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Die Industrie in Ostdeutschland hat auch für 2016 ihre Auftragsbücher gefüllt

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    Hollerö, sagte das Herz, als am Dienstag, 19. Januar, die neue Meldung des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ins Fach geflattert kam. Es ist Winter. Und die prophetische Erwartungskurve zum Gesundheitszustand der ostdeutschen Industrie schwenkt wieder in die Höhe. Wie jedes Jahr. Die ganze Aufregung vom Sommer und Herbst - die ganze Vorausschau-Angst - für die Katz.

    Denn Wirtschaftsinstitute können viel. Aber sie können nicht in die Zukunft schauen. Und sie tun sich schwer, Unternehmerseelen zu verstehen. Auftragsbücher sind etwas Schönes. Sie sind klar und eindeutig. Was drin steht, wird auch verdient. Aber sie sind wie Menschen mit Jojo-Effekt. Gegen Jahresende dünnen sie aus, denn auch die Auftraggeber haben ja ihre Jahresabschlüsse noch nicht gemacht. Und nach Neujahr beginnen die Bücher, sich auf einmal wieder wundersamerweise zu füllen, weil jetzt die Meisten wissen, was sie im neuen Jahr alles ausgeben können.

    Das Ergebnis: Nach der fast panischen Furcht, Anfang 2016 könnte die nun seit 2010 recht stabile Aufwärtsfahrt im ostdeutschen Industriebereich in den Keller sacken, könnten Heulen und Zähneklappern eintreten und eine Tour durch den Wildwasserkanal, ist wieder der arbeitsamen Ruhe gewichen. Die Auftragsbücher füllen sich und die großen Bosse sehen ruhiger ins nächste halbe Jahr. Das sagen sie so zwar nicht. Das werden sie so auch nicht gefragt. Sie müssen nur bewerten, wie sie ihre aktuelle Produktionslage und die aktuelle Auftragslage einschätzen. Mehr nicht. Das ergibt – übers Jahr gesehen – den oben geschilderten Jojo-Effekt.

    Und eigentlich ist es nicht mal erwähnenswert, solange die deutliche Mehrheit der Unternehmer positive Noten verteilt. Dann läuft der Laden.

    Auch wenn es so massig viele Industrieunternehmen im Osten nicht gibt. 300 hat das IWH wieder befragt. Und das Ergebnis: „Die Lage wird per saldo drei Punkte besser als im Vorquartal bewertet, und der Saldo aus positiven und negativen Meldungen über die Geschäftsaussichten steigt um vier Punkte.“

    Was noch gar nichts sagt. Denn vier Punkte rauf oder runter kann es auch unten im Negativbereich geben oder im Zitterbereich um die Null, was Ostdeutschland seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Wenn der Saldo da unten landet, also wenn sich positive und negative Einschätzungen die Waage halten, dann beginnt tatsächlich erst so die leichte Krisenstimmung. Aber nicht mal die ganzen Politiker, die jetzt im Tagesrhythmus herumjammern mit dem Refrain „Wir schaffen das nicht“, geben zu, dass in Deutschland tatsächlich niemand einen Grund zum Jammern hat. Kein anderes Land in Europa kann in der aktuellen Flüchtlingssituation so umfassend helfen wie Deutschland. Die Flüchtlinge könnten sogar zum goldrichtigen Zeitpunkt gekommen sein, denn die deutsche Wirtschaft braucht dringend Arbeitskräfte. Und sie ruft auch danach.

    Jetzt muss nur der Übergang organisiert werden. Und genau da streikt eine Politikerelite, die einfach nicht in der Lage ist, Deutschlands Zukunft vorauszudenken.

    Und wo steht nun die ostdeutsche Industrie? – Bei der Lageeinschätzung steht sie bei 63 Prozent im Plus. Heißt im Klartext: Wenn man die negativen Lageeinschätzungen von den positiven abzieht bleiben 63 Prozentpunkte im positiven Bereich übrig. In jedem anderen europäischen Land würden die Wirtschaftsminister bei solchen Zahlen den Champagner entkorken.

    Aber in Deutschland jammern sie. Oder ihre Kollegen im Innenministerium.

    Und die Aussichten? Da liegt die Gesamteinschätzung mit 67 Prozentpunkten im Plus. Heißt: Die meisten Unternehmen haben das, was man so landläufig „volle Auftragsbücher“ nennt. Sie wissen, dass sie die nächsten Monate zu tun haben, dass sie ihre Leute bezahlen können und auch bei der Steuer nichts tricksen müssen.

    Das kann man noch differenzieren nach Branchen. Die Leute im Vorleistungsgütergewerbe sind deutlich vorsichtiger in der Lageeinschätzung (+ 49 Prozent), sehen aber ganz zuversichtlich in die nächsten Monate (+ 58 Prozent). Im Investitionsgütergewerbe ist die Lage noch besser (+ 68 Prozent), die Zukunft noch heller (+ 73 Prozent). Und die paar Konsumgüterhersteller, die es im Osten gibt, die freuen sich mittlerweile bannig darüber, dass die Ostdeutschen auch endlich mal ein bisschen mehr Geld zum Ausgeben haben (Mindestlohn, niedriger Ölpreis, da und dort Tarifsteigerungen). Die Lageeinschätzung liegt mit 77 Prozentpunkten im Positiven, die Aussichten werden mit 74 im Plus bewertet.

    Dazu muss man eigentlich nicht mehr viel sagen, auch wenn die IWH-Autoren das noch ein bisschen ins übliche Kauderwelsch zu fassen versuchen: „Die positiven konjunkturellen Signale, die bereits im Herbst aus den Industrieunternehmen kamen, haben sich gefestigt. Dafür spricht auch, dass sich die Auftragslage zum zweiten Mal in Folge verbessert hat und die Produktionserwartungen ihr hohes Niveau beibehalten.“

    Und so nimmt man zurück, was im Herbst aus einigen Wirtschaftsinstituten als banges Erwarten formuliert worden war: „Die ostdeutsche Industrie zeigt sich weitgehend unbeeindruckt von globalen Krisen und setzt wohl auf eine moderate Belebung der Inlandsnachfrage.“

    Ach ja, die Krisen. Von denen etliche Wirtschaftsinstitute immer meinen, sie müssten auch als Drama durchschlagen bis auf die regionale Produktion, bloß weil die großen Gazetten schon ins Geheul ausbrechen, wenn China statt 8 Prozent Wachstum nur 6,9 meldet. Nach 25 Jahren auf höchstem Niveau. 6,9 Prozent? In einer entwickelten Industriegesellschaft – und Deutschland ist eine – sind 1,5 bis 2 Prozent ein stattlicher Wert. Oft vergessen Deutschlands Statistiker, was diese Zahlen bedeuten, wenn man damit auch noch einen funktionsfähigen Sozialstaat finanziert – was die Deutschen schaffen und die Amerikaner und Chinesen eben nicht.

    Volatilität ist kein Wert an sich. Nur bei ganz und gar marktverliebten Statistikern.

    Tatsächlich künden die Zahlen von der bislang stabilsten positiven Wirtschaftsphase, die Ostdeutschland seit 1990 hingelegt hat. Auf sehr niedrigem Niveau, das ist das eigentliche Problem dabei. Aber neue Industrien entstehen nun einmal nicht aus dem Nichts. Das braucht Vorlauf, Forschung und viel mehr politische Angstlosigkeit, als sie die derzeitigen Landesregierungen in Ostdeutschland haben.

    Die kleine Konjunkturanalyse des IWH zu Ostdeutschland im Winter.

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