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Mit den Einwohnern wandern auch die sächsischen Unternehmen verstärkt in die großen Städte

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    Dass in Sachsen die Zahl der angemeldeten Gewerbe im Jahr 2015 von 171.587 auf 171.031 sank, das haben wir eben gerade schon berichtet. Auch dass es erstmals seit Jahren mit einem leichten Rückgang der Erwerbstätigenzahl einherging. Und dass vor allem im Baugewerbe deutlich mehr Betriebe abgemeldet als angemeldet wurden. Und natürlich hat das mit der oft und gern beschworenen „demografischen Entwicklung“ zu tun.

    Das wird auch im Bericht des statistischen Landesamtes zu Gewerbean- und -abmeldungen im 4. Quartal 2015 deutlich. Wobei die Quartalszahlen an sich zwar bestimmt interessant sind, aber da sie stark vom saisonalen Effekt dominiert werden, sind sie nicht unbedingt für die Gesamtentwicklung aussagekräftig.

    Aber die findet man in diversen Grafiken auch in diesem Bericht. Ab Seite 19, wer es im unten verlinkten Dokument nachlesen möchte.

    Da sieht man erst einmal die Fieberkurve der Neugründungen insbesondere ab dem Jahr 2003. Am 1. Januar 2003 war das Instrument der sogenannten „Ich-AG“ in Kraft getreten, Bestandteil des „Hartz“-Paketes Nr. 2. Tausende Sachsen nutzten damals die Chance, sich als Ich-AG selbstständig zu machen und damit im Grunde aus der Arbeitslosigkeit freizukaufen. Ein höchst prekäres Instrument, das schon ab 2006 wieder abgeschafft wurde. Amtlich hieß das Ganze zwar „Existenzgründungszuschuss“. Aber zu mehr als der mageren Aufpufferung eh schon labiler Geschäftstätigkeiten reichte es schon damals nicht.

    Gewerbeanzeigen in Sachsen 2000 bis2015. Grafik: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt
    Gewerbeanzeigen in Sachsen 2000 bis 2015. Grafik: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt

    Schon ab 2007 verblasste der Effekt, auch wenn es in Sachsen nach wie vor deutlich mehr Gewerbeanmeldungen als Abmeldungen gab. Ob der Effekt von 2007 bis 2011 freilich ein „natürlicher“ Effekt ist, der mit dem spürbar werdenden Wirtschaftsaufschwung in Sachsen zusammenhing, hat bis jetzt noch niemand untersucht. Auch nicht, ob dahinter eigentlich eine normale Verteilungsrate für ein Land wie Sachsen steckte und damit direkt Anschluss fand an die Kurve, wie sie bis 2003 sichtbar war.

    Denn wenn in einem Land wie Sachsen von Wirtschaftswachstum geredet wird, dann muss das eigentlich auch in den Gewerbeanmeldungen sichtbar werden: Wachsende Wirtschaftsleistung erzwingt geradezu neue Unternehmensgründungen.

    Doch ab 2012 wurde dann sichtbar, dass die Entwicklung in Sachsen so gesund nicht sein kann, wie gern behauptet. Denn seitdem übersteigen Jahr für Jahr die Gewerbeabmeldungen die Gewerbe(neu)anmeldungen. Die Zahl der gemeldeten Unternehmen schrumpft also. 2014 war es ein Minus von 604, 2015 dann eines von 952.

    Und wer sich die nächste Grafik anschaut, sieht, dass dieser Effekt direkt mit den Wachstums- und Schrumpfungsprozessen in den Kreisen zusammenhängt.

    Tatsächlich gibt es nur zwei Großstädte in Sachsen, in denen die Zahl der Neuanmeldungen auch 2015 die Zahl der Gewerbeabmeldungen deutlich überstieg: Leipzig und Dresden. Leipzig noch stärker als Dresden. Daneben gab es nur zwei Landkreise, in denen die Zahl der Anmeldungen leicht über den Abmeldezahlen lagen: Görlitz und Meißen. In allen anderen Landkreisen ging die Zahl der angemeldeten Gewerbe deutlich zurück. Und neben dem Erzgebirgskreis und Mittelsachsen fallen hier auch die beiden Landkreise Leipzig und Nordsachsen auf.

