So tauchen Flüsse wieder auf und am Ende bleibt völlig rätselhaft, warum Leipzigs Verwaltung sich gar nicht so richtig gemeint fühlt von den Ergebnissen der am Montag, 13. Juli, vorgestellten Starkregen-Gefahrenkarte. Auch wenn Peter Wasem, Leiter des Umweltschutzamtes, erklärte: „Der Schutz vor Überflutung durch Oberflächenwasser ist Gemeinschaftsaufgabe von Kommune, Bürgern und weiteren Akteuren.“ Bürgerinnen und Bürger könnten durch die Entsiegelung von Flächen in Höfen oder Einfahrten oder die Begrünung von Dächern auch selbst aktiv werden. Und die Stadt?

Auf den ersten Blick ist die digitale Gefahrenkarte eine Hilfe für Grundstückseigentümer. Sie erfahren hier, ob ihr Grundstück bei Starkregen überschwemmt werden könnte. Und so bewirbt es auch die Stadt: Ob ein Grundstück bei außergewöhnlich starken Niederschlägen durch Überflutungen gefährdet ist, können Hauseigentümer, Planer und Architekten in Leipzig künftig online recherchieren.

Die Starkregen-Gefahrenkarte im Geoportal der Stadt Leipzig ist unter www.leipzig.de/starkregen abrufbar und stellt drei Regenszenarien mit unterschiedlicher statistischer Wiederkehrzeit dar. Farbige Markierungen zeigen besonders überflutungsgefährdete Flächen.

„Die Karte soll Bürgerinnen und Bürgern helfen, das Risiko eines Schadensereignisses besser einzuschätzen und Schutzmaßnahmen für betroffene Gebäude in Betracht zu ziehen“, erläuterte der Leiter des Leipziger Verkehrs- und Tiefbauamtes (VTA), Michael Jana, die Idee der Karte.

Entwickelt wurde die Anwendung von der Stadt Leipzig und den Leipziger Wasserwerken unter wissenschaftlicher Begleitung des Instituts für Wasserbau und Siedlungswasserwirtschaft der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig im gemeinsamen Projekt „KAWI-L – Kommunale Anpassungsstrategien für wassersensible Infrastrukturen in Leipzig“.

„Die klassische Ableitung über die Kanalisation stellt nicht die alleinige Lösung für den Umgang mit zunehmend heftigen und kleinräumigen Regenereignissen dar“, erklärt der Technische Geschäftsführer der Wasserwerke, Dr. Ulrich Meyer. „Die Kanalisation flächendeckend auf die selten und zumeist lokal begrenzten Starkregen auszulegen, ist aufgrund des Platzmangels im Untergrund schwer umsetzbar und zudem wirtschaftlich nicht vertretbar. Die Kanäle wären dann für den Normalbetrieb viel zu groß.“

Daher müsse das Niederschlagswasser mithilfe von anderen Maßnahmen und im Zusammenspiel von Kommune, Abwasserentsorger und dem Grundstückseigentümer intelligent bewirtschaftet, das heißt, zurückgehalten, versickert oder gespeichert werden.

„Die wassersensible Stadtentwicklung ist ein wichtiger Baustein im Umgang mit den aktuellen Klimaentwicklungen“, betont der Leiter des Amtes für Umweltschutz und amtierende Leiter des Referates für Nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz, Peter Wasem. Flächen, auf die Niederschläge fallen und die potentiell zum Rückhalt, zur Verdunstung oder Versickerung geeignet sind, können bei entsprechender Planung Überflutungsrisiken abfedern.

Der mitgelieferte Kartenabschnitt ist dafür freilich nur teilweise aussagekräftig, auch wenn er zeigt, wie die Richard-Lehmann-Straße unter der Wundstraße bei Starkregen wahrscheinlich zur riesigen Pfütze wird. Genauso wie die nahe gelegenen einstigen Bauernwiesen.

Wer die digitale Karte selbst aufruft, sieht noch etwas anderes: nämlich Leipzigs vergessene und verrohrte Fließgewässer als ein Netz von starkregengefährdeten Straßen, Parks und Plätzen. Im Leipziger Osten unübersehbar: das komplette Einzugsgebiet der östlichen Rietzschke, die komplett verrohrt ist und in diesem Stadtteil schlicht nicht mehr als Abfluss für Starkregen funktioniert. Im Norden zeichnen sich ebenso sämtliche Straßen ab, in deren Verlauf einmal die nördliche Rietzschke bis zur Pleiße floss, bis auch hier der größte Teil des Gewässers verrohrt wurde.

Eigentlich ein Unding in einer Zeit des Klimawandels, hier nicht endlich über eine Wiederfreilegung dieser Gewässer nachzudenken. Dasselbe sieht man übrigens auch in der Leipziger Westvorstadt, wo die blau eingemalten Straßenzüge in etwa den Verlauf des einstigen Kuhstrangwassers nachzeichnen.

