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Kulturdezernat zu UNESCO-Vorschlag: Schöne Idee, aber leider sehr teuer

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    Gerade erst hat die Grünen-Fraktion im Stadtrat vorgeschlagen, Leipzig könne sich doch für 2024 um den Titel „UNESCO – Welthauptstadt des Buches“ bewerben. Das würde den Blick der Welt doch auch mal wieder auf die alte, traditionsreiche Buchstadt werfen. Aber das Kulturdezernat ist skeptisch. Denn irgendwie hat man das sogar schon mal durchgerechnet.

    „Mit Beschluss der Ratsversammlung im Februar 2017 (VI-DS-03446-NF-02) wurde zur systematischen Bewertung von Großveranstaltungen ein Gremium geschaffen, das Konzepte Ressortübergreifend diskutiert und Empfehlungen ausspricht. Diese Fachexpertise sollte zur Bewertung des eingereichten Antrages genutzt werden, um Aufwand und Nutzeneffekte für die Stadt Leipzig entsprechend des vereinbarten Scoring-Modells prüfen zu können. Grundlage dafür bietet die Ersteinschätzung aus dem Jahr 2017. Damals wurde die Bewerbung unter Einbeziehung der Leipziger Literaturszene aufgrund der hohen Kosten und mangels erkennbarer nachhaltiger Effekte abgelehnt“, fasst es seine Sicht zu dieser möglichen Bewerbung zusammen.

    Das ist zumindest erstaunlich, weil dergleichen so nicht öffentlich diskutiert wurde. Was auch daran liegt, dass das damals ein Verein vorgeschlagen hat, von dem man selten mal etwas hört: der Medienstadt Leipzig e. V.

    „Im Oktober 2016 schlug der Verein ,Medienstadt Leipzig‘ der Stadt Leipzig eine Bewerbung für den UNESCO-Titel ,Welthauptstadt des Buches / World Book Capital‘ vor“, resümiert das Kulturdezernat jetzt in seiner Stellungnahme. „Ziel der Ausschreibung ist ein städtisches Engagement für die Stärkung des Buches (,promoting books‘) sowie für die Förderung des Lesens (,fostering reading‘) über 12 Monate zwischen dem ,World Book and Copyright Day‘ (23. April). Der Titel ist nicht mit Zuwendungen verbunden, der monetäre Aufwand anderer Städte im Rahmen des Titels ist jedoch enorm.“

    Angeführt wird das Beispiel von Amsterdam, das 2008 den Welttitel führte und dafür 2,7 Millionen Euro ausgab.

    „Eine Bewerbung Leipzigs als ,UNESCO-Welthauptstadt des Buches‘ wurde im Rahmen der Reihe ,Impuls Kulturpolitik‘ kontrovers diskutiert. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob eine Nominierung zum ,World Book Capital‘ nachhaltige positive Effekte für die Buch- und Literaturszene in Leipzig generieren kann“, so das Kulturdezernat. Gemeint sein kann damit nur die Veranstaltung am 23. Mai 2017 „Literaturstadt Leipzig – Was kommt nach der Tradition?“

    „Als Vorteil wurde festgehalten, dass bisher noch keine deutsche Stadt den Titel trug. Daher könnte eine Bewerbung besonders chancenreich und publikumswirksam sein. Der Titel würde internationale Aufmerksamkeit generieren und damit die Leipziger Literatur- und Buchszene befördern“, schätzt das Kulturdezernat ein. „Nachteilig ist der enorme finanzielle Aufwand – es bleibt fraglich, ob eine auskömmliche Finanzierung durch die Stadt Leipzig sowie Drittmittelquellen gewährleistet werden kann.“

    Und dann folgen die Bedenken: „Während der Vorbereitung und Durchführung läge der Fokus auf diesem Titel – andere bzw. weiterführende Vorhaben im Bereich der Literatur und Buchkunst würden eventuell vernachlässigt werden. Die langfristigen Effekte in Leipzig sind nicht erkennbar. Zudem ist fraglich, ob der globale Bekanntheitsgrad dieses Titels den Aufwand rechtfertigt. Nicht zuletzt würde eine Bewerbung aus Deutschland ggf. einen besonders hohen Innovationsgrad erfordern. Aufgrund der sehr hohen Kosten und insbesondere aufgrund der Skepsis in der Leipziger Buch- und Literaturszene (s. unter anderem LVZ Artikel vom 21.04.2017 ,Braucht Leipzig einen Unescotitel?‘) und der Diskutant/-innen wurde gemeinschaftlich beschlossen, in absehbarer Zeit keine Bewerbung für den Titel einzureichen.“

    Im zitierten LVZ-Artikel wurde die Leipziger Buch- und Literaturszene freilich überhaupt nicht erwähnt. Die Skepsis war wohl eher im Podium von „Impuls Kulturpolitik“ zu hören, wo ja einige Leute saßen, die in Leipzig mit der Organisation literarischer Veranstaltungen Erfahrungen haben. Und mit den Schwierigkeiten, dafür Geld aufzutreiben.

    Warum andere „Vorhaben im Bereich der Literatur und Buchkunst (…) eventuell vernachlässigt werden“ würden, erschließt sich nicht wirklich. Denn Veranstaltungen wie die Buchmesse, Leipzig liest und der Literarische Herbst würden sich problemlos in so ein Welt-Jahr einfügen, ganz zu schweigen von den Veranstaltungen im Haus des Buches, dem Hörspielsommer oder den Veranstaltungen im Literaturinstitut, in der Deutschen Bücherei oder im Museum für Druckkunst.

    Erstaunlich viele Institutionen für eine Stadt, die sich nun seit Jahren schwertut, sich als Buchstadt zu vermarkten. Und die Literatur auch mal über das Lesefest „Leipzig liest“ hinaus aus der Nische zu holen, öffentlich zu machen und ihr auch mal den ganzen Markt mit Bühne zu geben, um die Talente zu Wort kommen zu lassen. Denn ehrlich? Dichterinnen wie Amanda Gorman hat auch Leipzig (Zur Website von Amanda Gorman).

    Aber hier kommt kein Oberbürgermeister und kein Präsident auf die Idee, diese bei Feiern auf die große Bühne zu holen. Auch Dichter, die zu den besten ihrer Klasse in Deutschland gehören. Augenscheinlich alles so schüchterne Gestalten, dass ihre Stellvertreter in kulturpolitischen Gesprächsrunden so tun, als wäre das alles nicht vorzeigbar. Als würde Literatur in Leipzig auch keine integrative und therapeutische Rolle spielen.

    Aber das Kulturdezernat lehnt den Vorschlag nicht ganz ab, sondern schlägt vor, die Sache in kleineren Gremien in nächster Zeit zu besprechen.

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