Die demografischen Zahlen zu Sachsen zeigen: Hat man nicht. Man hat das wichtigste Thema der Zeit völlig vergeigt.

Und erstaunlicherweise findet ausgerechnet die Region, in der es sichtlich etwas anders läuft, als der Rest von Sachsen, in der Landespolitik kaum Gehör. Der Fehler wird sich also fortsetzen und wahrscheinlich sogar noch verstärken, da ja die CDU-Spitze meint, sie müsse nun noch weiter nach rechts rücken. Aber rechts ist muffige Vergangenheit. Und für junge Leute schlicht keine Alternative.

Die amtlichen Bevölkerungszahlen zum September 2016.

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

DemografieBevölkerungswachstum
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