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Mega-Projekt Elster-Saale-Kanal: Grünen-Stadtrat nimmt sich die „Potenzialanalyse“ genauer vor

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    Das komplette "Wassertouristische Nutzungskonzept" (WTNK) von 2007 steht zur Disposition. Beschlossen hat es zwar eigentlich niemand, kein demokratisch legitimiertes Gremium hat es als Handlungsgrundlage für das Leipziger Neuseenland abgestimmt. Aber alle jüngeren Aktivitäten der Steuerungsgruppe Leipziger Neuseenland bauen darauf auf. Auch die Vorlage zum Elster-Saale-Kanal, die am 19. Juni im Stadtrat abgestimmt werden soll.

    Im Volltitel: „Weiteres Vorgehen nach Vorlage der Touristischen Potenzialanalyse und Betrachtung der Grobvarianten der Trassen des Projektes ‚Anbindung des Saale-Elster-Kanals an die Saale'“. Am Mittwoch, 22. Mai, hatten die Leipziger Grünen zur Informationsveranstaltung dazu ins Vereinshaus des Wasserstadt Leipzig e.V. eingeladen. Und es wurde nicht nur deutlich, dass das ganze Projekt am angedachten Schiffshebewerk für 38 Millionen Euro hängt. Zumindest aus Sicht derjenigen, die die „Touristische Potenzialanalyse“ erstellt haben, ohne die die Stadtratsvorlage nicht zu begreifen ist. Sie spielten sogar die ganz große Karte aus: regionales Zusammenwachsen versus Kleinstaaterei.

    Als wenn ein Einfallstor für Motorboote ein Ende der Kleinstaaterei und ein Zusammenwachsen von Sachsen und Sachsen-Anhalt bedeuten würde.

    NABU und Ökolöwe haben schon ausführliche Statements an die Leipziger Stadtratsfraktionen geschickt. Der Stadtrat der Grünen-Fraktion, Roland Quester, hat sich auch noch die Mühe gemacht, die 2011 erstellte „Touristische Potenzialanalyse“ zu studieren, ohne die die jetzige Stadtratsvorlage zum Kanal gar nicht zu begreifen ist. Denn dort wurde analysiert, welche Effekte welche Ausbauvariante eigentlich hätte. Die naturschutzrechtlichen Probleme wurden zumindest erwähnt. Und die Kosten sind etwas detaillierter untersetzt als in den Zahlen der Stadtratsvorlage.

    Roland Quester hat seine Kurzanalyse auf 12 Seiten zusammengestellt und den Stadtratsfraktionen ebenfalls zur Verfügung gestellt. Hier steht dann auch, was in der Stadtratsvorlage eben nicht steht: Dass der Wassertourismus auch schon auf der Saale Probleme hat. Denn der Saale geht es längst wie der Elbe: Sie hat nur zwischen 100 bis 196 Tagen im Jahr genug Wasser, um Fahrgastschiffen den Betrieb zu ermöglichen. Das sind Messergebnisse aus den Jahren 2001 bis 2008. Und das betrifft zu wenigstens einem Drittel auch die normale Saison. Wobei das nicht bedeutet, dass die anderen Tage für Wassertourismus „funktionieren“ – schon eine Woche Regenwetter bringt den kompletten Betrieb zum Erliegen.Für Kanuten ist die untere Saale als Wanderstrecke heute schon uninteressant. Ab und an sieht man ein Sportboot. Aber auch nur vereinzelt. Selbst die meisten der 300 im Saalegebiet gemeldeten Sportboote liegen auf Gewässern um Berlin herum, weil die untere Saale eine landschaftlich wenig reizvolle Fahrstrecke ist. Und das ändert sich auf den 19 Kilometern des möglichen Elster-Saale-Kanals auch nicht. So steht es in der „Potenzialanalyse“: Die Strecken selbst sind eher langweilig. Quester verweist auch auf die Negativ-Erlebnisse Autobahn und Parkplatz nova eventis, der in der Analyse sogar als Positivum auftaucht: Man könnte doch Einkaufsfahrten per Schiff von Halle aus organisieren.