    Natürlich hat das mit schwindenden Kundenstämmen zu tun, aber auch mit fehlendem Nachwuchs und fehlenden Nachfolgern für eine Unternehmensübernahme. Was auch in der Art der Rückgänge sichtbar wird.

    Denn besonders deutlich wird die zunehmend negative Spanne zwischen Anmeldungen und Abmeldungen im bereich der Kfz-Werkstätten, deren Netz im Land sichtlich auszudünnen beginnt. Einen ähnlichen Effekt sieht man bei den Baubetrieben und – etwas abgeschwächt – bei den Versicherungsdienstleistern. Wenn immer mehr Menschen die ländlichen Räume verlassen, lohnt sich auch die Unterhaltung eines Versicherungsbüros nicht mehr. Und leichte Rückgänge gab es auch im Gastgewerbe, das ja eben nicht nur vom Tourismus abhängt, wie gern erzählt wird, sondern noch viel stärker von der Stammkundschaft. Wenn die wegstirbt und abwandert, kann auch der Wirt nur noch den Laden schließen.

    Oder umziehen. Das trifft zwar aufs Gastgewerbe eher selten zu. Aber in anderen Branchen ist der Effekt unübersehbar: Die Inhaber der Unternehmen verlagern ihren Betrieb aus zunehmend ausgedünnten Landstrichen in Mittel- und Oberzentren, wo wieder mit mehr Kundschaft gerechnet werden kann.

    Besonders stark fällt der Effekt im Baugewerbe auf: 558 Unternehmer gaben als Grund für ihre (Neu-)Anmeldung einen Zuzug in den neuen Verwaltungsbereich an. Ähnlich vermerkten es die Inhaber von Kfz-Werkstätten und Kraftfahrzeughändler (608), aber auch wirtschaftliche Dienstleister (472) oder Freiberufler, die noch viel schneller ihre Sachen gepackt haben, wenn sie merken, dass in einigen Regionen einfach nicht mehr genug Kundschaft zu finden ist (368).

    Hinter den Zuwächsen – etwa in Leipzig – stecken auch einige hundert Umzüge von Gewerbetreibenden, die quasi den anderen Umzüglern, den jungen Auszubildenden und den jungen Familien, hinterher ziehen – und damit die Ausdünnung in ländlichen Regionen noch verstärken, denn natürlich nehmen sie auch die Arbeitsplätze mit, selbst wenn es nur ihre eigenen sind.

    Und insgesamt verstärkt das logischerweise den Trend zur Verdichtung und stärkt Großstädte wie Leipzig. Leipzig verzeichnete 2015 mit 505 die größte Zahl zuziehender Gewerbetreibender, gefolgt von Dresden mit 360. Zwar gibt es die Effekte auch in den Landkreisen. Aber dazu ist zumindest diese Statistik nicht kleinteilig genug, um zu sehen, wie die Wanderungsbewegungen von Unternehmen dort verlaufen, ob die Gewerbeinhaber aus kleineren in mittlere Städte umziehen oder Kreisgrenzen überschreiten oder einfach nur Regionen verlassen, in denen der ÖPNV ausdünnt, um sich dann in den stabileren Zentren anzudocken.

    Das alles wäre ganze Studien wert. Aber so recht will das in Sachsen derzeit niemand tun, vielleicht sogar aus Furcht, dabei was zu lernen über die Triebkräfte der so gern beschworenen „demografischen Entwicklung“ und über die Auslösemechanismen von Wanderbewegungen: Wer bricht zuerst auf? Und ab wann wird die Abwanderung zur Kettenreaktion, die eins nach dem anderen mit sich reißt? Bis nur noch ein älterer Herr durchs verlassene Dorf schlurft und nachschaut, ob auch alle Hoftore fest verschlossen sind.

    Die Statistik zu den Gewerbean- und -abmeldungen in Sachsen 2015.

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