Die so wieder auftauchenden Gewässer zeigen also, dass sie sich dort nicht nur aus lauter Schönheit ausgeformt haben, sondern infolge von vielen Starkregenereignissen in der Vergangenheit. Weshalb sich auch Generationen hüteten, ausgerechnet diese Ableitungsgebiete mit Häusern zu bebauen. Das taten erst die Parzellierer des 19. Jahrhunderts.

Diese Wasserläufe zeigen aber eben auch, dass auch die Stadt selbst in der Pflicht steht, genau in diesen alten Ablaufgebieten wieder zu entsiegeln, Stauraum zu schaffen oder gar wieder offene Gewässerläufe, die deutlich mehr Wasser aufnehmen können als die unterirdischen Kanäle der Wasserwerke.

***

Die Karte wurde auf der Grundlage dynamischer modelltechnischer Computersimulationen erstellt. Die aus den Modellberechnungen abgeleiteten Szenarien versuchen dabei nicht, ein reales Ereignis abzubilden, sondern sie zeigen die Gefahren auf, die bei verschiedenen Starkregenereignissen auftreten können. Grundlage für die Berechnungen ist ein digitales Geländemodell mit 2 x 2-Meter-Raster von Leipzig.

Im Geländemodell sind Höheninformationen, die aus einer Laserscanbefliegung vom Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung Sachsen aus dem Jahr 2010 abgeleitet wurden, sowie Oberflächenbefestigungsinformationen aus einer Befliegung aus dem Jahr 2018 enthalten. Normale Regenereignisse werden nicht abgebildet. Im Gegensatz zu Hochwasser-Gefahrenkarten hat die Starkregen-Gefahrenkarte keinen eigenen Rechtscharakter und zieht keine Bauverbote nach sich.

Haus- und Grundstückseigentümer, die wissen wollen, wie stark ihr Grundstück gefährdet ist und Vorsorge betreiben wollen, können über die Karte eine grundstücksbezogene Detailauskunft beantragen. Erschließende und Bauwillige werden im Rahmen der notwendigen Antragstellungen beraten. Die Koordination der Anfragen und die damit verbundene Beratung innerhalb Stadtverwaltung und Wasserwerken übernehmen die Leipziger Wasserwerke.

Das Bildungs- und Demonstrationszentrum Dezentrale Infrastruktur BDZ e. V. in Leutzsch informiert in diesem Zusammenhang praktisch über die bauliche Sicherung und in Bezug auf Eigenvorsorgemaßnahmen.

 

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Es gibt 3 Kommentare

Vielen Dank – eine sehr ergiebige und interessante Quelle.
Marcusgasse, an die dachte ich auch gleich, eine Brücke über – die ehemalige Rietzschke.
Auf der OpenStreetMap-Karte ist die Überwölbung mit vermerkt – ein Blick lohnt sich. Theoretisch mündet das Bächlein in die Parthe.

Was mich noch interessiert:
Warum führt die Rietzschke fast kein Wasser mehr?
Die Auen waren ja eine Folge des fließenden Wassers.
Die Herkunft verliert sich irgendwo bei Zuckelhausen, wo es anscheinend kein Wasser mehr gibt…

Beide Rietzschkes sind im Stadtgebiet eingehaust worden. Den ehemaligen Verlauf kann man sehr schön auf alten Karten verfolgen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/63/TK25_Sachsen_%C3%84quidistantenkarte_Montage_Leipziger_Gew%C3%A4sserknoten_und_Elsteraue_1880.jpg
(Karte anklicken zum Vergrößern)
Sie wieder ans Licht zu holen, würde allerdings ein extremes Vorhaben sein, denn die Gebiete sind dicht bebaut (und bewohnt). Da beide Gewässer nur kleine Bäche waren, wie es schon der Name sagt, wäre auch die zu erwartende Aufnahmefähigkeit der “Auen” gering. In den frühen Neunzigern des letzten JH. floss die Rietzschke Ost direkt durch den Keller eines Freundes in der Comeniusstr., wo sie im 90°-Winkel kreuzt. Da hatte es auch ein wenig mehr als normal geregnet…
Einen schönen Überblick zur Geschichte der östl. Rietzschke gibt es hier:
https://wortblende.wordpress.com/2014/11/06/uber-die-rietzschke-kohl-goethe-und-napoleon/
(Nur das Seitenlayout tut weh).

Ist denn die östliche Rietzschke verrohrt?
Sie kommt aus Mölkau und doch offen im Stünzer Park.
Verschwinden tut sie erst an der Wurzner Straße.
(Allerdings – wohin?)
Leider ist sie fast immer trocken.

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