    Das sind die Punkte, an denen die Analyse schon aus lauter Verzweiflung ins Absurde abdreht, um überhaupt eine sinnvolle wirtschaftliche Begründung für den Kanal zu finden. Ein bisschen Sinn bekäme er erst durch ein attraktives Ziel – also Leipzig. Aber auch das entpuppt sich als absurd, denn sämtliche Motorbootfahrten enden zwangsläufig am Lindenauer Hafen. Danach geht es nicht weiter. Die Wasserreisenden müssten also auf die Straßenbahn oder die Fahrgastschiffe von Boots Herold oder geliehene Kanus umsteigen, um weiter zu kommen – obwohl die Ersteller der Analyse ja sogar von motorbootbetriebenen Segelbooten fabulieren. Jede Anreise mit Bus, Bahn oder Fahrrad nach Leipzig ist interessanter und vor allem direkter. Warum soll man sich große Kartoffeläcker in Sachsen-Anhalt stundenlang zu Gemüte führen, wenn man eigentlich nach Leipzig auf die Kneipenmeile will?

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    Das Beispiel Floßgraben zeigt jetzt schon, wie weltfremd alle Pläne sind, über den Elster-Saale-Kanal mit Motorbooten ins Neuseenland gelangen zu wollen.Und Quester sieht auch mit dem Reiseziel Leipzig kaum irgendwelche Bootsreisenden Saale und Kanal heraufkommen. Dazu sind die 147 Kilometer Fluss und Kanal zu wenig abwechslungsreich, wohl auch frustrierend, weil jeder Bootsführer weiß, dass er dieselbe Strecke im Schneckentempo auch wieder zurück muss.

    Da wird das geplante Schiffshebewerk schnell zur Attraktion, die den Weiterbau des Kanals erst rechtfertigen soll. Für Quester wäre das Hebewerk ein Event des Events willen. Und die 151 Millionen Euro, die die Analysten für das Projekt mit Hebewerk und Marina ausgerechnet haben, hält er auch nur für die unterste Grenze der Finanzierung. Er sieht die realen Kosten eher in Richtung 200 Millionen Euro – allein schon durch die üblichen Kostensteigerungen in wenigstens 10 Jahren. Für die beteiligten Kommunen ein Ding der Unmöglichkeit. Doch Bund und Länder werden sich an dem Projekt nicht beteiligen. Der Bund, der den Kanal noch als Restwasserstraße führt, hat vor 10 Jahren vergeblich versucht, den Elster-Saale-Kanal an die Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt abzugeben. Die haben dankend abgelehnt.

    Da bleiben nur noch die Kommunen als mögliche Investoren – doch die haben, betont Quester, schon jetzt im Neuseenland Schwierigkeiten, wesentlich kleinere Bausteine im Gewässerkonzept umzusetzen.

    Wo er Potenziale in der touristisch nicht erschlossenen Region westlich von Leipzig sieht, das wäre der Radtourismus. Dazu gäbe die „Potenzialanalyse“ auch Anregungen. Über den Kanal gar zusätzlichen Motorbootverkehr in den Leipziger Gewässerknoten zu ziehen, hält er für kontraproduktiv. „Dies ist zum Erhalt der Naherholungs- und Naturqualität des innerstädtischen Gewässernetzes, das heute bereits an Belastungsgrenzen kommt, jedoch strikt abzulehnen“, schreibt er.

    Die komplette Handreichung von Roland Quester als PDF: www.gruene-fraktion-leipzig.de/fileadmin/dokumente/Stellungnahmen/Fertigstellung_des_Saale-Elster-Kanals.pdf

    Die Vorlage zum Elster-Saale-Kanal zum Nachlesen: http://notes.leipzig.de/appl/laura/wp5/kais02.nsf/docid/529455CDE143D7ACC1257B1A002B46D1/$FILE/V-ds-2851-text.pdf

    Die diversen Downloads zum WTNK findet man hier: www.gewaesserverbund.de/download/index.html

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