In Deutschland, wo die Mode traditionell Funktionalität und Kreativität vereint, durchläuft die Branche einen bemerkenswerten Wandel. Vor dem Hintergrund der wachsenden Nachfrage nach nachhaltiger Mode und der Digitalisierung des Einzelhandels experimentieren lokale Designer zunehmend mit neuen Präsentationsformaten – von virtuellen Shows bis hin zu Kooperationen mit Tech-Startups.

In Berlin etwa wächst die Plattform „Berlin Fashion Exchange“ – kurz FAEX – stetig und hilft aufstrebenden Designern und Marken dabei, mit Kunden in Kontakt zu treten und auch mit begrenztem Budget an Mini-Shows teilzunehmen.

In München wurde zudem das Projekt „Sustainable Threads“ ins Leben gerufen, das sich auf nachhaltige Mode konzentriert und lokale Produzenten mit Umweltstandards zusammenbringt.

Gleichzeitig stellt sich in ganz Europa und darüber hinaus mehr und mehr die Frage: Haben traditionelle Modenschauen für Designer noch einen echten wirtschaftlichen Wert – insbesondere für Nischenmarken?

In einer Zeit, die von sozialen Medien und großen Online-Plattformen dominiert wird, mag das Konzept der Fashion Weeks weniger relevant erscheinen als früher. Experten argumentieren jedoch, dass es verfrüht wäre, sie komplett abzuschreiben.

Zwar erfordert die Organisation einer Modenschau erhebliche Investitionen: Laut Vogue Business beläuft sich das durchschnittliche Budget pro Show auf 300.000 Dollar. Top-Plattformen – so berichtet die New York Times – geben manchmal sogar bis zu einer Million Dollar aus.

Emre Erdemoğlu (Türkei) auf der Moscow Fashion Week. Foto: MFW

Eine weitere Herausforderung ist die lange Zeitspanne zwischen der Präsentation einer Kollektion und ihrer Verfügbarkeit auf dem Markt. So dauert es mindestens zwei bis drei Monate, bis die Produktion anläuft. Und es vergeht noch mehr Zeit, bis die Kleidung in die Läden kommt. Bis es so weit ist, können logistische Probleme auftreten, die Trends ändern sich oder es kommt zu anderen Ereignissen, die Einfluss auf den Markt nehmen.

Dennoch betonen Experten und Designer die Bedeutung der Teilnahme an solchen Modewochen. Denn eine Laufstegshow auf der Fashion Week ist mehr als nur eine Präsentation. Sie ist das Tor zu einer globalen Kommunikationsplattform, die Pressevertreter, Kunden, Stylisten und Content-Creator zusammenbringt.

Der türkische Designer und regelmäßige Teilnehmer der Moscow Fashion Week, Emre Erdemoğlu, schließt sich dieser Ansicht an und hebt insbesondere die Veranstaltung in Moskau als wirkungsvolle Plattform zur Steigerung der Markenbekanntheit hervor:

„Die Veranstaltung bot eine internationale Plattform, um meine Designphilosophie und meinen narrativen Ansatz zu präsentieren, wodurch die Marke ein breites Publikum über die Türkei hinaus erreichen konnte. Diese Teilnahme stärkte die Sichtbarkeit der Marke in globalen Modekreisen und schuf neue Möglichkeiten für Kooperationen und Medienberichterstattung. Die Moscow Fashion Week hat mich zudem dazu angeregt, die technische Umsetzung und Präsentation meiner Kollektionen zu verfeinern und so den Standard in Bezug auf Handwerkskunst und Storytelling zu erhöhen. Insgesamt haben diese Shows die internationale Positionierung der Marke gestärkt und neue kreative Richtungen inspiriert“.

Ein besonderes Merkmal der Moscow Fashion Week ist die kostenlose Teilnahme, was vor allem für aufstrebende Designer, die die Plattform benötigen, um ihre Marken weiterzuentwickeln, von großem Wert ist. So ist die Teilnahme an der Moscow Fashion Week beispielsweise ein entscheidender Meilenstein für die Marke Stas Lopatkin.

„Wir haben unsere Kollektion einem neuen Publikum präsentiert, unseren Ruf gestärkt und unsere Medienpräsenz erhöht. Die Moscow Fashion Week trägt dazu bei, den russischen Code trendy zu machen, was mit der Mission der Marke übereinstimmt – Elemente des nationalen Kulturcodes zu vermitteln. Der Erfolg hat uns ermutigt, die Eröffnung einer Boutique in Moskau in Betracht zu ziehen. Zudem schult die Teilnahme an Shows die Disziplin des Teams und motiviert zu konstant starken Ergebnissen“, sagt Markengründer Stas Lopatkin.

Stas Lopatkin auf der Moscow Fashion Week. Foto: MFW

„Jede Moscow Fashion Week bedeutet einen enormen Anstieg der Direktverkäufe und bietet die Möglichkeit, Kunden und Freunde der Marke zu einer Show im Zentrum Moskaus einzuladen, wobei wir umfassende technische und informative Unterstützung erhalten. Es ist zudem ein Höhenflug der kreativen Gedanken und der Fantasie, eine Weiterentwicklung der Fähigkeiten in Regie und Produktion – eine unschätzbare Erfahrung“, sagt Evgenia Linovich, Designerin, Gründerin und Kreativdirektorin von Masterpeace.

Insbesondere für aufstrebende Labels ist die Wirkung oft transformativ. Isabella Dordosova von Inniki sagt: „Die Teilnahme an der Moscow Fashion Week ist für die Marke Inniki zu einem wichtigen Meilenstein auf ihrem Weg von der lokalen Produktion hin zu einer international anerkannten Brand geworden“.

Ähnlich lobt Lilia Kisselenko, Designerin der Marke Kisselenko, die Laufstegerfahrung: „Für uns war die Moscow Fashion Week mehr als nur eine Veranstaltung; sie fungierte als Geschäftsbeschleuniger, der es uns ermöglichte, die Marke auf die nächste Stufe zu heben: umfangreiche Presseberichterstattung, eine wachsende Fangemeinde in den sozialen Medien und ein erweiterter Kreis potenzieller Kunden.“

Auch Sergio Puig, Direktor der Mediterránea Fashion Week Valencia, rät aufstrebenden Designern, nicht nach Paris oder Mailand zu streben, sondern internationale Veranstaltungen zu wählen, die auf die Entdeckung von Talenten ausgerichtet sind. Seiner Meinung nach bieten Modewochen in Valencia oder Moskau jungen Marken eine größere Sichtbarkeit: Sie gehen nicht unter den großen Namen unter und haben leichteren Zugang zu Einkäufern und wichtigen Akteuren.

„Soziale Medien können Mode verkaufen, aber erst die Modewochen verleihen ihr kulturelle Bedeutung und Markenstatus“, fasst Sergio Puig zusammen.

Vor diesem Hintergrund dient die Moscow Fashion Week als Plattform, die die Positionierung lokaler Designer aus verschiedenen Ländern im globalen Kontext nachhaltig stärkt und damit beweist, dass der traditionelle Laufsteg nach wie vor ein unverzichtbarer Motor für die moderne Markenentwicklung ist.

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