Prof. Erdmann ist in der Lausitz schon durch seine Gutachten bekannt

Dass das von Prof. Dr. Georg Erdmann für die sächsische Staatsregierung erstellte Gutachten zu den ostdeutschen Kohlekraftwerken gewaltige Löcher hat und quasi nur im Kosmos der technischen Machbarkeit schwebt, darüber hat die L-IZ am Wochenende schon berichtet. Aber für die sächsischen Grünen ist Prof. Erdmann schon ein alter Bekannter. Für die LVZ eher nicht.
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Die übernahm einfach die Jubelmeldung von dpa und verkündete: „Braunkohle-Nutzung gefährdet Klima-Ziele nicht“. Was schlichtweg Quatsch ist. Aber Prof. Erdmann ist gerade in der Lausitz kein Unbekannter mehr. Denn er war der Fürsprecher für beide umstrittenen Tagebauaufschlüsse, die die Bewohner der Lausitz mittlerweile auf die Palme bringen. Und seine Gutachten hielten in beiden Fällen nicht stand.

Dass Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) nun ausgerechnet wieder Erdmann als Auftragnehmer für eine Studie einfiel, die belegen soll, dass kein einziges Kohlekraftwerk in Sachsen vorfristig vom Netz muss, verwunderte die Grünen im Sächsischen Landtag dann überhaupt nicht.

„Dass wir in Sachsen unsere bundesweit vereinbarten CO2-Einsparziele bereits geschafft hätten, ist ein schlechter Witz“, erklärt Dr. Gerd Lippold, energiepolitischer Sprecher  der Fraktion, nach dem am Wochenende entfachten Hype um die Erdmann-Studie. „Wir Sachsen blasen im Jahr immer noch etwa 30 Prozent mehr Kohlendioxid (CO2) pro Einwohner in die Luft als im bundesdeutschen Durchschnitt. Das muss der Maßstab für die heutige Politik sein und nicht das Jahr 1990.“

Nach Erdmanns sehr unvollständiger Erarbeitung müsste vor 2030 kein einziger Kraftwerksblock in Sachsen vom Netz. Ein noch größerer Witz, findet Lippold. „Die Vorstellung des ‚Weiter so!‘ bis mindestens zum Jahr 2030 – wie das die von Ministerpräsident Tillich ins Feld geführte Studie des Berliner Ökonomie-Professors Georg Erdmann annimmt – zeigt den Grad der Realitätsverweigerung. – Erdmanns Studie geht von einer veralteten Datenbasis aus“, erläutert der Abgeordnete. Und benennt auch das größte aller Löcher, das in Erdmanns Studie sichtbar wird. „Dabei wird der prognostizierte Ausbaugrad erneuerbarer Energien gezielt unterschätzt. Bereits ab einem Anteil von etwa 45 Prozent erneuerbarer Energien am Strommix – heute etwa 30 Prozent –  ist die durch konventionelle Kraftwerke zu liefernde Leistung immer öfter im Jahr gleich Null. Der Braunkohlekraftwerkspark ist aber ungeeignet mehrfach am Tag flexibel einzuspringen.“

Und auch die Datenbasis des Berliner Professors ist nicht allzu aktuell, stellt Lippold fest: „Sowohl Prof. Erdmann als auch Herrn Tillich dürfte der seit Dezember 2014 neue, genehmigte Szenarienrahmen der Bundesnetzagentur für die Netzentwicklungsplanung der Kraftwerke bekannt sein. Trotzdem werden in der Erdmann-Studie überholte Zahlen aus dem Jahr 2012 verwendet, wundert sich Lippold.“

In der Lausitz ist Erdmann schon mit zwei Studien unangenehm aufgefallen. So hatte Prof. Erdmann zur Rechtfertigung des von der Staatsregierung für den Tagebau Nochten II genehmigten Braunkohleplans bereits ein Gutachten zu Volllaststunden und zum prognostizierten Kohleverbrauch der Lausitzer Kraftwerke erstellt, also eine ähnlich suspekte Betrachtungsweise gewählt wie jetzt in seiner neuen Studie.

Wäre es nach der sächsischen Landesregierung gegangen, hätte einfach Erdmanns Gutachten gegolten und der Tagebau Nochten II wäre widerspruchsfrei aufgeschlossen worden. Doch das Märchen von der Notwendigkeit von Nochten II mochten die Anwohner des Tagebaugebiets so recht nicht glauben.

Die VEE hat das Erdmann-Gutachten zu Nochten II einmal gründlich unter die Lupe genommen. Darin heißt es unter anderem:  „Aufgrund  vorangegangener  Proteste  und  Einwände  der  betroffenen  Bevölkerung,  wurde auch  einem  zweiten  Gutachter  das  Recht  zur  Darlegung  von  Argumenten,  die  gegen  eine Erweiterung der geplanten Braunkohletagebaue sprechen, eingeräumt. Im  Auftrag  der  Klima-Allianz  Deutschland  wurde von  Prof. CHRISTIAN  VON  HIRSCHHAUSEN,  TU  Berlin/DIW  Berlin ein ‚Gutachten zur  energiewirtschaftlichen  Notwendigkeit der Fortschreibung des Braunkohleplans Tagebau Nochten‘, (Berlin, April 2013) erarbeitet, das im Ergebnis diametral zum ERDMANN-Gutachten ausfiel. Nach diesem Gutachten werden weder die geplanten Tagebauerweiterungen in Nochten (LK Görlitz), noch die im brandenburgischen Welzow (LK Spree-Neiße) – sächsischer Teil eingeschlossen -, benötigt.“

Denn bei Erdmann dreht sich die Argumentation in der Regel im Kreis: Danach müssen die Kraftwerke lange laufen, damit sie sich amortisieren – und wenn sie lange laufen, brauchen sie auch entsprechende Kohlemengen, also braucht es mehr Tagebaue.

Und dasselbe, was er in Sachsen zu Nochten II praktiziert hat, ist genauso zu Welzow-Süd II in Brandenburg passiert.

Daran erinnerten am Montag, 22. Juni, die Potsdamer Neuesten Nachrichten, als sie schrieben: „In Brandenburg ist Erdmann kein Unbekannter. Sein Gutachten im Auftrag des früheren Wirtschaftsministers Ralf Christoffers (Linke) musste maßgeblich zum Regierungsbeschluss für den Tagebau Welzow-Süd II herhalten. Demnach wäre die Braunkohle aus dem neuen Tagebau für die Energieversorgung und zur Flankierung der Energiewende unbedingt nötig. Ein Gegengutachten im Auftrag der damaligen Umweltministerin Anita Tack (Linke) hatte dagegen die energiepolitische Notwendigkeit des neuen Tagebaus bestritten und festgestellt, dass Brandenburg durch die Pläne die selbst gesteckten Klimaziele nicht einhalten kann.“

Das gilt auch für Sachsen.

KohleKlimaschutzgesetzLausitz
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