Kolumne

Aus dem Leben eines Mittelständlers

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausg. 63Die Digitalisierung hält uns alle fest im Griff. Industrie 4.0, Internet of Things, Machine Learning, Big Data … Das alles und noch viel mehr stürmt auf kleine und mittlere Unternehmen ein. Sie sollen jetzt performen, agil arbeiten, cloud computing betreiben und auf customer centricity achten. Ganz zu schweigen von Diversity oder work-life-balance.

Doch wenn sie nicht gerade mit vielen Tausend Euro und zig Überstunden neue europäische Datenschutzverordnungen umsetzen müssen, bestimmen ganz analog-irdische Umstände wie Fachkräftemangel oder Bürokratie die Lebens- und Arbeitswirklichkeit mittelständischer Unternehmer.

So auch in unserer Inveda GmbH, die sich auf die Entwicklung von Software-Lösungen für die Versicherungswirtschaft spezialisiert hat. Aktuell arbeiten 30 Mitarbeiter aus vier Nationen in meinem Unternehmen.

Der Fehler im System

Fakt ist: Bei der Berufsausbildung in Deutschland stehen sich Ausbilder, Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe gegenseitig im Weg. Fakt ist auch, der Fehler liegt System!

Die deutsche Berufsausbildung wird im Ausland gerne lobend erwähnt und als vorbildhaft dargestellt. Doch der Glanz verblasst, die Realität sieht in Deutschland mittlerweile ganz anders aus. Neben tausenden unbesetzten Stellen finden sich immer mehr Jugendliche ohne Ausbildung. Ich denke, unser aktuelles System wurde vom Lauf der Zeit überholt und ist dringend renovierungsbedürftig. Hier ein paar Verbesserungsvorschläge aus Sicht eines Leidtragenden.

Streicht sinnlosen Unterricht

Fragt man einen Lehrling, warum er sich für eine Berufsausbildung entschieden hat, erhält man oft die Antwort, dass er sich eine Arbeit im Büro, also acht Stunden am Schreibtisch, einfach nicht vorstellen könne. Besonders junge Männer leiden offenbar unter Bewegungsdrang, der bei trendigen Berufen wie Softwareentwickler oder Mediengestalter einfach nicht befriedigt wird.

Doch haben sich der junge Mann/die junge Frau für eine Berufsausbildung z. B. als Maurer, Tischler oder Zimmermann entschieden, finden sie sich plötzlich doch am Schreibtisch wieder – nämlich auf der Schulbank in der Berufsschule. Dort versucht man mit Fächern wie Deutsch, Mathematik und Sozialkunde das nachzuholen, was die Schüler angeblich in ihrer bisherigen Ausbildung verpasst haben. Das Ergebnis: Die Lehrlinge schalten ab, die Berufsschullehrer schieben Frust. Schnell heißt es dann, früher war alles besser und die Lehrlinge motivierter und besser gebildet ….

Doch ist das wirklich so? Für mich stellt sich die Frage: Wieso quält man eigentlich Jugendliche, die einer praktischen Tätigkeit nachgehen wollen, mit Fächern, mit denen diese bereits in der Schule abgeschlossen haben. Das ist doch reine Zeitverschwendung. Warum gehen wir in Zeiten des akuten Lehrermangels so verschwenderisch mit engagiertem Lehrpersonal um? Also erlösen wir unsere Azubis und schicken die Deutsch- und Mathelehrer lieber in die Hauptschulen, dorthin, wo die Grundsteine für die Bildung unserer Kinder gelegt werden.

Lehrlinge müssen sich lohnen

Auch dieses Tabu muss gebrochen werden. Warum gilt es als unschicklich, wenn Ausbildungsbetriebe eingestehen, dass sie auch ausbilden, weil sie mit den Lehrlingen Geld verdienen. Unternehmerische Philanthropie in allen Ehren, aber diese Motivation ist doch nicht ehrenrührig? Warum können wir nicht ehrlich sagen, dass Lehrlinge während der Ausbildung sehr wohl nützliche Mitarbeiter in den Betrieben sind, die wenig kosten.

Denn ihre Ausbildung kostet: viel Zeit, Betreuungsaufwand und Lehrlingsentgelt. Alles nur in der Hoffnung, dass die ausgebildete Fachkraft dann auch im Betrieb bleibt? Das ist betriebswirtschaftlicher Unsinn!

Mehr Zeit in den Betrieben

Im ersten Lehrjahr ist ein Azubi, der z. B. einen Bauberuf lernt, so gut wie nie im Ausbildungsbetrieb. Die meiste Zeit verbringt er in der Berufsschule oder in Fachwerkstätten. Noch absurder, Urlaub gibt es nur während der Zeit im Ausbildungsbetrieb, und der ist mit mindestens 22 Tagen im Jahr mehr als üppig.

Wieder mehr Zeit für die praktische Ausbildung in den Unternehmen. Foto Privat

Wieder mehr Zeit für die praktische Ausbildung in den Unternehmen. Foto Privat

Da stellt sich schnell die Frage, wie ein Lehrling für den Betrieb überhaupt von Nutzen sein kann, das Lehrlingsentgelt wird schließlich jeden Monat bezahlt. Und sollte ein Lehrling nicht eher bei seinem Meister im Betrieb sein Handwerk lernen?

Hier hat eine Verschiebung von den Betrieben zu den Schulen stattgefunden, die nicht gesund ist. Das führt sogar so weit, dass Lehrlinge mittlerweile weniger im Betrieb sind, als zum Beispiel ihre Altersgenossen, die an einer Berufsakademie studieren. Dort sind die Studenten die Hälfte der Zeit in ihren Betrieben. Bei der Berufsausbildung im ersten Lehrjahr sind es nicht einmal zehn Prozent.

Die Berufsausbildung braucht wieder Wertschätzung in der Gesellschaft

Was vor geraumer Zeit seinen unschönen Anfang nahm, nimmt in Zeiten der Digitalisierung überhand. Alle müssen aufs Gymnasium, jeder soll studieren. Das hat seine Ursache in einer verloren gegangenen Wertschätzung von ganz normaler Facharbeit.

Noch heute hört man in manchen Schulen die Drohung: „Wenn du dir keine Mühe gibst, dann landest du auf dem Bau“. Mag sein, dass eine Gesellschaft von Eliten geführt werden kann, am Leben gehalten wird sie aber von gut ausgebildeten Fachkräften, egal ob im Handwerk oder im Dienstleistungsbereich.

An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob das Bildungssystem in der DDR nicht fortschrittlicher war. Damals gingen alle in dieselbe Schule, zumindest bis zur zehnten Klasse. Lehre und Ausbildung in einer Berufsschule waren anerkannt, Abitur und Studium eher die Ausnahme. Die Zahl der Studienabbrecher naturgemäß geringer. Auch heute wären viele junge Leute, die ihr Studium abgebrochen haben, auf einer Berufsschule besser aufgehoben gewesen.

Im Übrigen, Universitäten sollten wieder das werden, was sie einst waren: nämlich Zentren für die Forschung und keine Lehrstätten, um einen Beruf zu erlernen.

Der Leipziger Unternehmer Dirk Pappelbaum ist Geschäftsführer und Inhaber der 2002 gegründeten Leipziger Inveda.net GmbH. Schwerpunkt seines Unternehmens ist die Entwicklung von Software-Lösungen für die Versicherungswirtschaft in den Bereichen CRM, Beratungsprotokolle, Tarifvergleiche, Antragstellung, Provisionsabrechnung und Online-Portale.

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 63: Protest, Vertrauen und eine gute Frage

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Foto: Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig (4506)

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