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„Dresden grüßt seine Nazis …“: Hunderte protestieren gegen NPD-Aufmarsch

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    Mehrere hundert Menschen haben am Sonntag in Dresden gegen einen Neonazi-Aufmarsch demonstriert. NPD und "Freie Kräfte" hatten anlässlich des Jahrestages des Volksaufstands am 17. Juni 1953 zu einem Marsch im Stadtzentrum aufgerufen. Die Polizei setzte auf Deeskalation und tolerierte lautstarke Proteste entlang der Marschroute. Gewalttätige Ausschreitungen blieben aus. Die Beamten nahmen drei Personen in Gewahrsam.

    Gingen am 17. Juni 1953 wütende DDR-Bürger gegen den Stalinismus auf die Barrikaden, bemüht sich die rechte Szene 58 Jahre später, auch diesen Jahrestag für sich zu vereinnahmen. „Die Ideale, die damals auf die Straße getragen worden sind, stehen heute wieder hier“, postulierte JN-Bundeschef Michael Schäfer kurz nach 14 Uhr. Seine rund 170 Mitstreiter hatten sich nach eineinhalbstündigem Marsch wieder auf dem Postplatz aufgestellt. Hier, vor dem Mahnmal in Form einer Panzerkette, legten sie Blumen nieder. Den Gedenkstrauß der Linkspartei entsorgten sie – unter den Augen der Polizei – mutwillig auf dem Gehweg.
    Schäfer erntete für seine pathetische Ansprache nur einen müden Applaus. Zu groß schien der Frust mancher Kameraden ob des vorangegangen Spießrutenlaufs. Anders als bei früheren Aufmärschen in Dresden riegelte die Polizei die Marschroute am Sonntag nicht hermetisch ab, sondern ließ Neonazi-Gegner weitgehend gewähren. Hunderte machten den Rechten am Wegesrand deutlich, dass sie in der Landeshauptstadt nicht erwünscht sind. Oder doch? Zumindest seitens der Stadtverwaltung fand diesmal keine Gegenveranstaltung statt. Einige Protestanten nahmen’s mit Humor. Sie entrollten ein Transparent: „Dresden grüßt seine Nazis… Auf Protest verzichten wir!“

    Aus NPD-Sicht dürfte der Sonntagsspaziergang mehr flop als top gewesen sein. Nicht nur, dass Gegendemonstranten die Sprechchöre, die der stellvertretende Landesvorsitzende Maik Scheffler per Lautsprecher intonierte, beständig übertönten. Auch das Fernbleiben weiter Teile des „Freien Netz“ (FN) dürfte der Parteiprominenz um den Bundesvorsitzenden Holger Apfel, Landeschef Mario Löffler und weiteren Landtagsabgeordneten den Magen verdreht haben. Spätestens zur Kommunalwahl 2013 wird die Partei auf fleißige Helferlein aus der parteifreien Szene angewiesen sein, möchte sie ihrem Anspruch erfüllen, flächendeckend anzutreten.
    Die Kooperation mit den „Freien Kräften“ aus Dresden, die den Aufmarsch mitorganisiert hatten, dürfte bestenfalls eine regionale Ausstrahlung erzielen. Aus Nordsachsen waren immerhin Vertreter der JN angereist, deren Stützpunkt teils personenidentisch mit dem lokalen Ableger des „Freien Netz“ sein soll. Aus Leipzig und dem Leipziger Land waren derweil keine jugendlichen Neonazis angereist. Der erzgebirgische FN-Ableger boykottierte die Veranstaltung ebenso. Die Kameraden möchten sich nicht mit dem bürgerorientierten, weniger radikalen Kurs der Apfel-NPD anfreunden.

    Die Misere der Chemnitzer NPD scheint diese mittlerweile überwunden zu haben. Ihr neuer Vorsitzender Mario Böttger nahm an der Versammlung ebenso teil wie der Leipziger Stadtrat Klaus Ufer. Der 71-Jährige mit grauem Hitler-Bärtchen scheute das Licht der Öffentlichkeit, wollte sich am Sammelplatz nicht fotografieren lassen, stopfte sich Taschentücher in die Ohren und verbarg sein Gesicht bei bewölktem Himmel hinter einer dicken Sonnenbrille. Bürgernähe sieht anders aus.

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